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Bürgerkrieg in Syrien
„Beendet diese Hölle auf Erden“

Damaskus . Gut sieben Jahre dauert der Krieg in Syrien. Mit einer vereinbarten Waffenruhe keimt Hoffnung auf Frieden auf – wohl vergebens. Von Pascal Becher
Pascal Becher

(SZ/dpa/afp) Bilder sind mächtige Waffen – besonders wenn sie aus Kriegsgebieten kommen. Dabei vermitteln sie oft das Gefühl gewaltiger Ohnmacht. Wie die aktuellen Fotos qualvoll leidender Kinder, Frauen und Männer,  Väter und Mütter, Geschwister und Großeltern, die gestern in einer Klinik in Ost-Ghuta gemacht wurden. Die Menschen in der syrischen Region ringen um ihr Leben, saugen mit schmerzverzerrten Gesichtern Sauerstoff aus Atemmasken. Dabei haben sie noch Glück gehabt. Denn sie haben wahrscheinlich eine Chlorgas-Attacke überlebt. Absender des chemischen Kampfstoffs soll Baschar-al-Assad gewesen sein. Das sagen die Rebellen in der Region, die seit 2013 von Truppen des Diktators umstellt wird.


Belegt ist der ABC-Angriff nicht. Fakten lassen sich in diesem Bürgerkrieg nur schwer belegen. Es gibt nur diese verstörenden Bilder. Jedoch wäre Assad eine derart grausame Tat zuzutrauen. Der „Schlächter“, wie der studierte Augenarzt genannt wird, schreckt seit sieben Jahren nicht davor zurück, sein eigenes Volk zu massakrieren, um seine Macht zu behalten. Und Giftgas-Angriffe sind dabei ein Mittel der Wahl.

Womöglich auch gestern. Und damit genau einen Tag, nachdem sich die Vereinten Nationen zu einer 30-tägigen Waffenruhe durchringen konnten. Sogar mit Zustimmung Russlands. Dem strategischen Partner von Präsident Assad. Moskau hatte zuvor seit 2011 im UN-Sicherheitsrat elf Mal von seinem Veto-Recht Gebrauch gemacht, um Resolutionen zu blockieren und seinen Verbündeten in Damaskus vor westlichem Druck zu schützen. „Es ist höchste Zeit, diese Hölle auf Erden zu beenden“, forderte gestern erneut UN-Generalsekretär Antonio Guterres angesichts fortdauernder Gefechte. Die Kriegsparteien sollen die Waffenruhe einhalten. Im Blick hatte er maßgeblich Kremlchef Wladimir Putin. Und sein Appell fruchtete – etwas. Moskau ließ sich auf eine ab heute gültige tägliche Feuerpause zwischen 9 und 14 Uhr im belagerten Ost-Ghuta ein.



Das Morden dort ging jedoch ungehindert weiter. Rund 400 000 Menschen sind fast vollständig von der Außenwelt abgeschlossen. Wegen der Blockade des Regimes sind Nahrungsmittel und Medikamente knapp, Strom gibt es ohnehin nicht, Benzin für Generatoren wird immer teurer. Waren kommen nur noch über Schmuggeltunnel hinein. Allein in den vergangenen acht Tagen kamen laut Menschenrechtsorganisationen dort mehr als 550 Zivilisten ums Leben, tausende wurde verletzt. Sie wurden Opfer der jüngsten Bomben- und Granatenangriffe, die Assad derzeit „minütlich“ auf Rebellen und Islamisten der Al-Qaida abfeuert. Beobachter sprachen von einem „Massaker“ und „Völkermord“.

Syriens Regierung weist die Schuld dafür von sich, verweist stattdessen auf Granaten, mit denen die Rebellen die Viertel im angrenzenden Damaskus beschießen. Militär-Experten erkennen in Ost-Ghuta jedoch ein klares Schema der Assad-Allianz, das aus Sicht des Machthabers schon beispielsweise in Aleppo erfolgreich war: Sie bombardiert ein belagertes Gebiet so lange, bis die Rebellen zur Aufgabe bereit sind. „Ausbluten“ heißt das dann kühl im Fachjargon.

Ost-Ghuta ist längst nur einer von zahlreichen blutigen Schauplätzen des Bürgerkriegs, wie eine Analyse des Konfliktgebietes der BBC zeigt. Im Fokus steht die „Assad-Putin“-Allianz. Sie hält inzwischen auch wieder einen großen Teil des Staatsgebietes unter ihrer Kontrolle. Die Einflusszone reicht von Aleppo, Latakia und Hama im Nordwesten über Homs und Damaskus nach Palmyra und die Randgebiete von Rakka. Im Süden braucht das Regime zusätzlich Hilfe von den Mullahs des Iran und ihrem militärischen Arm, der Hisbollah. Sie kämpft nahe der Grenze zum Libanon zudem gegen Israel. Die syrischen Rebellen halten ihrerseits Gebiete von etwa zehn Prozent der Staatsfläche.

Im Nordosten, ein Drittel des Landes, haben weder Assad noch Putin oder der Iran Einfluss. Dort regiert die YPG, der syrische Ableger der kurdischen PKK. Sie wird von den USA unterstützt. Und bekämpft die Türkei. Diese hält wiederum Stellungen um Asas und nahe der Kurden-Stadt Kobane. Präsident Recep Tayyip Erdogan schickte gestern – ungeachtet der Waffenruhe – Spezialkräfte  in die nordsyrische Region. Sie sollen im Häuserkampf die Kurden besiegen, „ohne Zivilisten zu verletzen“. Berichte über zivile Opfer weist sie als Propaganda zurück.

Der IS, der einst halb Syrien als sein Kalifat nennen konnte, kontrolliert nur noch wenige Zonen nahe der irakischen Grenze.

Und dann ist da auch noch die EU. Die Staaten greifen nicht direkt als Kriegspartei ein. Jedoch verhängt Brüssel seit Beginn des Syrien-Konflikts immer wieder neue und umfangreiche Sanktionen gegen das Assad-Regime.  Dazu gehören unter anderem ein Öl-Embargo, Beschränkungen für Investitionen und das Einfrieren von Guthaben der syrischen Zentralbank.  Allerdings wirkten sich diese Maßnahmen nicht merklich auf den Verlauf des Konfliktes aus, sagen Beobachter. Wohl auch deshalb  beschränkte sich gestern EU-Chefdiplomatin Federica Mogherini am Rande eines EU-Außenministertreffens in Brüssel auf mahnende Worte. „Diese Resolution braucht Überwachungsmechanismen“ – und forderte die Einhaltung der UN-Waffenruhe. 

„Bisher hat sich am Boden nichts geändert“, sagte der Leiter des Büros der Hilfsorganisation UOSSM in Ost-Ghuta, Mohammed Chair Sammud, gestern resignierend. „Dem Sicherheitsrat ist die Umsetzung der Resolution gleichgültig. Wo ist da der Wert der Entscheidung?“

Am Ende des Tages sollten allein in Ost-Ghuta wieder unzählige Zivilisten ihr Leben verlieren. Die Bilder, die das Gefühl gewaltiger Ohnmacht transportieren, sie werden wohl noch lange die Meldungen aus Syrien bestimmen.