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„Wir sind uns der Brisanz des Falles bewusst“

Stuttgart. Es wird immer mysteriöser: Der plötzliche Tod einer Zeugin zur NSU-Mordserie lässt Gerüchte ins Kraut sprießen. Die heftig kritisierten Behörden wollen sich diesmal nichts vorwerfen lassen. dpa-Mitarbeiterin Julia Giertz

Dass eine 20-Jährige nach einem leichten Motorradunfall trotz Thrombose-Vorsorge an einer Lungenembolie stirbt, ist ungewöhnlich. Dass die Frau jüngst vor dem Stuttgarter NSU-Untersuchungsausschuss als Zeugin unter Ausschluss der Öffentlichkeit vernommen wurde, weil sie sich bedroht fühlte, lässt ihren Tod noch ominöser erscheinen. "Als ich das gehört habe, habe ich die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen", beschreibt Nikolaos Sakellariou, SPD-Obmann in dem Gremium, seine erste Reaktion auf die Nachricht. Dann kommt das Obduktionsergebnis: Anzeichen für eine wie auch immer geartete Fremdeinwirkung gebe es nicht. Aber die Staatsanwaltschaft Karlsruhe will es "ganz genau" wissen, wie Staatsanwalt Tobias Wagner betont: "Wir sind uns der Brisanz des Falles bewusst." Daher wird die Leiche jetzt auf Spuren von Medikamenten oder Giften untersucht, auch wird sie mikroskopisch etwa auf Gewebeveränderungen geprüft.

Jeder weitere Todesfall im engeren oder weiteren Umfeld der Mordserie der rechten Terrorzelle NSU macht hellhörig, denn es gibt mehrere davon: Da ist einmal der Tod des V-Manns Corelli, der an einem Zuckerschock infolge einer unerkannten Diabetes-Krankheit starb; dann der Tod eines mutmaßlichen Augenzeugen des Mordes an der Polizistin Michèle Kiesewetter 2007, der 2009 mit tödlichen Verletzungen vor seinem ausgebrannten Auto nahe Heilbronn entdeckt wurde.

Der Ex-Freund der nun gestorbenen jungen Frau, Florian H., zählt ebenfalls zu den Menschen, die auf mysteriöse Weise ums Leben kamen. Der 21-Jährige war im Herbst 2013 in seinem Auto verbrannt aufgefunden worden, genau an dem Tag, an dem er von der Polizei befragt werden sollte. Auch er soll gewusst haben, wer Kiesewetter erschossen hat. Für den Mord an der Polizistin werden die Terroristen des "Nationalsozialistischen Untergrunds" verantwortlich gemacht - wie auch für die Morde an insgesamt neun Geschäftsleuten ausländischer Herkunft.

Wegen ihrer kurzen Beziehung zu Florian H., einem Ex-Neonazi, war die 20-Jährige Anfang März als Zeugin vom NSU-Ausschuss in Stuttgart vernommen worden. Sakellariou schildert sie als "nettes und sympathisches Mädchen ". Dass die Frau Opfer dunkler Mächte geworden sein könnte, ist für Sakellariou kaum vorstellbar: "Der Aufwand, einen etwaigen Mord so komplex zu verdecken, dass sich dieses Krankheitsbild ergibt, wäre enorm." Sie habe zwar auf einer nicht-öffentlichen Vernehmung bestanden, aber keine konkrete Gefahr benannt.

Nach Darstellung der Staatsanwaltschaft handelt es sich um einen tragischen Tod infolge eines Unfalls: Die Frau zog sich bei einer Fahrt mit dem Motorrad ihres Lebensgefährten eine Prellung am Knie zu. Am Abend ließ sie sich im Krankenhaus versorgen. Zwei Tage später besuchte sie ihren Hausarzt. Obwohl sie erneut Medikamente gegen Thrombose erhielt, löste sich nach Erkenntnissen der Rechtsmedizin Heidelberg aus dem Bluterguss im Knie ein Blutgerinnsel und verursachte eine Embolie.

Im U-Ausschuss werden trotz der Panne bei der Durchsuchung des ausgebrannten Fahrzeugs von Florian H. keine Zweifel an den Ermittlern laut. Aus Sicht des Vorsitzenden Wolfgang Drexler (SPD ) und des Grünen-Obmannes Jürgen Filius gibt es keinen Anlass, die Arbeit der Behörden infrage zu stellen. Das war zuvor schon anders: Drexler war es, der kürzlich der Öffentlichkeit Dinge präsentierte, die die Polizei bei der Durchsuchung des Autos von Florian H. übersehen, dessen Familie aber gefunden hatte. Die Angehörigen sind - anders als die Polizei - nicht vom Selbstmord des jungen Mannes überzeugt.