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„Piloten-Suizid“ – das Tabu der Luftfahrt

Ich weiß doch nicht, was im Kopf dieses Co-Piloten vorgegangen ist." Das sagt Staatsanwalt Brice Robin am Donnerstag in Marseille. Die Angehörigen der Opfer werden sich diese Frage vielleicht bis ans Ende ihres Lebens stellen: Was ging in den letzten acht Minuten des Germanwings-Fluges 4U9525 im Kopf von Andreas L. vor? Was ging in ihm vor, als der Flugkapitän wie verrückt gegen die Tür des Cockpits hämmerte? Was ging in ihm vor, als der Tower in Marseille immer wieder versuchte, Kontakt zu ihm aufzunehmen? Und was ging in ihm vor, als kurz vor dem Aufprall die Schreie der Passagiere ertönten? Man weiß es nicht, denn in der ganzen Zeit sprach der junge Mann kein einziges Wort. "Ich habe Probleme mit dem Begriff Selbstmord ", sagt der Staatsanwalt bei der Pressekonferenz. "Wenn man 150 Personen in den Tod reißt, ist das für mich eigentlich kein Selbstmord ." Es ist die Horrorvision der Luftfahrt , die Piloten und Passagiere in ihrem Entsetzen eint. Denn wenn der Feind von innen kommt, helfen auch die ausgefeiltesten Sicherheitssysteme nicht. "Es sind ganz besondere Situationen, die man nicht verhindern kann", sagte der Chefredakteur des Fachmagazins Aero International, Dietmar Plath. An Bord des Unglücksflugs auf dem Weg von Barcelona nach Düsseldorf müssen sich dramatische Szenen abgespielt haben - vergleichbar mit denen, die sich einige Zeit zuvor an Afrikas Himmel ereignet haben. Dort hatte am 29. November 2013 ein Pilot auf dem Flug von Maputo nach Luanda über dem namibisch-angolanischen Grenzgebiet eine relativ neue Embraer 190 auf ähnliche Weise bewusst in den Boden gesteuert - 34 Menschen starben. Eine Untersuchungskommission fand später heraus, dass der Pilot sich im Cockpit eingeschlossen und absichtlich den Absturz ausgelöst hatte. Auch dort trommelte der ausgesperrte Flugkapitän verzweifelt gegen die Tür, bevor der bewusst eingeleitete Sinkflug in den Tod abrupt endete. Der Gedanke lässt erschaudern Christoph Driessen,Ralf E. Krüger (dpa)

Ich weiß doch nicht, was im Kopf dieses Co-Piloten vorgegangen ist." Das sagt Staatsanwalt Brice Robin am Donnerstag in Marseille. Die Angehörigen der Opfer werden sich diese Frage vielleicht bis ans Ende ihres Lebens stellen: Was ging in den letzten acht Minuten des Germanwings-Fluges 4U9525 im Kopf von Andreas L. vor?

Was ging in ihm vor, als der Flugkapitän wie verrückt gegen die Tür des Cockpits hämmerte? Was ging in ihm vor, als der Tower in Marseille immer wieder versuchte, Kontakt zu ihm aufzunehmen? Und was ging in ihm vor, als kurz vor dem Aufprall die Schreie der Passagiere ertönten? Man weiß es nicht, denn in der ganzen Zeit sprach der junge Mann kein einziges Wort.

"Ich habe Probleme mit dem Begriff Selbstmord ", sagt der Staatsanwalt bei der Pressekonferenz. "Wenn man 150 Personen in den Tod reißt, ist das für mich eigentlich kein Selbstmord ."

Es ist die Horrorvision der Luftfahrt , die Piloten und Passagiere in ihrem Entsetzen eint. Denn wenn der Feind von innen kommt, helfen auch die ausgefeiltesten Sicherheitssysteme nicht. "Es sind ganz besondere Situationen, die man nicht verhindern kann", sagte der Chefredakteur des Fachmagazins Aero International, Dietmar Plath.

An Bord des Unglücksflugs auf dem Weg von Barcelona nach Düsseldorf müssen sich dramatische Szenen abgespielt haben - vergleichbar mit denen, die sich einige Zeit zuvor an Afrikas Himmel ereignet haben. Dort hatte am 29. November 2013 ein Pilot auf dem Flug von Maputo nach Luanda über dem namibisch-angolanischen Grenzgebiet eine relativ neue Embraer 190 auf ähnliche Weise bewusst in den Boden gesteuert - 34 Menschen starben. Eine Untersuchungskommission fand später heraus, dass der Pilot sich im Cockpit eingeschlossen und absichtlich den Absturz ausgelöst hatte. Auch dort trommelte der ausgesperrte Flugkapitän verzweifelt gegen die Tür, bevor der bewusst eingeleitete Sinkflug in den Tod abrupt endete.

Der Gedanke lässt erschaudern


Ähnliche Fälle gab es 1982 bei Japan Airlines oder 1999 beim Absturz einer Egypt-Air-Maschine. Auch der Pilot der am 8. März 2014 spurlos verschwundenen Boeing der Malaysia Airlines mit 227 Passagieren und zwölf Besatzungsmitgliedern an Bord könnte nach jüngsten Expertenmeinungen Selbstmord begangen haben. Es sind Vorfälle, die extrem selten sind - aber allein der Gedanke lässt erschaudern. Viele Profis hielten sich gestern bewusst mit Äußerungen zurück - gerade bei den Piloten saß der Schock zu tief. Denn strenge Auswahl- und psychologische Eignungstests stellen bei den meisten Airlines eigentlich sicher, dass nur charakterlich gefestigte Kandidaten Piloten werden können. Regelmäßige medizinische Tests und auch vertrauliche innerbetriebliche Meldesysteme sollen gewährleisten, dass auffälliges Piloten-Verhalten entdeckt wird. Wie kann es dann gerade bei einer als solide geltenden Fluggesellschaft wie der Lufthansa-Tochter Germanwings zu einer solchen Tat kommen?

Gerade zur Urlaubszeit dürfte nun bei zahlreichen Passagieren das Unwohlsein zunehmen. Denn auch wenn 2014 weltweit 3,3 Milliarden Menschen ein Flugzeug nutzten: Den Nimbus des Undurchschaubaren hat die Fliegerei bis heute nicht verloren.

Misstrauen im Cockpit

Anders als im Zug oder Reisebus sind in der Luft zudem Hunderte Menschen dem Können und der Zuverlässigkeit von nur zwei Personen bedingungslos ausgeliefert. Die komplexe Technik der Jets erlaubt es Laien nur in Hollywood-Filmen, sie wieder heil auf die Erde zu bringen. Und wenn sich dieses eingespielte Cockpit-Team selbst nicht mehr trauen kann, wird es heikel auf den Luftstraßen dieser Welt. In den Flugzeugen gibt es ein kompliziertes Zusammenspiel von Mensch und Maschine. Die Computer korrigieren Fehler. Vor einer bewusst falschen Programmierung eines Fluges ins Verderben sind auch sie nicht gefeit.

Mit pedantischer Gründlichkeit wird das tragische Unglück und das noch völlig unerklärliche Handeln des jungen deutschen Co-Piloten nun aufgeklärt und analysiert werden. Es ist eine Ungewissheit, die nicht nur die Hinterbliebenen der Opfer plagt, sondern auch die Industrie. Sie will begreifen, was schieflief, um Rückschlüsse in die Verbesserung ihrer Systeme einfließen zu lassen und mögliche Schwachstellen zu beseitigen. Auch wenn diesmal die Schwachstelle wohl der Mensch selber war.