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Bargeld, sofort!

Saarbrücken. Der junge Mann fühlt sich nicht wohl. Scheu schaut er sich um, seine gespielte Lässigkeit wird von der Atmosphäre des kameraüberwachten Schalterraums geschluckt. Kevin (Name geändert) ist heute nicht zum Spaß hier. Unsicher wippt er mit dem Oberkörper hin und her, die Hände in den Hosentaschen vergraben Von SZ-Redakteur Thomas Schäfer

Saarbrücken. Der junge Mann fühlt sich nicht wohl. Scheu schaut er sich um, seine gespielte Lässigkeit wird von der Atmosphäre des kameraüberwachten Schalterraums geschluckt. Kevin (Name geändert) ist heute nicht zum Spaß hier. Unsicher wippt er mit dem Oberkörper hin und her, die Hände in den Hosentaschen vergraben. Die Baseballmütze hat er sich tief ins kindliche Gesicht gezogen, die Jeans hängt fast an seinen Knien. Jetzt ist er an der Reihe. "Wie geht das denn genau?", fragt Kevin die Frau hinter Panzerglas. "Und wie lange habe ich Zeit, die Sachen wieder abzuholen?" Drei Monate? "Okay", sagt Kevin, nimmt die Mütze ab, zieht seine Goldkette über den Kopf, legt sie in das stählerne Schubfach. Dann streift er drei Ringe von den Fingern, legt sie ebenfalls in das Fach. "Einen Moment", sagt die Frau hinter Glas, schiebt die Tür hinter sich zu und verschwindet für Minuten. Als sie zurückkommt, nennt sie Kevin das Angebot: 200 Euro.


Kevin schaut skeptisch, überlegt, willigt dann aber doch ein. Er zeigt seinen Personalausweis, unterschreibt den Darlehensvertrag. Bevor er geht, greift er tief in das Glas mit den Fruchtbonbons, grüßt leise und verlässt das Pfandleihhaus in der Saarbrücker Innenstadt.

Vor der Tür, bei der Zigarette danach, erzählt er seine Geschichte. Er habe keine Wahl, er braucht das Geld. Miete, Klamotten, Essen, Zigaretten. Der Monat ist noch lang, Kevin hat keine Kohle mehr. Daher die Idee mit dem Pfandhaus. Der 18-Jährige ist arbeitslos. "Ich würde gerne eine Ausbildung zum Kfz-Mechaniker machen, aber ich finde nichts." 1800 Euro sei sein Schmuck wert, behauptet er. Er will ihn wieder haben - drei Monate bleiben.



Es sind erstaunlich viele junge Männer, die mit der Hoffnung auf Bargeld in die Cecilienstraße kommen, vis-à-vis der Johanneskirche. Auch an diesem Morgen war schon einer da, Anfang 20, Flieger-Sonnenbrille, weite Jeanshose, Kapuzenpulli. Einen Flachbild-Fernseher hat er abgegeben und ein Essbesteck von WMF für zwölf Personen. Zusammen gab es dafür 140 Euro.

Die zwei quirligen Jungs, die am Tag zuvor ihr Glück versucht hatten, mussten unverrichteter Dinge wieder abziehen. Ein abgewetztes Handy - das will hier niemand haben.

Inzwischen ist der Chef eingetroffen. Mit seinen 23 Jahren ist Christian Kratz einer der jüngsten der knapp 200 Pfandleiher Deutschlands. Erst im Oktober hat er das Geschäft eröffnet. Drei Angestellte und eine Auszubildende arbeiten in dieser Mischung aus Bankfiliale und Juwelierladen. Kratz selbst ist Juwelier, Goldschmied und Kaufmann. Auch sein polizeiliches Führungszeugnis ist sauber - Voraussetzung für die Gründung eines Pfandleihhauses. Der Zentralverband des Deutschen Pfandkreditgewerbes hat in der Vergangenheit alles daran gesetzt, die Branche vom Schmuddel-Image zu befreien. Es gibt bundesweit einheitliche Regeln mit transparentem Gebührensystem.

70 Prozent auf die Hand

"Wer einen Wertgegenstand bei uns abgibt, weiß von vornherein, welche Kosten auf ihn zukommen", sagt Kratz. Für gewöhnlich zahlt das Pfandleihhaus 70 Prozent des aktuellen Wiederverkaufswertes aus. Wer also zum Beispiel einen sechs Monate alten Fernseher abgibt, der noch geschätzte 400 Euro wert ist, bekommt 280 Euro auf die Hand. Holt er ihn nach drei Monaten ab, kann er das Gerät für 307,90 Euro wiederhaben: 280 Euro plus monatlich 6,50 Euro plus pro Monat ein Prozent Zinsen.

Ein faires Geschäft, sagt Geschäftsmann Kratz: "Man hilft den Leuten ja auch. Bei uns kommen sie kurzfristig an Geld, wir stellen keine Fragen, für uns zählt nur das Pfand." Ein altes Handy hat bei Kratz keine Chance, weil er nicht mit Krimskrams handelt, sondern nur mit Dingen, die einen erkennbaren Wert haben. Schmuck, Uhren, technische Geräte. Es kann aber auch eine E-Gitarre oder ein Akkordeon sein, eine Bohrmaschine, selbst Autos und Motorräder kann man zu Geld machen.

Oder einen Schwan von Swarowski oder ein putziges Porzellan-Reh - wie die ältere Dame, die jetzt vor dem Panzerglas steht. Sie war vor Wochen schon einmal da, mit einem Dackel gleicher Machart. Bevor sie das süße Reh aus der Hand gibt und die vereinbarten 50 Euro einsteckt, redet sie der Frau hinterm Tresen freundlich, aber bestimmt ins Gewissen: "Seien Sie vorsichtig mit den Öhrchen. Die brechen schnell ab."

Die Mittelschicht

"Ich würde immer wieder Pfandleiher werden", sagt Christian Kratz, der lange nach einer passenden Idee gesucht hatte, um sich selbständig zu machen. Als er eines Abends eine Reportage im Fernsehen sah, wusste er, was er machen wollte. Der Start verlief gut, inzwischen kommen Kunden aus dem ganzen Saarland. Und noch immer profitiert Kratz auch von der Stärke der gesamten Branche. 2008 war für Deutschlands Pfandleihhäuser mit einer Million Kunden das beste Jahr der Geschichte. Für das laufende (Krisen-)Jahr werden weiter steigende Umsätze erwartet. Nicht weil die wirklich armen Menschen in die Pfandhäuser strömen, erklärt Kratz: "Die haben keine Playstation, die sie beleihen könnten." Sondern weil "die Mittelschicht" Geld benötige. Die Katzenliebhaberin, die Futter braucht am Ende des Monats oder die Tierarzt-Rechnung bezahlen muss. Der Malermeister, den seine Auftraggeber im Stich gelassen haben. Und Leute wie Kevin mit den zu großen Hosen, der einen Ausbildungsplatz sucht.

Wenn er einen gefunden hat, will er seinen Schmuck zurückkaufen. Wie über 90 Prozent der Kunden. "Klar, Alter!"

Auf einen Blick

Im Saarland sind drei Pfandleihhäuser dem Zentralverband des Deutschen Pfandkreditgewerbes angeschlossen. Sie führen regelmäßig Versteigerung durch (Termine auf Anfrage):

Pfandkredit Christian Kratz, Cecilienstraße 1 in Saarbrücken, Telefon (06 81) 37 999 111, www.pfandkredit-kratz.de.

Saarbrücker Pfandleihhaus, Kaiserstraße 23, Telefon (06 81) 321 80, www.pfandleihhaus.com.

Kfz-Pfandleihhaus Saarbrücken, Mainzer Straße 125-127, Telefon (06 81) 876 27 87, www.kfz-pfandleihhaus-sb.de. tho