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Essener Tafel
Auch Ausländer dürfen sich künftig wieder anstellen

Schlange stehen mit Einkaufstrolleys – nicht nur vor der Essener Tafel ein häufiges Bild. Gestern beschloss der Vorstand, künftig auch wieder ausländische Bedürftige mit Lebensmitteln zu versorgen.
Schlange stehen mit Einkaufstrolleys – nicht nur vor der Essener Tafel ein häufiges Bild. Gestern beschloss der Vorstand, künftig auch wieder ausländische Bedürftige mit Lebensmitteln zu versorgen. FOTO: dpa / Roland Weihrauch
Essen. Nur noch Lebensmittel für deutsche Neukunden – damit hatte die Essener Tafel für heftige Debatten gesorgt. Jetzt hebt sie ihren Aufnahme-Stopp auf. Von Helge Toben

Eigentlich ist nicht viel los an diesem Dienstagmittag in der Zentrale der Essener Tafel im markanten Steeler Wasserturm. Im großen Ausgaberaum stapeln sich dunkelgrüne Gemüsekisten. Vor dem Eingang hält ein Kühlwagen einer Bäckerei, um überzähliges Backwerk zu spenden. Was jedoch der fünfköpfige Vorstand des Trägervereins weiter hinten in diesem Moment beschließt, findet abermals bundesweite Aufmerksamkeit: Auch Kunden ohne deutschen Pass bekommen bei der Essener Tafel künftig wieder Berechtigungsausweise. Es ist das Ende einer Geschichte, die im ganzen Land für Wirbel sorgte.


Turbulente Wochen liegen hinter den 120 ehrenamtlichen Helfern in Essen und vor allem dem Vereinsvorsitzenden Jörg Sartor – ein 61 Jahre alter Ex-Bergmann. Auslöser der Turbulenzen war die Entscheidung des Vorstands, Lebensmittelspenden vorübergehend nur noch an Bürger mit deutschem Ausweis auszugeben. Begründung: ein angeblich zu groß gewordener Anteil an Ausländern unter den Kunden von 75 Prozent. Gerade ältere Nutzerinnen sowie alleinerziehende Mütter hätten sich von den vielen fremdsprachigen jungen Männern in der Warteschlange abgeschreckt gefühlt, hatte Sartor damals erklärt. Auch von „mangelndem Respekt gegenüber Frauen“ und fehlender „Anstellkultur“ in der Schlange war damals die Rede.

Der Aufnahme-Stopp, der in Politik und Gesellschaft bundesweit für Empörung gesorgt hatte, zeigte Wirkung. „Was die Karten angeht, ist das Verhältnis jetzt andersrum“, sagt Sartor gestern nach der Sitzung. Eigentlich will er der Presse noch gar nicht viel sagen, weil er am Folgetag erst die Mitarbeiter in den elf Außenstellen informieren will. Und spricht dann doch 20 Minuten lang über die Debatte. Der Anteil der Deutschen unter den Karteninhabern sei nun auf etwa 55 Prozent gestiegen, schätzt er. Grund also für eine Wende.

Zum ersten Mal wirksam wird der Vorstandsbeschluss dann am Mittwoch der kommenden Woche. Sartor erwartet dann viele neue Kunden: „Wenn wir nächste Woche wieder aufmachen, ist die Straße wieder voll“, sagt der Tafel-Chef.

Falls die Kundenkarten wieder knapp werden, greifen neue Regeln: Alleinerziehende, Familien mit minderjährigen Kindern und Senioren sollen dann – unabhängig von ihrer Nationalität – bevorzugt aufgenommen werden. „Wenn ein Engpass kommt, werden wir uns auf diese Menschengruppen fokussieren“, sagt Sartor. Darauf hatte sich zuvor schon ein Runder Tisch verständigt, der auf Initiative von Essens Sozialdezernenten Peter Renzel zusammenkam.



Am 10. Januar hatte der Verein die Regelung zum ersten Mal angewandt. Doch erst Ende Februar war die breite Öffentlichkeit durch Medienberichte darauf aufmerksam geworden. Schnell entspann sich eine bundesweite Debatte über Sinn und Unsinn dieser Maßnahme, über die Notwendigkeit der bundesweit rund 940 Tafeln (zehn gibt es im Saarland) in einer eigentlich reichen Gesellschaft, über Armut in Deutschland. Auf dem Höhepunkt der Turbulenzen kritisierte sogar Bundeskanzlerin Angela Merkel die Entscheidung und telefonierte mit Essens Oberbürgermeister Thomas Kufen (beide CDU).

Bei den Tafeln sollte nicht die Herkunft, sondern die Bedürftigkeit entscheidend sein, hieß es von vielen Seiten. Auch Nordrhein-Westfalens Integrationsminister Joachim Stamp (FDP) sah es so. Gestern lobt er die Rolle rückwärts. Er hoffe, „dass die vielen ehrenamtlichen Kräfte jetzt in Ruhe ihre wertvolle Arbeit fortsetzen können“.