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Amerikas Auto-Metropole ist pleite

Detroit. Einst war Detroit eine blühende Autostadt. Seit Jahrzehnten aber erlebt die „Motor City“ einen beispiellosen Niedergang. Schulden in Milliardenhöhe häuften sich an. Entsprechend hoch ist inzwischen die Rate der Gewaltverbrechen. Von SZ-KorrespondentThomas Spang

Tyree Guyton lässt sich nicht unterkriegen. Als er vor der Ruine des niedergebrannten Hauses im Armenviertel von McDougal-Hunt stand, versprach der Schöpfer des "Heidelberg Projects": "Ich werde daraus ein Kunstobjekt machen." Rückschläge sind für den international bekannten Künstler, der in der von Gewalt und Drogen geprägten Schwarzen-Nachbarschaft aufwuchs, nichts Neues. Die Feuerwehr ließ auch früher schon auf sich warten. Nicht erst seit Detroit auf den Bankrott zusteuerte.

Brandstiftungen sind heute das Markenzeichen der Heimat von General Motors, die früher einmal den "amerikanischen Traum" symbolisierte. 5000 Mal im Jahr zündeln Feuerteufel in der 363 Quadratkilometer großen Stadt, in der jedes dritte Haus verwaist ist. Die chronisch unterfinanzierte Feuerwehr taucht meist erst auf, wenn alles in Schutt und Asche liegt. Ebenso die Polizei, die im Schnitt eine Stunde braucht, um auf einen Notruf zu reagieren. Kein Wunder, dass Detroit heute die höchste Rate an Gewaltverbrechen aller amerikanischen Städte hat. 411 Morde inklusive.

Dass sich nach dem von Zwangsverwalter Kevyn Orr angemeldeten Bankrott der mit 20 Milliarden Dollar (rund 15 Milliarden Euro) verschuldeten Kommune viel im Alltag ändern wird, glauben nur wenige der von 1,8 Millionen auf 700 000 zusammengeschrumpften Einwohner. Mangels Steueraufkommen und wachsenden Defiziten funktioniert hier schon lange nicht mehr viel. Neu ist, dass die Rechnungen künftig über das Gericht laufen.

Die Gründe für den Niedergang sind vielfältig. Die zyklisch wiederkehrenden Krisen der Automobilindustrie haben dazu ebenso beigetragen wie kommunale Misswirtschaft, kaputte öffentliche Schulen und Kriminalität. Das einst legendäre "Mo(tor)-Town" der Soullegende Marvin Gaye verwandelte sich sukzessive zu einem "No-Town".

"Das hat sich über 60 Jahre angebahnt", sagt der Gouverneur von Michigan, Rick Snyder, der auf den Schuldenschnitt vor dem Konkursgericht gedrängt hatte. Wenngleich weder er noch der von ihm eingesetzte Zwangsverwalter Orr eine klare Vision für die Stadt haben. Der Verdacht, den die zu 80 Prozent schwarzen Einwohner gegen den weißen Republikaner hegen, ist ein anderer. Statt eines Neuanfangs wolle dieser den Stadtbediensteten und Rentnern ans Portemonnaie. 9,2 Milliarden Dollar schuldet Detroit allein den Pensionskassen. Jetzt hat das Gericht 90 Tage Zeit zu entscheiden, ob es den Antrag nach Kapitel 9 des Konkursrechts annimmt. Dass Präsident Barack Obama Detroit finanziell rettet, erwartet angesichts leerer Kassen in Washington niemand. "Wir bleiben unserer engen Partnerschaft mit Detroit verpflichtet", erklärt eine Sprecherin des Weißen Hauses.

Tyree Guyton lässt sich den Optimismus nicht nehmen. "Ich möchte Teil des Comebacks von Detroit sein", erklärt der Künstler, der entlang der Heidelberg Street ein urbanes Freilichtmuseum schuf, das jedes Jahr rund 300 000 Besucher aus aller Welt anzieht. "Ich gebe nicht auf" , verspricht Tyree nach dem Feuer, das einen Teil des Heidelberg Projects zerstörte. Ein Selbstbehauptungswille, den ganz Detroit nun braucht, während es um seine Zukunft ringt.