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Als die Schwarzen für ihr Recht marschierten

Reginald Moore erlebte die Proteste als Zehnjähriger. Foto: her
Reginald Moore erlebte die Proteste als Zehnjähriger. Foto: her FOTO: her
Selma. Vor genau 50 Jahren gingen in Selma (Alabama) hunderte schwarze Bürgerrechtler auf die Straße, um für ihr Wahlrecht zu demonstrieren. Die Polizei knüppelte sie gnadenlos nieder. Manche sind bis heute traumatisiert. Frank Herrmann

Reginald Moore ist wieder auf der Brücke. Und er erzählt, als sei es erst gestern gewesen. Über die Edmund Pettus Bridge zogen Tränengaswolken, als wäre der Alabama River in dichte Nebelschwaden gehüllt. Polizisten schlugen mit schweren Knüppeln auf Fliehende ein. Am schlimmsten waren die Polizisten auf Pferden, die dem Jungen vorkamen wie apokalyptische Reiter aus einem Horrorfilm. Reginald Moore, heute 60, war damals zehn. Er saß im Auto neben seinem Großvater, der beschlossen hatte, dem Chaos zu trotzen und über den Fluss nach Selma zu fahren. "Granddad sagte, hab‘ keine Angst, wenn sie uns angreifen, dann schieße ich, dir wird niemand was tun. Aber er hatte ja nur sechs Patronen in seinem Revolver."

Reginald schaffte es bis nach Hause an jenem 7. März 1965. Der Schock saß tief, doch verletzt wurde er nicht, zumindest nicht körperlich. Bis heute trägt er die Bilder des "Bloody Sunday" mit sich herum, im Gedächtnis und gespeichert auf seinem Smartphone. Historische Motive von Fotografen, die für ihn eine sehr persönliche Bedeutung haben. Eines zeigt seine Mutter. Margaret Moore, Lehrerin für Englisch und Geschichte. Erschöpft und benebelt vom Gas steht sie hinter dem Pfeiler einer Stromleitung und blickt auf eine Kolonne parkender Streifenwagen. Dahinter erkennt man schemenhaft die Helme der State Trooper, der berüchtigten, brutalen Polizisten des Staates Alabama . Es sind körnige Bilder, aufgenommen direkt nach der Prügelorgie.

An dem Tag haben sie ihre vollen Bürgerrechte erkämpft, die 600 Demonstranten , die in Zweierreihen über die Brücke marschierten, bis ihnen ein blauer Block von Uniformierten den Weg nach Montgomery versperrte, in die Hauptstadt Alabamas, gut 80 Kilometer entfernt. Als die Trooper knüppelten, unterbrach der Sender ABC einen Spielfilm, um nach Selma zu schalten, sodass 48 Millionen Amerikaner an den Bildschirmen zusahen, wie der Polizistenmob wütete. Es war ein Moment, der das Land veränderte. Präsident Lyndon B. Johnson setzte den Voting Rights Act durch, womit das Wahlrecht für schwarze Amerikaner - theoretisch garantiert seit dem Ende des Bürgerkriegs - nicht mehr nur auf dem Papier stand.

Ja, das sei erreicht, aber sonst gehe nichts voran in Selma , als seien die Uhren stehengeblieben, sagt Moore und erzählt von den Schulen. In den Sechzigern teilten sich Schwarze und Weiße erstmals ein Klassenzimmer. "Und heute ist die Rassentrennung zurückgekehrt, nur eben übers Geld und nicht per Gesetz." Weiße Kids gehen auf private Schulen, schwarze auf staatliche.

Irgendwann war Reginalds Mutter zurück in ihrer Kirche Brown Chapel, wo der Theologiestudent John Lewis zu den Versammelten sprach. Lewis war damals einer der Wortführer der Bewegung, heute ist er Kongressabgeordneter. Brown Chapel liegt in einer Armensiedlung. Vor den schlichten Sozialbauten in der Straße lehnen junge Männer an einem Zaun und wissen nicht, wie sie die Zeit totschlagen sollen. In der dritten Reihe sitzt Zenobia Robertson, stilsicher gekleidet im cremefarbenen Sonntagskostüm. Mit 17 ist sie über die Brücke auf den blauen Block zumarschiert, trotz ihrer Angst, im Alabama River zu landen und als Nichtschwimmerin zu ertrinken. Zwei Wochen später marschierte sie erneut, diesmal - beschützt von Soldaten, mit Martin Luther King an der Spitze des Zuges - ungehindert in Richtung Montgomery.

An der Broad Street reihen sich leere Läden an solche, deren Besitzer sich gerade noch über Wasser halten. Selma steckt in der Krise, ein Drittel seiner 18 000 Einwohner lebt in Armut, ein Fünftel der Erwerbsfähigen ist arbeitslos. Früher gab es in der Nähe eine Luftwaffenbasis, Craig Field. Als sie 1977 geschlossen wurde, brach der größte Arbeitgeber weg. Nun träumt der Bürgermeister George Evans von Investoren aus China. Nebenan, im Wilcox County, hat ein chinesischer Hersteller von Kupferrohren eine Fabrik aufgemacht, es ist seit Langem der erste Silberstreif.

Im Übrigen macht sich Evans, erst der zweite schwarze Bürgermeister der Stadtgeschichte, Sorgen wegen der Wähler-Apathie. Beim Kongressvotum im Herbst vergangenen Jahres lag die Wahlbeteiligung in Dallas County, dem Landkreis, zu dem Selma gehört, bei 30 Prozent. "Ausgerechnet in Selma ", sagt Zenobia Robertson. "Wir müssen den Jungen wohl beibringen, was wir für dieses Recht alles durchmachen mussten."

Faya Touré sitzt zwischen Papierstapeln an einem sehr langen Tisch. An den Wänden hängen in Öl gemalte afrikanische Königinnen. Im Büro der Rechtsanwältin jagt ein Termin den nächsten, denn zum runden Jahrestag des Protestmarschs kommt Präsident Barack Obama nach Selma . Wenn aber Faya Touré jemand sagt, ein Obama im Oval Office sei doch das beste Beispiel dafür, wie sich Amerika ändere, protestiert sie vehement: "Nicht bei uns! Nicht im tiefen Süden!" Mit Blick auf die rassistischen Vorfälle in Ferguson mag sie Recht haben.Mit ungewöhnlicher Schärfe hat US-Justizminister Eric Holder der Polizei von Ferguson weit verbreitete rassistische Diskriminierung von Afro-Amerikanern vorgeworfen. Polizisten gingen häufig mit unverhältnismäßiger Gewalt gegen Schwarze vor, hielten diese ohne ersichtlichen Grund an und verfolgten sie wegen Bagatelldelikten.

Außerdem würden Schwarze besonders übermäßig häufig mit Geldstrafen belegt - mit dem Ziel, die Kassen der Stadt aufzufüllen. Holder sprach von einer "schwer vergifteten Atmosphäre" in der Stadt.

In Ferguson im Bundesstaat Missouri war im Sommer 2014 der unbewaffnete schwarze Jugendliche Michael Brown von einem weißen Polizisten erschossen worden. Der Tod hatte schwere Proteste ausgelöst.

Allerdings entschied das Justizministerium gestern zugleich, dass der Todesschütze auch von den Bundesbehörden nicht angeklagt wird. Es gebe keine Beweise, dass der Beamte gesetzeswidrig gehandelt habe, teilte ein Sprecher mit.


Zum Thema:

Chronologie 7. März 1965: rund 600 Demonstranten aus Selma marschieren über die Edmund Pettus Bridge in Richtung Montgomery. Am Ende der Brücke versperren ihnen Polizisten den Weg, prügeln mit Knüppeln und setzen Tränengas ein. Der Tag geht als Bloody Sunday in die Annalen ein. 9. März 1965: Der Prediger Martin Luther King setzt sich an die Spitze eines zweiten Marsches, diesmal sind etwa 2000 Menschen dabei, unter ihnen zahlreiche Geistliche. Auf der Brücke lässt King den Zug umkehren, um eine neuerliche Konfrontation mit der Polizei zu vermeiden. 21. März 1965: Zum dritten Marsch brechen über 3000 Bürgerrechtler in Selma auf. Präsident Lyndon B. Johnson lässt sie durch Armee und Nationalgarde schützen. Am 25. März erreichen sie ihr Ziel, das Parlamentsgebäude Alabamas in Montgomery. 6. August 1965: Johnson unterzeichnet den Voting Rights Act. her