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Alles Käse? - EU-Wahlplakate fallen im Test durch

Chemnitz. Wie attraktiv muss ein Wahlplakat sein? Auf keinen Fall so anziehend, dass Autofahrer deshalb Unfälle verursachen und auf diese Weise das dringend benötigte Wahlvolk dezimieren. Die Sprachforscherin Ruth Geier von der TU Chemnitz hat eine provokante These aufgestellt Von dpa-Mitarbeiter Jörg Schurig

Chemnitz. Wie attraktiv muss ein Wahlplakat sein? Auf keinen Fall so anziehend, dass Autofahrer deshalb Unfälle verursachen und auf diese Weise das dringend benötigte Wahlvolk dezimieren. Die Sprachforscherin Ruth Geier von der TU Chemnitz hat eine provokante These aufgestellt. "Politik muss heute angeboten werden wie etwas Kommerzielles, im Grunde ist es egal, ob eine Partei oder ein Stück Käse beworben wird", sagt die Wissenschaftlerin.



Gemeinsam mit Gerd Strohmeier, Inhaber der Professur Europäische Regierungssysteme im Vergleich, hat Geier Plakate von Parteien zur Europawahl untersucht. Das Ergebnis ist ernüchternd: "Man sollte davon ausgehen, dass die Parteien aus Fehlern lernen und die Kampagnen immer besser werden. Aber was wir hier sehen, sind eher Rückschritte als Fortschritte."

Das "Wir in Europa"-Motto der CDU hält Strohmeier für "sehr staatstragend und patriotisch". "Die Argumentation auf Textebene fehlt", sagt Geier. Mit dem "Wir" werde "Vergemeinschaftung" versucht. Aber: "Wer ist Wir?" Auch bei der CSU in Bayern sieht Strohmeier Defizite. Die Aussage "Nur wer CSU wählt, gibt Bayern eine eigene Stimme in Europa" sei kein Slogan. Die CSU wisse, dass es dieses Mal knapper als je zuvor werde. "Deshalb will sie dem Wähler klar machen, dass ohne sie die Stimme Bayerns verloren geht."

Von der plakativen Schwäche der Union und ihrer Schwesterpartei scheinen die anderen nicht weit entfernt. Beispiel SPD: "Finanzhaie würden FDP wählen" bricht nach Ansicht von Geier zwar mit Standards und garantiert mehr Blickfang als anderes. Strohmeier findet die Kampagne jedoch "etwas billig und unseriös" - aber auch humorvoll. Die SPD falle damit aus der Reihe. Doch negative Werbung allein sei nicht gewinnbringend.

Das "WUMS!" der Grünen hält Geier durchaus für praktikabel, auch wenn die Erklärung für die Abkürzung (Wirtschaft & Umwelt, Menschlich & Sozial) erst im Kleingedruckten stehe. Insgesamt präge sich WUMS ein, sobald Personen auf den Plakaten seien, gehe der Effekt aber wieder verloren. Dadurch fehle der rote Faden, meint Strohmeier. Die Konzentration der FDP auf ihre Spitzenkandidatin Silvana Koch-Mehrin habe immerhin den Vorteil, dass der Wähler wisse, wen die Liberalen ins EU-Parlament schicken wollen.



Bei den Linken rätseln die Wissenschaftler darüber, warum die Roten als Plakatfarbe blau gewählt haben: "Zum einen kann dadurch ein Bezug zu Europa beabsichtigt sein - blau ist nun mal die Europafarbe. Zum anderen kann das Ziel sein, nicht sofort als Die Linke "enttarnt" zu werden", mutmaßt Strohmeier. Geier hat an den Linken-Texten einen Vorteil erkannt: "Man versucht, die Aussagen konkret zu machen, nicht nur Probleme zu nennen, sondern auch Lösungen."