| 20:52 Uhr

Selbsthilfegruppe für Angehörige
Alkoholsucht – eine Familien- Krankheit?

Ist Alkoholsucht eine Familien-Krankheit? (Symbolbild)
Ist Alkoholsucht eine Familien-Krankheit? (Symbolbild) FOTO: dpa / Tobias Hase
St. Ingbert. Selbsthilfegruppen für Alkoholiker kennt man. Aber auch ihre Angehörigen und Freunde holen sich Unterstützung. Wie geht das? Wir waren bei einem Meeting der Al-Anons in St. Ingbert dabei.

Ingrid (68) hatte mich gewarnt: Mancher denke, er sei bei einer Sekte gelandet. Kein Wunder. Während der beiden 90-minütigen Meetings, die wir besuchen, ist tatsächlich sehr, sehr oft von einer „höheren Macht“ die Rede, und christlich-religiöse Begriffe wie Trost, Kraft und Hoffnung kehren leitmotivisch wieder. Wir sind im St. Ingberter Kreiskrankenhaus, bei Angehörigen und Freunden von Alkoholikern, in der „Al-Anon-Gemeinschaft“. Es ist Mittwochabend. Während die Gruppenmitglieder eintreffen, verteilen die ersten Bücher und Broschüren auf dem Tisch, in rauen Mengen. Sie handeln von seelischer Genesung und dem Mut zu persönlicher Freiheit. Alle kennen diese kanonisierte Al-Anon-Literatur, viele lesen sie täglich. Thermoskannen mit Tee und munter gemusterte Tassen werden verteilt, das Spendenkässchen mittig platziert, Kerzen brennen. Trotzdem hat dieser mit Flipchart und Funktionsmöbeln ausgestattete Konferenzraum im Untergeschoss der St. Ingberter Klinik nichts Kuscheliges, auch wenn manche sich mit Küsschen begrüßen.


Kaum jemand ist unter 60 Jahre alt; nur ein Mann ist dabei, man kennt sich oft seit Jahrzehnten. Eine geschlossene Gesellschaft? Falsch. Die Gruppengröße schwankt zwischen sechs und zwölf, denn die Meetings sind frei zugänglich. Die Wahrung der Anonymität ist oberstes Gebot, und der Saarbrücker Zeitung die Tür zu öffnen, eine absolute Ausnahme. „Sich anzupreisen“ verbieten die Al-Anon-Traditionen ebenso wie Spenden oder staatliche Fördergelder anzunehmen.

Schon bevor das irritierende Ritual in St. Ingbert los geht, spürt man: Hier ist eine Aufgabe zu bewältigen und viel Bekenntnishaftes im Spiel. Bei jedem Meeting werden die „Zwölf Schritte“ und die „Zwölf Traditionen“ verlesen, eine Art Al-Anon-Verfassung. Dann folgt ein „Tagesspruch“. Du liebe Güte, stellt man sich so eine Suchtselbsthilfegruppe des 21. Jahrhunderts vor? Wohl eher einen Bibelkreis. Damit liegt man gar nicht so falsch. Die Al-Anons sind eine „Ausgründung“ der Vereinigung Anonymer Alkoholiker (AA), haben ihre Wurzeln also im amerikanischen Pietismus. Als sich in den 50er Jahren erstmals Familienmitglieder alkoholkranker Menschen trafen, mit dem Ziel, sich gegenseitig zu unterstützen, hatten sie ihre Bibeln dabei.

Aber nur beim ersten Meeting  verursacht diese spirituelle Unterströmung Unbehagen. Schon beim zweiten Besuch in St. Ingbert tritt das Gebetsmühlenartige im Ablauf in den Hintergrund. Alle Suchthilfegruppen funktionieren nun mal nach Regeln, denn in Suchtfamilien gehen Strukturen verloren.

Wer hier etwas los werden will, meldet ein „Anliegen“ an. Diesmal ist es Tina (51); ihr Name wurde wie alle anderen von der Redaktion geändert. Tinas Mann hängt, anders als die Partner der meisten anderen Gruppenmitglieder, noch an der Flasche. Tina hat für den Betrunkenen mal wieder die „Chauffeurin“ gespielt, als er sie aus der Kneipe anrief – und ist jetzt wütender auf sich selbst als auf ihn. Darauf, „dass ich ein schlechtes Gewissen habe, wenn ich es nicht tue, und dass ich all das mit mir machen lasse.“ Tina lernte ihren Mann trocken kennen. Wenn er trinkt, erkennt sie ihn nicht wieder, sagt sie, dann sei er ein in Selbstmitleid badender Jammerlappen. Auch andere berichten über die Verwandlung ihrer Partner in bösartige „Geisteskranke“ oder hilflose Gestalten.



Warum tust du dir das an? Diese mit einem Vorwurf beladene Frage hören Angehörige von Alkoholikern nur zu oft aus ihrem Umfeld. In der Gruppe nie. Weil hier jeder die Antwort kennt, es ist sozusagen das Eintrittsbillet in die Al-Anon-Gemeinschaft: Weil du ebenfalls krank bist. Denn die Al-Anons sehen den Alkohlismus als Familienkrankheit. Barbara (64) drückt es so aus: „Wer mit einem Alkoholiker zusammenlebt, der ist nicht normal.“ Seit 31 Jahren sitzt sie in den Meetings. Davor war Selbsttäuschung? „Ich dachte: Warum soll ich was für mich tun, ich trinke ja nicht“, sagt sie.

Nahezu alle berichten Ähnliches: Dass man sich früher etwas vormachte, meinte, alles im Griff zu haben, wo doch schon die gesamte Familie in Schutt lag. In das Leben des Kranken mischte man sich massiv ein, indem man ihn vermeintlich schützte, für ihn beim Arbeitgeber log, Entschuldigungen bei Freunden fand, Erklärungen für die Kinder konstruierte. Ich regele alles – diese Rolle verleiht Macht. Jutta (66), seit 34 Jahren verheiratet, musste sie aufgeben. In den vergangenen zehn Jahren lernte sie bei Al-Anon: „Auch der Alkoholiker hat das Recht auf ein selbstbestimmtes Leben.“ Von „Kontrollwahn“ berichten fast alle: „Ich habe gekämpft wie ein Berserker. Ich war wie besessen“, erzählt Helmut (67). Und Christine (63) sagt: „Ich dachte, wenn er nicht mehr trinkt, wird alles gut. Es war mein einziges Lebensziel.“ Doch als ihr Mann dann damit aufhörte, erkannte sie: „Unser Problem ist nicht gelöst. Das zu akzeptieren, war das Schwerste, und an mir selbst zu arbeiten.“ Christines Vater war Alkoholiker, ihr erster Freund keiner: „Das fand ich viel zu langweilig“. Dann suchte sie sich ihren „Kick“ durch das, was sie kannte: ihren Mann. Jeden Mittwoch ruft sie sich das wieder ins Bewusstsein, wiederholt mit den anderen den Al-Anon-Satz: „Wir geben zu, dass wir machtlos gegenüber dem Alkohol sind.“

Alkoholiker und ihre Partner passen in ihren psychischen Strukturen zusammen wie Steckdose und Stecker, liest man auch in einschlägigen Büchern. Von Ingrid (68) hört man: „Wir sind gefühlskrank. Wir müssen lernen, den Menschen stehen zu lassen, nicht die Flasche.“ Zeitgleich mit ihrem Mann, der zu den Anonymen Alkoholikern ging, ging sie zu Al-Anon. Das war vor 25 Jahren. Seitdem ist er trocken und sie überzeugt, dass der „Aufbruch zur persönlichen Freiheit“ immer wieder trainiert werden muss. Die Treffen in der Angehörigengruppe dürfe man nicht als Therapie missverstehen, die man erfolgreich beende, sondern müsse sie als Lebensprogramm absolvieren. Wer meint, er bekomme hier Tipps, wie man den Kranken trocken kriege, liege grundfalsch.

Aber wie lautet dann das Gruppenziel? Ein selbstbestimmtes Leben zu führen – überraschenderweise mit dem Alkoholiker. Es kann kein Zufall sein, dass an beiden Mittwochabenden kein einziges Mal von Trennung berichtet wird. Warum auch?, fragt Ingrid. „Wir wollen nicht fliehen, wir wollen uns stellen. Die meisten Partner sind liebevolle Menschen. Die schmeißt man nicht einfach auf den Müll, weil sie trinken.“ Tatsächlich ist Al-Anon für Roswitha (66), deren Mann immer noch nicht trocken ist, eine Art Eheaufrechterhaltungs-Instrument. Sie kommt abends nicht mehr mit unguten Gefühlen nach Hause, macht ihr eigenes Ding, hat verinnerlicht: „Die meisten Leute sind so glücklich, wie sie es sich vorgenommen haben.“

Einmal Al-Anon, immer Al-Anon, und das wöchentlich?. Schwingt nicht auch hier ein Stück Abhängigkeit mit? Die Dauerteilnehmer kommen kaum deshalb, weil sie selbst Hilfe brauchen. Sie verstehen sich als Unterstützer, wollen anderen den Rücken stärken, indem sie Erfahrungen weitergeben. Ohne Besserwisser-Ton.