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EU-Beitrittsverhandlungen
Albaner nehmen Kurs auf Brüssel

Tirana. Das Land will unbedingt in die EU und unternimmt viel, um den Ruf als Kriminalitätshochburg loszuwerden. Von Werner Kolhoff

Charmeoffensive in Tirana: Albaniens Regierungschef Edi Rama lässt für die deutschen Journalisten Wein auffahren und zeigt ihnen sein Büro.  Schreibtisch und Besucherecke sind voll mit Filzstiften und Bildern. Der 54-jährige charismatische Sozialist ist Künstler, demnächst stellt er in Rostock aus.  Erion Veliaj, Bürgermeister der Hauptstadt, nimmt sich noch am Tag vor der Geburt seines ersten Kindes zwei Stunden Zeit, um den angereisten Pressevertretern die Aufbruchstimmung zu vermitteln, die tatsächlich über der schnell wachsenden Metropole mit ihren gut 700 000 Einwohnern liegt. Und Innenminister Fatmir Xhafaj verspricht jedem einen Gratis-Aufenthalt, der seine Angaben über den angeblich erfolgreichen Kampf gegen die organisierte Kriminalität bezweifelt und nachrecherchieren will.


Es ist ein intensives  Werben um die Gunst der deutschen Medien, und damit indirekt um die EU. „Wir sind wie ein Liebender, der verzweifelt die Heirat will“, sagt Rama poetisch. Bisher hat dieser Liebende immer nur die vage Aussicht auf eine mögliche Verlobung  bekommen – vielleicht, mal sehen.  Im  Juni nächsten Jahres will der Europäische Rat endgültig über die Aufnahme von Beitrittsverhandlungen entscheiden. In Deutschland muss dem freilich auch der  Bundestag zustimmen, und in der CDU-Fraktion gibt es Widerstände.

In Sachen EU sind in Albanien alle einer Meinung. „Es gibt keinen Plan B“, sagt Rama.  „Wir haben keine Alternative“, formuliert Besar Likemta, ein Blogger und harter Regierungskritiker. Und auch Oerd Bylykbashi, ein führender Oppositionsabgeordneter, meint: „Dieses Land hat keine andere Chance“. So sehr wie das von Karl May einst als „Land der Skipetaren“ bezeichnete Albanien sehnt sich wohl keiner der Balkanstaaten danach, in die Gemeinschaft aufgenommen zu werden. Albanien hat dabei von allen den schwierigsten Weg hinter sich: Dort  herrschte bis 1989 nicht nur eine sozialistische Diktatur wie überall, sondern Enver Hodscha, dessen Regime dem heutigen Nordkorea glich. Seine als Mausoleum gedachte Pyramide im Stadtzentrum Tiranas ist heute eine vermüllte Ruine, ein schönes Mahnmahl für die vergänglichen Träume scheinbar ewiger Herrscher.



Unweit davon fand im Kongresspalast am Donnerstag und Freitag eine Konferenz mit EU-Vertretern und den Innen- und Justizministern aller Balkanländer statt, auf der die albanische Regierung das Herzstück ihrer Reformen präsentierte: Den Kampf gegen organisierte Kriminalität und gegen Korruption. Zahlreiche Hochglanzbroschüren in englischer Sprache lagen aus. Die Cannabisproduktion sei „praktisch nicht mehr vorhanden“ schilderte Innenminister Xhafaj den Gästen. Und gegen mafiöse Banden habe es mehrere  Großoperationen gegeben mit insgesamt 130 Festnahmen. Albanien tut viel, um den Ruf loszuwerden, es sei immer noch ein wildes Räuberland wie zu Mays Zeiten.

Am wichtigsten ist die Justizreform. Es gibt eine spezielle Anti-Korruptions-Staatsanwaltschaft. Und unter internationaler Beobachtung werden nach und nach alle  800 Richter und Staatsanwälte durchleuchtet. 50 Fälle sind bereits abgeschlossen. Bisher wurden 22 Juristen aus dem Staatsdienst entfernt, zum Beispiel, weil sie ihren Immobilienbesitz nicht recht erklären  konnten. Darunter auch der Generalstaatsanwalt. EU-Botschafter Luigi Soreca, Italiener und selbst einst Anti-Mafia-Ermittler in Sizilien, spricht von einem „wirklich beeindruckenden Prozess“.

Premier Rama weiß, dass die Widerstände gegen Albanien in der EU trotzdem groß sind, schon weil das Land mit seinen drei Millionen Einwohnern bettelarm ist. Dabei hat Albanien als einziger der Balkan-Bewerber keinerlei Konflikte mit Nachbarstaaten und spielt auch nicht die Karte aus, alternativ mit Russland zu kooperieren. „Europa ist unberechenbar“, sagt Rama und meint damit, dass alle Anstrengungen womöglich umsonst sein könnten, zum Beispiel weil in den europäischen Kernländern gerade Wahlen sind und man dort Rücksicht auf Nationalisten nimmt, die nichts von EU-Erweiterungen halten.

„Doch, es gibt eine Alternative“, sagt der Blogger Likemta unvermittelt auf die Frage, was passiert, wenn die EU-Vision scheitert. „Die Albaner werden trotzdem alle in der EU sein.“ Er spielt auf die Massenabwanderung an, die schon seit Jahren stattfindet und sich dann verstärken würde. Deutschland zum Beispiel bedient sich bereits jetzt mit Pflegekräften und Ärzten, so dass in albanischen Krankenhäusern mancherorts das Personal knapp wird. Likemta selbst hat vorsorglich einen Antrag auf eine Green Card für die USA gestellt,  so wie 300 000 andere Albaner. Immer im Herbst werden ein paar hundert ausgelost. Lottoglück statt Europa – auch eine Perspektive.