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Berlin/Kabul
Afghane erhängt sich nach Abschiebung

Geht es nach Innenminister Seehofer, werden bald weit mehr Flugzeuge Asylbewerbern zurück in die Heimat bringen. Beim jüngsten Abschiebeflug aus der Bundesrepublik waren 69 Asylbewerber an Bord, darunter offenbar auch der 23-jährige Afghane, der sich in Kabul das Leben genommen hat.
Geht es nach Innenminister Seehofer, werden bald weit mehr Flugzeuge Asylbewerbern zurück in die Heimat bringen. Beim jüngsten Abschiebeflug aus der Bundesrepublik waren 69 Asylbewerber an Bord, darunter offenbar auch der 23-jährige Afghane, der sich in Kabul das Leben genommen hat. FOTO: dpa / Boris Roessler
Berlin/Kabul. Nach dem Suizid eines abgeschobenen Asylbewerbers werden Forderungen nach einem Rücktritt von Innenminister Seehofer laut.

Nach dem Selbstmord eines aus Deutschland abgeschobenen afghanischen Asylbewerbers werden Forderungen nach einem Rücktritt von Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) laut. Die Vorsitzende des Menschenrechtsausschusses im Bundestag, Gyde Jensen (FDP), sagte dem „Tagesspiegel“, Seehofer sei aufgrund seiner zynischen Äußerungen „offensichtlich falsch im Amt“.


Gestern war bekannt geworden, dass sich einer der 69 afghanischen Asylbewerber des jüngsten Abschiebeflugs aus Deutschland in Kabul das Leben genommen hat. Der Mann aus der nordafghanischen Provinz Balkh sei 23 Jahre alt gewesen und habe acht Jahre lang in Deutschland gelebt.

Nach Angaben des Bundesinnenministeriums (BMI) und aus dem Flüchtlingsministerium in Kabul hatte der junge Mann in Hamburg gelebt. Ein BMI-Sprecher sagte, er sei wegen Diebstahls und Körperverletzung mehrfach rechtskräftig verurteilt worden. Afghanische Behörden hätten dem BMI gestern bestätigt, dass es sich um Suizid handele. Die geschilderten Umstände deuteten stark darauf hin. Ein Foto, das angeblich aus dem Hotelzimmer stammt, zeigte einen Toten mit bloßem Oberkörper an einem Seil hängend, am Boden ein Haufen Kleider. Der Zustand der Leiche könnte darauf schließen lassen, dass der Mann schon vor Dienstag gestorben war. Die Herkunft des Bildes konnte nicht unmittelbar unabhängig verifiziert werden. Eine Quelle aus dem Kabuler Büro der IOM bestätigte den Tod des jungen Mannes. Man untersuche den Vorfall noch. Die afghanische Polizei ermittele ebenfalls. Der Mann sei im Spinsar-Hotel gefunden worden, wo IOM rückkehrenden Flüchtlingen, die nicht wissen wohin, einige Tage Unterschlupf gewährt.

Einen Tag zuvor hatte sich Seehofer zufrieden über die hohe Zahl der Abgeschobenen gezeigt. „Ausgerechnet an meinem 69. Geburtstag sind 69 – das war von mir nicht so bestellt  Personen nach Afghanistan zurückgeführt worden. Das liegt weit über dem, was bisher üblich war“, hatte er gesagt. Gestern bezeichnete er dann den Freitod des abgeschobenen Afghanen als „zutiefst bedauerlich“.

Für den Tod des Mannes machte der Parlamentarische Geschäftsführer der Linksfraktion, Jan Korte Seehofer dennoch mitverantwortlich. „Es ist höchste Zeit, dass Seehofer geht“, sage er. „Wer aus Profilierungsgründen junge Menschen, die einen großen Teil ihres Lebens in der Bundesrepublik verbracht haben, in die Gefahren eines Kriegs- und Krisengebiets und in die Hoffnungslosigkeit abschiebt, trägt einen Großteil der Verantwortung, wenn diese das 69. Lebensjahr nicht erreichen.“



Grünen-Fraktionschef Anton Hofreiter sagte dem Redaktionsnetzwerk Deutschland, Seehofer sei „ganz offensichtlich (...) in seinem Amt moralisch überfordert und schlicht ungeeignet, seine Aufgaben verantwortungsvoll zu erfüllen“. Bundestagsvize Claudia Roth (Grüne), forderte, weitere Abschiebungen nach Afghanistan aufgrund der „weiterhin desaströsen Sicherheitslage“ auszusetzen. Ihr SPD-Kollege Thomas Oppermann (SPD) bezeichnete Abschiebungen in der „Welt“ als „ernsthafte Angelegenheit“. „Damit macht man keine Späße.“