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„Ältere profitieren von Psychotherapie“

Depressionen bleiben bei alten Menschen oft unerkannt. Auch weil Ärzten das Wissen um die Besonderheiten psychischer Erkrankungen im Alter fehlt. SZ-Redakteurin Iris Neu sprach mit Dr. Rosa Adelinde Fehrenbach, Chefärztin der Geronto-Psychiatrie an der SHG-Klinik Sonnenberg.

Warum steigt die Suizidgefahr bei den älteren Menschen?

Fehrenbach: Das liegt zum einen daran, dass die Anzahl der Betagten und sogar Hochbetagten gestiegen ist. Und damit auch die Zahl derer, die an schweren Erkrankungen leiden. Im Alter steigt zudem auch das Risiko, an Depressionen zu erkranken.

Wie kommt es, dass vor allem ältere Männer gefährdet sind?

Fehrenbach: Männer haben generell ein höheres Suizid-Risiko als Frauen. Und ältere Männer leiden häufiger unter Vereinsamung als ältere Frauen, die sozial oft besser vernetzt sind und auch mit ihrem Alltag besser zurechtkommen.

Gibt es zu wenig Hilfe für Ältere oder nehmen Ältere weniger Hilfe in Anspruch?

Fehrenbach: Beides. Für Ältere ist die Hürde meist höher, psychiatrische oder psychotherapeutische Behandlung einzufordern. Nicht zuletzt in Unkenntnis dessen, was an Behandlung möglich ist. Hinzu kommt, dass psychiatrische Therapie oft noch tabubehaftet ist. Auch das Bemühen um die Älteren auf der Angebotsseite lässt offensichtlich zu wünschen übrig. Nur ein sehr kleiner Teil der über 60-Jährigen befindet sich in psychotherapeutischer Behandlung.

Woran liegt das?

Fehrenbach: Seitens der Therapeuten gibt es nicht selten Unsicherheiten und Vorbehalte im Umgang mit Älteren. Früher herrschte beispielweise die Meinung vor, dass Psychotherapie im Alter wenig wirksam sei. Ältere Menschen seien nicht mehr ausreichend lernfähig, um von Psychotherapie profitieren zu können. Heute wissen wir, dass ältere Menschen von Psychotherapie sehr gut profitieren. Dass sie oft sogar eine bessere Motivation zeigen als Jüngere, wenn sie einen Zugang zur Behandlung finden.

Sie sehen also auch Defizite bei den Behandlern?

Fehrenbach: Ja, denn das Wissen um psychische Erkrankungen im Alter weist Besonderheiten auf. Nicht umsonst plädiert auch die Deutsche Gesellschaft für Geronto-Psychiatrie dafür, dieses Wissen viel mehr in der Ausbildung von Psychiatern und Psychotherapeuten zu verankern.