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SZ-Recherche
Abzocke am Telefon nimmt drastisch zu

FOTO: Rolf Vennenbernd / dpa
Berlin/Saarbrücken. Trotz schärferer Gesetze sind Verbraucher weiter nicht vor unerbetenen Werbeanrufen sicher. Die Zahl der Beschwerden hat sich im zu Ende gehenden Jahr beinahe verdoppelt. Von Werner Kolhoff

Sie sind nicht nur nervig, sondern arten oft in aggressive Überrumpelung aus: Die Zahl unerlaubter Telefonwerbe-Anrufe hat im abgelaufenen Jahr drastisch zugenommen. Bis Ende November gingen bei der Bundesnetzagentur bereits 52 342 Beschwerden über solche Praktiken ein. Das ist fast eine Verdoppelung gegenüber 2016, als es im gesamten Jahr 29 298 Beschwerden gab. Auch in den Jahren 2014 und 2015 lag die Zahl der Beschwerden jeweils bei etwa 25 000. Die Daten gehen aus einer noch nicht veröffentlichten Antwort der Bundesregierung auf eine entsprechende Anfrage der Grünen hervor und liegen unserer Redaktion vor.



Das höchste Bußgeld wurde 2017 mit 300 000 Euro gegen den Stromlieferanten Energy2day verhängt, über den allein 2500 Beschwerden eingingen. Gegen das Unternehmen wurde damit erstmals der gesetzliche Spielraum voll ausgeschöpft. Nach Angaben der Aufsichtsbehörde hatten sich Anrufer im Auftrag von Energy2day wiederholt als Mitarbeiter oder Partner der örtlichen Energieversorger ausgegeben und versucht, die Verbraucher zu einem Anbieterwechsel zu bewegen. Teilweise seien die Anrufe von Subunternehmen aus dem Ausland getätigt worden.

Auf Platz zwei folgte mit 200 000 Euro Bußgeld die „Deutsche Gesellschaft für Seniorenberatung“, die Hausnotrufe bewarb. Bußgelder wurden auch gegen Eon (75 000 Euro) sowie gegen mehrere Telefonmarketingunternehmen verhängt, die unterschiedliche Produkte anpriesen – von Zeitschriftenabos bis Versicherungen und Lebensmittel. Allerdings sind nicht alle Bußgelder schon rechtskräftig; die Betroffenen können Einsprüche einlegen. Werbeanrufe sind ohne ausdrückliche vorherige Einwilligung des Angerufenen seit 2009 verboten.

Die Bundesregierung führt den Anstieg der Fallzahlen auf eine höhere Sensibilisierung der Verbraucher zurück. Auch zeige die erneuerte Beschwerdeplattform auf der Website www.bundesnetzagentur.de Wirkung. „Dieses niederschwellige Angebot erleichtert Verbrauchern die Abgabe von Beschwerden erheblich und wird intensiv genutzt.“ Für den stellvertretenden Fraktionsvorsitzenden der Grünen, Oliver Krischer, zeigt die Entwicklung, „dass die Bundesregierung das Problem nicht in den Griff bekommt“. Krischer forderte eine Gesetzesverschärfung: Verträge aus unerlaubten Anrufen sollten von den Kunden immer zusätzlich schriftlich bestätigt werden müssen. „Das dürfe die Zahl der Vertragsabschlüsse einbrechen lassen und damit auch das Abzockmodell unattraktiv machen.“ Zudem bemängelt Krischer zu niedrige Bußgelder.