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Datenleck
50 Millionen missbrauchte Facebook-Profile im US-Wahlkampf

Washington. Das gefällt ihm gar nicht: Der Gründer des sozialen Netzwerks, Mark Zuckerberg, konnte offenbar ein weitreichendes Datenleck nicht verhindern.

Nach brisanten Enthüllungen über die Softwarefirma Cambridge Analytica wächst der Druck auf Facebook – auch in den USA, wo die Datenschutzregeln deutlich lockerer sind als in Europa. Senatoren beider großen Parteien wollen Mark Zuckerberg, den Gründer des sozialen Netzwerks, zu einer Anhörung im Kongress vorladen. Die Art, wie Informationen an Dritte verkauft würden, biete Anlass zur Sorge, schreiben Amy Klobuchar und John Kennedy, sie Demokratin, er Republikaner, in einer gemeinsamen Erklärung. Auf dem Spiel stehe die Integrität amerikanischer Wahlen.


Auslöser sind Berichte, nach denen sich Cambridge Analytica auf unzulässige Weise Profile von Facebook-Nutzern besorgte, um sie für den Wahlkampf Donald Trumps auszuwerten. Zu welchen Mitteln das Unternehmen griff, hat ein Insider geschildert, ein Whistleblower, den das Gewissen plagte. In Gesprächen mit Reportern der „New York Times“ und des Londoner „Oberserver“ hat Christopher Wylie, ein junger Kanadier, bis 2014 bei Cambridge Analytica beschäftigt, einen Datenmanipulator skizziert, der es seinen Kunden ermöglicht, Botschaften exakt auf eine bestimmte Zielgruppe zuzuschneiden, in aller Regel mit emotionalem Unterton. Und dem jegliche moralische Skrupel fremd sind. „Sie flüstern ins Ohr jedes einzelnen Wählers“, so Wylie. Das habe politische Akteure in die Lage versetzt, verschiedene Botschaften in verschiedene Ohren zu flüstern. „Wie können wir aber als Gesellschaft funktionieren, wenn wir kein gemeinsames Verständnis von den Dingen mehr haben?“

Nach Trumps Wahltriumph hatte sich Cambridge Analytica noch als eine Art hocheffizienter Kampagnenhelfer feiern lassen. Da war der Firmenchef Alexander Nix der digitale Guru, der mit sicherem Gespür erkannt hatte, wie man schwankende Wähler erreicht. Im Einklang mit seinem Verbündeten Steve Bannon, dem Strategen Trumps, wusste der Brite um die Gesetze einer Kommunikationslandschaft, die von Facebook und Twitter gründlich umgekrempelt wurde.

Auf seinem Datenfundus aufbauend, setzte Trumps Mannschaft gerade in hart umkämpften Bundesstaaten wie Michigan, Pennsylvania oder Florida alles daran, die Bewohner ländlicher Gebiete ebenso zu mobilisieren wie Nichtwähler, die das Interesse am herkömmlichen Politikbetrieb verloren hatten.

Welchem Leitfaden sie dabei folgte, haben die Autoren einer Studie des Fachmagazins „Science“ vor kurzem in einem ernüchternden Befund zusammengefasst. Unwahres, dozierten sie anhand der Informationsflüsse auf Twitter, verbreite sich „deutlich weiter, schneller und tiefer“ als die Wahrheit. Sensationsheischende, wenn auch falsche, Nachrichten machten mit sechsfach höherem Tempo die Runde als seriöse. Was daran liege, dass sie stärkere Emotionen auslösten, Überraschung, Ekel oder Angst.



Folgt man Wylie, dann war es ein Wissenschaftler der Universität Cambridge, der im konkreten Fall die Lawine ins Rollen brachte, wohl eher unfreiwillig. 2014 lud Aleksandr Kogan Facebook-Nutzer ein, an einer Art Quiz teilzunehmen, um persönliche Vorlieben kundzutun und dadurch mehr über die eigene Persönlichkeitsstruktur zu erfahren. Wylie zufolge machten rund 270 000 Interessierte mit, und da wie bei einem Schneeballeffekt auch deren Facebook-Freunde erfasst wurden, sollen bald 50 Millionen mögliche Adressaten zusammengekommen sein. Später soll Facebook die Daten an Cambridge Analytica verkauft haben, an ein Haus, das der Whistleblower als „Steve Bannons Werkzeug für psychologische Kriegsführung“ charakterisiert.

Bannon, der das krawallige Online-Portal Breitbart News verantwortete, bevor er zu Trumps Team stieß, spielte dort ebenso eine Rolle wie Robert Mercer, sein spendabler Gönner. Der Milliardär Mercer soll mindestens 15 Millionen Dollar in das Datenzentrum investiert haben. Wie man politische Rivalen diskreditiert, hat Nix einem vermeintlichen Kunden erläutert, einem vorgeblichen Geschäftsmann aus Sri Lanka, der ein Votum in seinem Land beeinflussen wollte.

Nach Daten zu graben sei das eine, sagte er, man verfüge aber auch über andere Mittel. Beispielsweise könnte jemand als Bauunternehmer posieren und einem Kandidaten eine hübsche Geldsumme zur Finanzierung des Wahlkampfs in Aussicht stellen – „und wir hätten das Ganze per Kamera aufgezeichnet“. Oder aber man schicke „ein paar Mädchen“, etwa Ukrainerinnen, das seien sehr schöne Frauen, „nach meiner Erfahrung funktioniert das sehr gut“.

Dumm für Nix, dass der vermeintliche Klient in Wahrheit für einen britischen Fernsehsender arbeitete. Channel 4 hat die Gespräche, geführt in Londoner Hotels, heimlich gefilmt.