| 17:47 Uhr

Fragen und Antworten
Der Streit um Nowitschok und die schwierige Beweissuche

In dieser Klinik werden Skripal und seine Tochter behandelt. Foto: Matt Dunham/AP
In dieser Klinik werden Skripal und seine Tochter behandelt. Foto: Matt Dunham/AP FOTO: Matt Dunham
London/Moskau. Wären das Attentat auf den Ex-Doppelagenten Sergej Skripal und die politischen Folgen nur ein ausgedachter Film, gäbe es wohl schlechte Kritiken: Nahezu unglaublich erscheint all das, was in den vergangenen Wochen passiert ist. London und Moskau im heftigen Streit, eine schwere diplomatische Krise und die Opfer noch im Krankenhaus. Fraglich ist, ob der Fall jemals gelöst werden kann. Von Silvia Kusidlo und Claudia Thaler, dpa

Einen Monat nach dem Anschlag auf den ehemaligen russischen Doppelagenten Sergej Skripal (66) und seine Tochter Julia (33) nimmt der Streit zwischen London und Moskau bizarre Züge an. Im Fokus am Donnerstag stand die 33-Jährige, die sich erstmals aus dem Krankenhaus im englischen Salisbury meldete.


Wie geht es Vater und Tochter?

Julia Skripal ließ über Scotland Yard mitteilen, dass sie seit einer Woche wach sei und es ihr von Tag zu Tag besser gehe. Über ihren Vater verlor sie aber kein einziges Wort. Die Ärzte in Salisbury beschrieben seinen Zustand zuletzt als kritisch. Merkwürdig: Die Mitteilung der Londoner Polizei fiel zeitlich mit einer gut besuchten Pressekonferenz des russischen Botschafters in London zusammen. Auch merkwürdig: Kurz zuvor hatte das russische Staatsfernsehen den Mitschnitt eines angeblichen Telefonats von Julia und ihrer in Russland lebenden Cousine Viktoria Skripal veröffentlicht. Demnach soll es Vater Skripal relativ gut gehen. Die Echtheit des Mitschnitts war zunächst nicht bestätigt. Alles ein zeitlicher Zufall?

Welche Beweise hat London für seine Vorwürfe gegen Moskau vorgelegt?

Bislang keine. Auch in Großbritannien gibt es Zweifel, ob die britische Regierung mit ihren Anschuldigungen den Mund nicht zu voll genommen hat. Die Labour-Partei übt vor allem Kritik an Äußerungen von Außenminister Boris Johnson. Britische Forscher fanden bislang heraus, dass bei dem Attentat das Nervengift Nowitschok verwendet worden ist. Der Kampfstoff wurde einst in der Sowjetunion produziert. Das heißt aber noch nicht, dass Moskau der Drahtzieher des Anschlags ist. Staatliche Labors in anderen Ländern, die sich vor Nowitschok schützen wollten und daher dazu geforscht haben, könnten den Kampfstoff theoretisch auch herstellen, wie der deutsche Chemiker Ralf Trapp erläutert. Dazu zähle auch Großbritannien mit seiner Forschungsanlage Porton Down.



Warum ist es so schwer, die Quelle des Gifts herauszufinden?

„Es ist schon möglich, aber dazu braucht man Zugriff auf verschiedene Vergleichsstoffe“, erklärt Trapp, der als unabhängiger Berater auch für die Organisation für ein Verbot der Chemiewaffen (OPCW) arbeitete. Dafür müsse man nach Beimischungen und Verunreinigungen in den Proben suchen. Diese sogenannten chemischen Signaturen können zum Ursprungsort führen. Das Problem: „Das setzt voraus, dass Sie von diesem Ursprungsort entsprechende Kontrollproben haben“, so Trapp. Unabhängige OPCW-Experten, die von Großbritannien beauftragt wurden, wollen nächste Woche ihre Ergebnisse vorlegen. Sie werden vermutlich aber nicht klären können, wer hinter dem Anschlag steckt.

Wie kommt London aber dann auf Moskau als Schuldigen?

Dass Nowitschok früher in der Sowjetunion produziert wurde, ist nach Angaben der britischen Regierung nur eine von mehreren Spuren. Es soll weitere Belege geben. Aber welche? Johnson beschuldigte Moskau, Nowitschok für potenzielle Anschläge produziert und gehortet zu haben. Nach einem Bericht der „Times“ soll London bereits das beteiligte Labor in Russland identifiziert haben. Wahr oder unwahr? Fakt ist, dass es eine Häufung mysteriöser Todesfälle von Ex-Agenten und Kremlkritikern in Großbritannien gibt. Mitte März traf es Nikolai Gluschkow - der Kremlkritiker wurde laut Polizei in London durch „Gewalteinwirkung im Nackenbereich“ ermordet. Die britische Innenministerin Amber Rudd lässt nun 14 mysteriöse Todesfälle neu aufrollen, die eine Verbindung zu Russland haben könnten.

Wie reagiert Moskau jetzt?

Russland fühlt sich bestätigt: ohne Beweise keine Schuld. Der Kreml verlangt deshalb eine Entschuldigung des Westens, Moskau überhaupt ins Visier genommen zu haben. Dass sich die Situation nun wieder entspannen könnte, ist unwahrscheinlich. Kremlsprecher Dmitri Peskow sagte, London sei mit diesem „Blödsinn“ zu weit gegangen. Aus Moskauer Sicht ist klar, dass auch Washington seine Finger mit im Spiel hat. Das angebliche Ziel: Russland zu diskreditieren. Das Moskauer Außenamt stellte sogar die Theorie auf, dass London Russland die im Sommer geplante Fußball-WM auf diese Weise wegnehmen wolle. Ein Vorschlag Moskaus zu einer unabhängigen Untersuchung mit Beteiligung Russlands wurde bei einer OPCW-Sitzung abgelehnt.

Wieso gibt es in der Nähe von Salisbury Kampfstoffexperten?

Die Giftproben sind in Porton Down untersucht worden. Das ist ein riesiges Gelände, auf dem auch militärisch geforscht wird. Porton Down wurde als Zentrum der britischen Chemie- und Biowaffenforschung bekannt. „Es war eine Einrichtung des britischen Militärs, die gegründet wurde, als chemische Waffen im Ersten Weltkrieg eingesetzt wurden“, erläutert Trapp. Dort sei bis in die 50er Jahre hinein auch an Nervenkampfstoffen gearbeitet worden. Heute sei das Ziel der Einrichtung aber der Schutz vor Substanzen wie Nowitschok.