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Kinder-Schicksal
Ein Mahnmal aus Stein für den kleinen Pascal

Das Bild von damals ging durch alle Medien: Der fünfjährige Pascal soll 2001 missbraucht und getötet worden sein. Doch seine Leiche fand man nie.
Das Bild von damals ging durch alle Medien: Der fünfjährige Pascal soll 2001 missbraucht und getötet worden sein. Doch seine Leiche fand man nie. FOTO: picture-alliance / dpa/dpaweb / -
Schwalbach. An das Schicksal des Burbacher Jungen, der 2001 verschwand, erin­nert in Schwalbach bald eine Stele. In Saar­brücken wollte man sie nicht.

() Fast 16 Jahre ist es her, dass der damals fünfjährige Pascal aus Saarbrücken verschwand. Nach wie vor ist sein Schicksal ungeklärt – seine Leiche wurde nie gefunden. Jetzt bekommt der Junge, dessen Fall bundesweit für Schlagzeilen sorgte, einen Gedenkstein: Die säulenförmige Stele aus Quarzit wird am kommenden Samstag am Eingang des Friedhofs der katholischen Kirchengemeinde in Schwalbach enthüllt. „Es soll ein Ort des stillen Gedenkens sein“, sagt Pastor Hans-Georg Müller.


Zum einen, um an Pascal zu erinnern. Ein Mammutverfahren vor dem Landgericht Saarbrücken hatte nicht klären können, was mit dem Jungen passiert war. In einem mehr als drei Jahre dauernden Indizienprozess wurden alle zwölf Angeklagten 2007 aus Mangel an Beweisen vom Vorwurf freigesprochen, Pascal im Hinterzimmer des Lokals „Tosa-Klause“ in Saarbrücken-Burbach vergewaltigt und dann getötet zu haben. Der Gedenkstein soll aber noch mehr sein: „Er ist im Grund genommen ein Mahnmal für alle verschwundenen und missbrauchten Kinder“, sagt der Pastor und fügt hinzu: „Und ein Denkmal gegen das Verschweigen und das Totschweigen. Wir zeigen als Kirche: Es geht auch anders.“ Dass der Stein jetzt den Segen der Pfarrei „Heilig Kreuz“ bekommen hat, ist eine kleine Sensation.

Denn seit Jahren hat die „Initiative gegen Gewalt und sexuellen Missbrauch an Kindern und Jugendlichen“ mit Sitz im Westerwald versucht, im Saarland einen Platz für den in ihrem Auftrag gefertigten Gedenkstein zu finden. Vergebens. Nicht nur Saarbrücken habe ihn nicht gewollt, sagt der Vorsitzende Johannes Heibel in Siershahn. Auch aus allen anderen größeren Städten seien nur Absagen gekommen. „Damit hatten wir nicht gerechnet. Wir waren verzweifelt und enttäuscht.“ So tourte der rund 700 Kilogramm schwere Stein des Siegburger Bildhauers Bruno Harich bereits durch mehrere Städte in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz. Bis Pastor Müller in Schwalbach gefragt wurde und zustimmte, mit seiner Gemeinde. „Es ist traurig, dass die Errichtung des Steines in Saarbrücken und anderen Orten stets abgelehnt wurde“, meint der Pfarrer. Eine Bewertung des Richterspruchs von damals interessiert ihn nicht. „Es geht nicht um Schuldzuweisungen. Wir klagen nicht an, wir verurteilen nicht, sondern wir erinnern.“



Sozialpädagoge Heibel ist froh über den gefundenen Ort: „Das ist ein guter Abschluss“, meint er. „So viele Kinder werden einfach vergessen. Keiner erinnert sich an sie“, sagt der Mann, der mit seiner bundesweiten Initiative in den den vergangenen 25 Jahren rund 1000 Betroffene beraten hat. „Pascal wäre auch so ein Kind gewesen.“

Die Stadt Saarbrücken bestätigt, dass die Initiative einen Gedenkstein in Burbach aufstellen lassen wollte. „Dem Anliegen wurde aus rechtlichen und inhaltlichen Gründen nicht entsprochen“, teilt die Stadt auf Anfrage mit. Für das Aufstellen von Mahnmalen sei der Stadtrat zuständig, dem aber kein Antrag vorgelegen habe. Zudem habe es von Experten ablehnende Rückmeldungen gegeben. Ein Verein hielt den persönlichen Bezug, den das Denkmal zu den Opfern herstelle, für unangemessen. Hinzu komme, dass das Schicksal von Pascal bislang nicht aufgeklärt werden konnte. Dass dem Jungen Schlimmes widerfahren sein muss, steht aber fest: Im Oktober 2003, noch vor dem Mega-Prozess, war ein „Tosa“-Stammgast wegen sexuellen Missbrauchs an Pascal und dessen Freund B.M. zu sieben Jahren Haft verurteilt worden.

Pascals damaliger Freund hat 2010 selbst Sätze in den Gedenkstein gemeißelt: „Lieber Pascal, wir beide waren noch so klein, als wir das Allerschlimmste, den Missbrauch an uns Kindern, erleben mussten. Jetzt lebe ich mit diesen schmerzhaften Erinnerungen, die mich nicht loslassen wollen – und du bist nicht mehr da. Ich bewahre dich in meinem Herzen, Dein Freund B.M.“ Bei der Gedenkfeier am Samstag will B.M. eine Rede halten – unter seinem Namen: Bernhard Müller. „Mit diesem Stein fange ich sozusagen ein neues Leben an, ein öffentliches Leben“, sagt der 22-Jährige. „Ich wollte irgendwann mit dem Versteckspielen aufhören.“ Und fügt hinzu: „Ich möchte mich halt nicht in diese Opferrolle reinpressen lassen. Ich bin Opfer, keine Frage. Aber ich möchte halt ganz normal sein.“

Johannes Heibel und Sigrid Hübner von der Initiative gegen sexuellen Missbrauch an Kindern mit der Stele, die am Samstag aufgestellt wird.
Johannes Heibel und Sigrid Hübner von der Initiative gegen sexuellen Missbrauch an Kindern mit der Stele, die am Samstag aufgestellt wird. FOTO: dpa / Monika Heibel