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Interview Timo Meyer
„Wir bereiten uns noch mehr vor“

Timo Meyer, Landesbrandinspekteur des Saarlandes.
Timo Meyer, Landesbrandinspekteur des Saarlandes. FOTO: USEC
Saarbrücken. Der Extrem-Sommer hat die Feuerwehr arg gefordert, sagt der Landesbrandinspekteur. Von Lisa Kutteruf

Der Rekord-Sommer hat der Feuerwehr im Saarland Rekord-Arbeit beschert, sagt Landesbrandinspekteur Timo Meyer.


Herr Meyer, der Sommer neigt sich dem Ende zu. Erwarten Sie, dass sich die Wetterlage entspannt?

MEYER Im Gegenteil. Die Meteorologen sprechen immer wieder von einem „Popcornwetter“, hier kommt es stellenweise und nicht vorhersehbar zu starken Niederschlägen wie in den vergangenen Wochen, welche lokal aufpoppen. Die eine oder andere Kommune rüstet für weitere Unwetter nach, indem sie weitere Pumpen oder sogar eine Sandsackfüllanlage anschafft. Auch in den Landkreisen sind oder werden Fachzüge Hochwasser gebildet. Und wir Feuerwehrleute bereiten uns noch mehr auf Unwetterereignisse vor, als wir es ohnehin schon tun.



Sind die Feuerwehren im Saarland – auch nach den Überflutungen der jüngsten Zeit – so gefordert wie noch nie?

MEYER Ja, auf jeden Fall. Wir waren dieses Jahr schon weit über 3000 Mal unwetterbedingt im Einsatz. Zum Vergleich: Im gesamten Jahr 2017 waren es etwa 800 Unwetter-Einsätze.

Das klingt nach wenig Schlaf.

MEYER So ist es. Vor allem die freiwilligen Feuerwehrleute nehmen immer wieder Enormes auf sich. Man muss bedenken: Von den rund 11500 aktiven Feuerwehrmännern und -frauen im Saarland machen das nur etwa 200 hauptberuflich. Es gab Kollegen, die in den vergangenen Monaten selbst Opfer von Regen und Schlamm wurden. Etliche haben trotzdem entschieden, das eigene Wohl hinten anzustellen und zuerst anderen zu helfen. Insgesamt war die Belastung für uns alle groß. Die Einsätze waren langwierig, das ging oft ja über Stunden oder sogar Tage. Die Kameraden und Kameradinnen wurden zwar von den Hilfsorganisationen abgelöst, aber es war nicht immer leicht, sie davon zu überzeugen, dass sie mal eine Pause einlegen müssen, weil sie an ihre körperlichen Grenzen kommen. Daran sieht man: Das Herz der Feuerwehrleute schlägt für ihre Heimat. Sie wollen helfen.

Wird das manchmal ausgenutzt?

MEYER Ja, leider. Grundsätzlich gilt natürlich: Wenn jemand das Gefühl hat, er befindet sich in einer Notlage, soll er die 112 anrufen. Wir sind da, und wir helfen. Aber handelt es sich bei wenigen Zentimeter immer um einen Notfall!? Bei extremen Wetterlagen kann auch der Notruf an seine Grenzen kommen. Die Notrufnummer sollte dann wirklich nur für Notrufe genutzt werden. Ich bitte die Saarländer, zwei Dinge zu beachten. Zum einen: Wenn die Straßen noch überflutet sind, kann die Feuerwehr maximal das Wasser aus dem Keller auf die Straße pumpen. Das Wasser läuft dann eventuell von der Straße wieder in den Keller, wir pumpen es also im Kreis. Sobald der Kanal frei ist, läuft das Wasser in vielen Fällen wieder von alleine ab. Zum anderen: Wir fahren alle uns gemeldeten Einsatzorte an, doch wir müssen priorisieren. Wenn in einem Haus Heizöltanks zu kippen drohen, sind das natürlich Einsatzstellen, die wir zuerst abarbeiten müssen. Daher bitten wir bei solchen Ereignissen um Verständnis und etwas Geduld. Außerdem gab es Einsätze, bei denen uns die Hausbewohner die Tür aufgemacht haben und dann alle gemeinsam zum Fernsehen ins Wohnzimmer gegangen sind. Oder bei denen es hieß: „Mein Mann hat die Feuerwehr gerufen.“ – „Und wo ist ihr Mann?“ – „Der liegt im Bett, der hat Frühschicht.“ So etwas ist des Öfteren passiert. Wir Feuerwehrleute sind im Ehrenamt, da muss der ein oder andere auch früh raus. Bei wenigen Zentimetern Wasser sollte – wer körperlich in der Lage ist – versuchen, sich selbst zu helfen und das Wasser aufzuwischen oder mit Nasssaugern aus dem Einzelhandel aufzusaugen.

Wie viele Einsätze gab es, die nicht unbedingt nötig gewesen wären?

MEYER Mindestens ein Drittel waren entweder keine Einsätze, die die Feuerwehr überhaupt bearbeiten konnte, oder es waren Bagatelleinsätze. Ich habe selbst erlebt, dass wir gerufen wurden, weil in einer leerstehenden Garage drei Zentimeter Wasser standen. Da war die Feuerwehr wirklich nicht notwendig.

Wie haben Sie das Verhalten der Bürger während der bisherigen Unwetter insgesamt wahrgenommen?

MEYER Die Mehrheit hat geholfen. Ich habe viele Menschen gesehen, die mit Schaufeln und Besen angekommen sind und ihre Hilfe in stark betroffenen Straßenzügen angeboten haben. Da hat die Nächstenhilfe im Saarland bestens funktioniert. Der Feuerwehr gegenüber war das Verhalten in der Regel sehr respektvoll und fürsorglich.

Gibt es immer noch genügend Feuerwehrleute?

MEYER Anders als bundesweit haben wir eine sehr stabile Feuerwehr. Wir konnten im Vorjahr einen Zuwachs verzeichnen. Auch der Frauenanteil ist auf Rekordhöhe. Es sind mittlerweile über 1000 Frauen in der freiwilligen Feuerwehr. Trotzdem gibt es ein paar Gemeinden im ländlichen Raum, die sehr stark organisieren müssen, damit das auch weiterhin funktioniert. Ein Problem sind die teilweise langen Wege zwischen Arbeitsplatz und Feuerwache.