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Rechte Proteste
Die nervöse Stadt

Montag in Chemnitz: In der Innenstadt am Karl-Marx-Monument läuft eine Kundgebung der rechten Szene.
Montag in Chemnitz: In der Innenstadt am Karl-Marx-Monument läuft eine Kundgebung der rechten Szene. FOTO: dpa / Jan Woitas
Chemnitz ist nach der Machtdemonstration rechter Gruppen verunsichert. Bericht aus einer Stadt zwischen Angst, Scham und Wut. Von Gregor Mayntz

Der Mittdreißiger sagt es immer wieder: „Das hätte Daniel niemals gewollt.“ Er bezeichnet sich als den „besten Freund“ des Mannes, der am Wochenende bei einer Messerstecherei starb – und will anonym bleiben. Wie viele andere, die zum Tatort an der Brückenstraße in Chemnitz kommen. Hunderte Kerzen und Blumen liegen hier vor Sparkasse und Tanzschule, neben einem SED-Denkmal: „Der Einzelne kann vernichtet werden, die Partei kann nicht vernichtet werden, denn sie ist der Vortrupp der Massen“, steht in Stein gemeißelt. Wo die SED-Diktatur derart präsent ist – das riesige Karl-Marx-Monument prangt nur zwei Steinwürfe entfernt – bekommen die Sprüche von früher eine schale Bedeutung. Denn rechtes Gedankengut nimmt den Tod des 35-jährigen Schreiners zum Vorwand, um in Chemnitz zu zeigen, wie stark und gut organisiert es ist. Wie sehr es sich hier als „Vortrupp der Massen“ empfindet.


„Ich bin kein Nazi, aber...“. Sätze wie diese werden fast im Minutentakt im Angesicht des Blumenmeeres gesprochen. Der Tatort ist für einige aber zu allererst Gedenk- und Trauerort. Sie legen mit feuchten Augen weitere Blumen nieder, gehen still in die Hocke, um ein paar Minuten das gerahmte Bild des in Chemnitz geborenen Deutsch-Kubaners zu betrachten. Es zeigt Daniel H. als einen kräftigen, fröhlichen Mann mit milchkaffeebrauner Hautfarbe. Wo er Sonntag früh um 3.15 Uhr mit tödlichen Messerstichen niedergestreckt wurde, hat sich jedoch auch ein Kommunikations-, Protest- und Wut-Ort entwickelt. Davon zeugen die schwarz-rot-goldenen Kranzschleifen von denen, die hier Sonntag und Montag die ersten rechten Demos auf die Straße brachten. An diesem Donnerstag wollen sie erneut aufmarschieren.

Daniel sei ein „klasse Typ“ gewesen, sagen Kumpels



Nichts weiter sagen mag die schlanke ältere Dame, Typ Erika Steinbach, die meint, ihre in Klarsichtschutz eingepackte Din-A-4-Seite spreche doch für sich: „Wie viel Tote, Verletzte, Vergewaltigte braucht es noch, bis der Staat seine Bürger vor ,Schutzsuchenden’ schützt?!“ steht darauf in dicken, fetten Buchstaben. Auf der anderen Seite eine schlichte Trauer-Botschaft in einem eingeschweißten Blatt von den „Hausgeistern“, dem Chemnitzer Hausmeister- und Gebäudedienst, für die Daniel H. als Schreiner Fenster und Türen reparierte.

In Chemnitz werden Blumen am Tatort niedergelegt.
In Chemnitz werden Blumen am Tatort niedergelegt. FOTO: AP / Jens Meyer

Seine Kumpel beschreiben ihn als „klasse Typ“, der bei aufkommenden Streitigkeiten stets den Part des Beschwichtigers übernommen habe und von vielen bewundert worden sei: Wie er seine Ausbildung packte, eine Familie gründete und seinen Freundeskreis pflegte. Samstagnacht besuchte er seine Skatrunde, drehte auch noch ein paar Runden über das Stadtfest. Was dann in der Brückenstraße passierte, konnte er der Polizei noch sagen, bevor er starb. Die Polizei nahm daraufhin einen 22-jährigen Syrer und einen 23-jährigen Iraker fest. Letzterer mit etlichen Vorstrafen, auch wegen Körperverletzung.

In Chemnitz heizen Informationen wie diese die Stimmung weiter an. „Deutsche Straftäter in den Knast, ausländische Straftäter sofort abschieben, dann haben wir wieder Ruhe“, sagt Harald Wagner (62) neben dem Blumenmeer. „Da vorne“, erklärt er und deutet auf die Straße der Nationen, sei er 1989 vom Regime eingekesselt worden. Das sei beängstigend gewesen. Jetzt habe er wieder dieses Angstgefühl. Wegen der vielen Ausländer. Beim Einkaufen in der Roter-Turm-Passage um die Ecke würden junge Mädchen von ausländischen Jugendlichen unflätig und ordinär angemacht. Die lasse der Staat gewähren, während ein guter Freund, ein „fähiger Lackierer, der immer seine Steuern zahlte“, in den Irak abgeschoben worden sei. „Das läuft doch alles total schief hier“, stellt er kopfschüttelnd fest.

Die Attackierten trauten sich nicht, zur Polizei zu gehen

Die Demo der Rechten am Sonntag habe er von seinem Fenster aus gesehen. Wie es plötzlich Schreie gegeben habe und einzelne Gruppen gerannt seien, berichtet Wagner. Die AfD behauptet nun, es habe gar keine Jagd auf Migranten gegeben. Im Café International, einem Treff für Flüchtlinge, wissen sie es besser. Doch die Attackierten trauten sich nicht, zur Polizei zu gehen. Es liegt eine tiefe Verunsicherung über der Stadt. Besonders dort, wo sich die 247.000-Einwohner-Kommune mit ihren 20.000 Ausländern international gibt. Die Technische Universität, die sich als die internationalste in Sachsen empfindet, fürchtet massive Standortfolgen. Die Bewerbung von Chemnitz, 2025 Kulturhauptstadt Europas werden zu wollen, könne man nun sicher knicken, heißt es in der Kommunalpolitik. Die Ballett-Chefin hat die ausländischen Ensemble-Mitglieder sogar angewiesen, möglichst nicht mehr alleine durch die Stadt zu gehen.

Naji el-Ali, ein Palästinenser, der als Student in die damalige DDR kam, hat diese Bedenken nicht. Er kommt mit seiner Frau und seinen zwei Söhnen zum Tatort, legt einen Strauß weißer Rosen nieder. Auch er habe den Daniel „gut gekannt“. Und wie Daniel fühle auch er sich zu Hause in Chemnitz. „Haut ab“, brüllt plötzlich ein leicht schwankender Mann, die Bierdose in der Hand. Er schimpft auf die „zionistischen“ Medien. Der Alkohol beschleunigt den Antisemitismus. Mehrere junge Leute reden sofort auf ihn ein. „Denk an Daniel, das hätte der nicht gewollt“, sagen sie wiederholt.

In den Fußgängerzonen patrouillieren Polizisten in Schutzwesten, stehen vor dem Asia-Grill. Rund um die Uhr fahren Einsatzfahrzeuge durch die Straßen, halten mal hier, mal dort. Die Nervosität steigt. Ministerpräsident Michael Kretschmer hat schon lange vor Daniels Tod zum „Sachsengespräch“ für diesen Donnerstagabend in Chemnitz eingeladen. Auch Wagner will hin, aber vorher an einer Demonstration der rechten „Pro Chemnitz“-Organisation teilnehmen. Die trumpf in diesen Tagen mächtig auf, hat schon am Montag 6000 Mitläufer gewinnen können, teils aus ganz Deutschland angereist. Auch Wagner. Da seien „höchstens 50 bis 100 Rechte“ dabei gewesen, der Rest „normale Bürger“ wie er. Und was ist mit dem Hitlergruß, den Teilnehmer zeigten? „Dafür schäme ich mich“, meint Wagner, atmet kurz durch, und beharrt: „Aber ich dulde auch nicht, dass alles so bleibt wie jetzt.“

Gegendemonstrationen soll es an diesem Donnerstag nicht geben. Dafür nächsten Montag die Kundgebung „Wir sind mehr“. Ein paar junge Leute kommen am Tatort darauf zu sprechen. Gerade schwang einer von ihnen noch rechte Slogans. Nun bekommt er leuchtende Augen, redet von regionalen Kultbands wie „Kroftklüb“ und nationalen Größen wie den „Töten Hösen“ aus Düsseldorf. Sie alle wollen es den Rechten zeigen. Und zwar direkt am großen Marx-Kopf.