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Bauchgefühl oder Tatsache
Messerstecher sorgen für Entsetzen

Angriffe mit Messern haben in den vergangenen Wochen Entsetzen ausgelöst. (Symbolfoto)
Angriffe mit Messern haben in den vergangenen Wochen Entsetzen ausgelöst. (Symbolfoto) FOTO: Ingo Wagner / picture-alliance/ dpa
Saarbrücken. Immer mehr Attacken machen Schlagzeilen. Doch gibt es wirklich einen Anstieg? Fakten, die die gefühlte Lage belegen, existieren im Saarland noch nicht. Von Dennis Langenstein

Die Sonne ist noch nicht aufgegangen, als am Sonntagmorgen im Dillinger Stadtpark drei Männer zwischen 19 und 21 Jahren von einem 19-Jährigen mit einem Messer attackiert werden. Die Polizei geht von einem zufälligen Zusammentreffen aus. Erst wurde wohl provoziert, dann attackiert. Zwei der Opfer erlitten Verletzungen an den Händen, ein weiterer einen Durchstich an der linken Wange. Polizisten trennten die Kontrahenten, den mutmaßlichen Täter erwartet nun eine Strafanzeige wegen gefährlicher Körperverletzung.


Es ist nur ein Fall aus einer ganzen Reihe. Angriffe mit Messern haben in den vergangenen Wochen Entsetzen ausgelöst. Doch steigen die Zahlen tatsächlich? Es scheint zumindest so: Erst am Wochenende sorgte in Burgwedel in Niedersachsen ein Angriff für Aufsehen. Eine 24-Jährige wurde auf der Straße niedergestochen. Vorausgegangen war auch hier ein Streit der Frau und ihres Begleiters mit zwei Jugendlichen, 13 und 14 Jahre alt, der noch glimpflich verlief. Als die beiden Gruppen später wieder aufeinandertrafen war ein 17-Jähriger hinzugekommen. Er soll laut Staatsanwaltschaft auf die Frau eingestochen haben. Sie lag nach einer Not-OP gestern noch im Koma.

Auch in Saarbrücken gab es bereits einige Vorfälle. Anfang März gerieten im Bürgerpark gleich mehrere Männer aneinander. Dabei erwischte es einen 28-Jährigen besonders. Er wurde geschlagen und gewürgt, auf ihn wurde eingetreten und auch ein Messer kam zum Einsatz. Und erst im vergangenen Juni ist in Burbach ein 30-jähriger Mitarbeiter des Deutschen Roten Kreuzes mit einem Messer getötet worden. Ein syrischer Flüchtling war in diesem Fall mit seinem aus dem Irak stammenden Berater in Streit geraten.

Auch in anderen Fällen waren Geflüchtete aus Syrien an den Messerattacken beteiligt. Doch sie sind nicht die Einzigen: Erst in der Nacht zum Samstag haben drei Maskierte, die laut Polizei akzentfrei deutsch sprachen, einen 17-Jährigen in Hannover mit einem Messer überfallen.

Auch der im Dezember bekanntgewordene Brandbrief der Saarbrücker Bruchwiesenschule hat auf ein gesteigertes Gewaltpotenzial unter Jugendlichen aufmerksam gemacht. Die „Qualität der Gewaltanwendungen“ hat demnach ebenfalls zugenommen. So seien „mehrere lebensbedrohliche Situationen“ der Anlass für den Brandbrief gewesen, bekräftigte Schulleiterin Pia Götten.



Der Landesvorsitzende der Gewerkschaft der Polizei, Ralf Porzel, spricht von einer „gefühlten“ Zunahme an Taten, bei denen ein Messer zum Einsatz kommt. Er sieht hier eine der Ursachen in den unterschiedlichen Kulturkreisen, die zurzeit in Deutschland aufeinanderprallen. Zum einen käme in manchen Kulturen ein Messer schneller zum Einsatz, zum anderen würden in ihren Heimatregionen verfeindete Gruppen hier aufeinander treffen. „Die Kollegen sagen, die Häufigkeit, m der sie auf Messer stoßen, sei hoch.“ Zumal bei einer Tat bereits das tragen eines Messers strafverschärfend wirken könne. Die Lösung sieht Porzel allerdings nicht nur bei der Polizei. Zu sanktionieren sei eine Sache, die heimischen Moralvorstellungen zu vermitteln eine andere. „Das Problem in absehbarer Zeit zu lösen ist schwierig“, sagt Porzel.

Die „gefühlte“ Zunahme lässt sich allerdings momentan nicht belegen. Bertram Stoll, Leiter des Ermittlungs- und Servicedienstes der Polizeiinspektion St. Johann, spricht von einem Bauchgefühl, dass auch durch eine gestiegene Berichterstattung ausgelöst worden sein kann. In der Polizeistatistik werden Taten, bei denen Messer eingesetzt wurden, jedenfalls nicht gesondert erfasst. Sie würden bei den Gewaltdelikten mitregistriert, also einer Vielzahl aus Verbrechen, wie Georg Himbert vom Landespolizeipräsidium erklärt. Betrachtet man die Rubrik schwere und gefährliche Körperverletzung erhält man für das Saarland ein anderes Bild. Im Jahr 2016 gab es demnach 2087 Fälle. Die Zahlen für 2017 sind noch nicht öffentlich, doch Michael Hammerschmitt vom Kriminaldienst in Saarbrücken rechnet auf Anfrage 2093 Fälle aus, also eine Zunahme von gerade einmal sechs Delikten in dieser Rubrik. Sein Kollege Stoll ist allerdings gerade dabei die Zahl der Messerattacken gesondert zu recherchieren. Das fordert auch der niedersächsische GdP-Landeschef Dietmar Schilff. Auch er beobachtet, dass zunehmend Jugendliche und Heranwachsende Messer bei sich trügen. „Wir müssen wissen, wo vermehrt solche Taten begangen werden und von wem, um reagieren zu können.“

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