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SPD bei der Bayern-Wahl
Oder soll man es lassen?

Bayerische SPD-Spitzenkandidatin Kohnen (rechts, mit SPD-Chefin Nahles, am 20. September in München).
Bayerische SPD-Spitzenkandidatin Kohnen (rechts, mit SPD-Chefin Nahles, am 20. September in München). FOTO: dpa / Matthias Balk
Am Sonntag geht es nur noch darum, zweistellig zu bleiben. Mehr ist bei der Bayern-Wahl nicht drin. Doch die Kandidaten quälen sich jeden Tag aufs Neue. Unterwegs mit dem ärmsten Tropf im Freistaat: der SPD. Von Alexander Triesch, München

Wahlkampf in Bayern ist, wenn die SPD zu Würsteln und Weißbier ins Wirtshaus lädt und niemand kommt. Obwohl, da vorne, ganz am Ende des Saals, da sitzen doch die Genossen! Es sind vielleicht 30, die an diesem Montagabend, sechs Tage vor der Landtagswahl, in das Münchner Wirtshaus am Bavariapark gekommen sind. Sie kleben auf den Bierbänken und gehen fast unter in der riesigen Halle, in der die bayrische SPD locker ihren Parteitag abhalten könnte.


Fast 300 Plätze sind blau-weiß gedeckt. Später wird der Kandidat sagen, der Wirt habe nur die Absprache falsch verstanden. Die wenigen, die da sind, warten auf Münchens Ex-Oberbürgermeister Christian Ude. Der Kandidat hat ihn eingeladen. Als Hilfe. Zwei Stunden redet Ude, manchmal brüllt er und spricht von „Scheißideen“. Er wird an diesem Abend eine langjährige Wählerin vergraulen, und als er weg ist, steht der Kandidat vor der Bühne, allein, er nimmt die Brille ab, reibt sich durchs Gesicht und stöhnt. „Am Ende des Wahlkampfs willst du irgendwann nur noch schlafen.“

Der Kandidat, das ist Michael Ott, 54, zu Hause im Stimmbezirk München-Mitte in der Isarvorstadt und im richtigen Leben Dozent für neuere deutsche Literatur an der Universität Konstanz. Er tritt zum ersten Mal an und will etwas verändern, besonders den brutalen Mietmarkt in München. „Wir brauchen eine staatliche Wohnungsbaugesellschaft, die massiv in Wohnungen investiert“, sagt er. Die SPD hat ihn auf Listenplatz 26 gesetzt, das ist fast ganz unten und Ott weiß, was das heißt: „Ich denke, es wird für mich nicht ganz reichen“.



Gerade steht die SPD bei zehn Prozent, das ist nur noch halb so viel wie 2013. Trotzdem kämpft Ott, manchmal liegt er erst nach 14 Stunden im Bett und wieder war alles umsonst. Das klingt traurig, aber so läuft es eben in Bayern. Irgendwer muss nach der Wiesn das Erbrochene von der Straße wischen. Und irgendwer muss halt alle fünf Jahre für die SPD antreten.

Samstagmorgen, elf Uhr, Königsplatz. 18.000 Umweltaktivisten sammeln sich zur Großdemo „Mia ham’s satt“. Auch die SPD ist da und hat am Rand der Wiese, fast außer Hörweite der Megafone, ihren Stand aufgebaut. Zwei mal zwei Meter groß, Zelt, Fahne, Tisch, Stühle, selbst die Gummibärchen sind rot. „Wir wollen präsent sein, es wäre falsch, hier nicht zu stehen“, sagt Jürgen Fernengel, Wahlkampfchef des Ortsverbands Au, der zum Bezirk von Michael Ott gehört. Er hat einen schwarzen Kapuzenpulli übergeworfen, darauf steht: „Zeichen setzen“. Gerade läuft eine Gruppe Demonstranten vorbei, einer ist als Dino verkleidet, seiner kleinen Tochter hat er einen rosa Luftballon an den Rucksack gebunden und ihre Jacke mit „Hambi bleibt“-Stickern zugepflastert. Servus. Hallo. Grüß Gott. Man kennt sich. Die meisten sind Parteimitglieder, Fernengel umarmt ein paar Leute. Glückwunsch, ja, ein toller Wahlkampf. Und dann kommt die Wut.

Plötzlich marschiert ein älterer Mann mit Drahtbrille und Halbglatze auf den Stand zu. Er wird laut. „Damit ihr’s wisst, ihr seid’s a richtiger Sauhaufen.“ Große Koalition, Causa Maaßen, Agenda 2010, überall Fehler, und dass der Hambacher Forst gerodet werden sollte, hätten ja auch die Roten in NRW entschieden. „Dumm is des ois!“, ruft der Mann und geht wieder. „Solche Leute gibt es, da können wir auch nichts machen“, sagt Fernengel, während er weiter Gummibärchen an Demonstranten verteilt. Im Hintergrund skandiert die Menge: „Die Kohle muss weg“ und „Rettet die Bienen“. Öko ist auch im Freistaat in. Blöd nur, dass das der SPD nicht hilft. Denn mit 18 Prozent sind die Grünen derzeit so stark wie nie. Fernengel verfolgt die Umfragen schon lange nicht mehr. „Das bringt nichts. Wir machen einfach weiter.“

Im Wirtshaus knöpft sich Christian Ude jetzt erst mal eine große Münchner Zeitung vor. „Alles, was ich je über den Mietmarkt gesagt habe, wurde von denen schlecht recherchiert“, sagt er. Dann sind Horst Seehofer und Markus Söder dran. Der eine führe sein Ministerium wie Erdogan die Türkei, der andere sei kurz davor, sich den Wahlkampf von Donald Trump abzuschauen. Das Mikrofon klebt jetzt seit einer halben Stunde ununterbrochen an Udes Lippen. Eigentlich sollte Ott den 70-Jährigen zur Wahl befragen, doch jetzt muss er neben ihm sitzen und zuhören, wie der gegen alles und jeden vom Leder zieht. Immer wieder rutscht Ott auf seinem Hocker hin und her, er lacht mit, wenn der Ex-Bürgermeister von „ignoranten Kritikern“ und „dreisten Lügnern“ der CSU spricht. Was soll er auch sonst tun? Martin Schulz hat im Bundestagswahlkampf mal gesagt: „Ich bin eine arme Sau.“ Ott kennt den Spruch, aber er hat noch Hoffnung.

In einer der hinteren Reihen schlürft Anke ihre Gulaschsuppe. Sie ist eine der wenigen Frauen hier, Mitte 50, Münchnerin und seit Jahrzehnten der SPD treu. Aber jetzt reicht‘s. Eigentlich kam sie nur zum Zuhören her, „aber was der Ude da vom Stapel gelassen hat, geht gar nicht.“ Ob sie heute erfahren hat, was die SPD eigentlich will? Lange Pause. „Nein - und bis auf die Grünen bleibt mir jetzt auch nichts mehr übrig.

Die alten Männer in der ersten Reihe hängen jetzt mit ihren struppigen Oberlippenbärten über den Biergläsern, immer wieder applaudieren sie, selbst als Ude sagt, das Schlimme am Wahlkampf sei, dass man auch über Themen reden müsse, über die man nicht reden will. Und wieder klatschen die Männer.

Am nächsten Abend steht Michael Ott in der Klenzestraße im Glockenbachviertel. Es ist schon dunkel, gerade hat er Hausbesuche gemacht, immerhin die liefen gut. „Lange Gespräche gibt es nur wenige, meist übergeben wir nur Flyer, zeigen, dass wir ansprechbar sind.“ Es ist seine Straße, hier leben seine Wähler, zumindest zeigt ihm das die App „50+1“, eine von Soziologen entwickelte Karten-Software, mit denen französische Analysten Emmanuel Macron 2017 zum Präsidenten gemacht haben. „Ude ist eben gern ein bisschen provokant und zuspitzend“, sagt Ott. Bis zum Sonntag will er nochmal alles geben. Dann trifft sich die SPD München zur großen Wahlparty. Wieder geht es in ein Gasthaus. Diesmal heißt es: Schlachthof.

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