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Cyberattacken
Cyberattacken auf Industrie sind „Massenphänomen“

Bitkom-Chef Achim Berg ist alarmiert über die hohe Zahl der Cyberattacken auf die deutsche Industrie.
Bitkom-Chef Achim Berg ist alarmiert über die hohe Zahl der Cyberattacken auf die deutsche Industrie. FOTO: Matzerath, Ralph (rm-)
Fast 70 Prozent aller deutschen Industriefirmen berichten über digitale Sabotage, Datendiebstahl oder Spionage. Der Digitalverband Bitkom und der Verfassungsschutz raten den Unternehmen, das Problem nicht zu unterschätzen. Von Birgit Marschall

Sieben von zehn deutschen Industrieunternehmen sind in den vergangenen zwei Jahren Opfer von Sabotage, Datendiebstahl oder Spionage durch Cyberattacken geworden. Besonders betroffen seien mittelständische Unternehmen mit 100 bis 500 Mitarbeitern, sagte der Präsident des Digitalverbandes Bitkom, Achim Berg, am Donnerstag bei der Vorlage einer Umfrage bei gut 500 deutschen Industrieunternehmen. Der Bitkom-Verband errechnete für den zweijährigen Zeitraum einen Gesamtschaden für die Industrie von 43 Milliarden Euro. Hinter den Cyberattacken steckten häufig ehemalige oder auch derzeitige Mitarbeiter, Kunden, Wettbewerber, Hobby-Hacker, aber zu 17 Prozent auch die organisierte Kriminalität und zu elf Prozent ausländische Nachrichtendienste. Cyberangriffe chinesischer Stellen seien zahlenmäßig zwar zurückgegangen, würden aber immer raffinierter.


Die mittelständische Industrie mit ihren über 1000 „Hidden Champions“, die in vielen Technologie-Feldern Weltmarktführer sind, seien „natürlich besonders attraktiv für Kriminelle“, sagte Berg. Besonders anfällig sind mittelgroße Unternehmen, weil sie weniger zum Schutz der eigenen Sicherheit tun als große Konzerne, aber über wichtigere Technologien verfügen als sehr kleine Unternehmen.

Ein Drittel der befragten Firmen berichtete, dass IT- oder Telekommunikationsgeräte in den letzten zwei Jahren gestohlen worden seien. 23 Prozent machten die Erfahrung, dass sensible Daten abgeflossen sind, knapp 20 Prozent waren der Umfrage zufolge Opfer von digitaler Sabotage. Bei elf Prozent wurden die interne Kommunikation, etwa E-Mails oder Messengerdienste, ausgespäht. Bei fast der Hälfte der befragten Unternehmen ist dadurch ein Schaden entstanden. So wurden etwa Rechner mit schädlicher Software infiziert, Passwörter abgeschöpft oder Konkurrenten erhielten Einblick in interne Preise oder Kalkulationen. Ein Fünftel der Unternehmen berichtete, durch Cyberattacken seien Kunden- und Firmendaten ausgespäht worden.



Da die Industriespionage den Sicherheitsinteressen auch des deutschen Staates zuwiderlaufen, kooperiert der Bitkom-Verband mit dem Bundesamt für Verfassungsschutz . „Alarmierend ist besonders die hohe Betroffenheit kleiner und mittlerer Unternehmen“, sagte dessen Vizepräsident Thomas Haldenwang. Es handele sich mittlerweile um „ein Massenphänomen“. Chinesiche Angreifer hätten ihren Fokus von den USA und Japan nach Europa umgelenkt. Die Industrie dürfte das Problem keinesfalls unterschätzen. 41 Prozent aller Unternehmen führten noch immer keine Schulungen ihrer Mitarbeiter durch. Das sei aber unerlässlich, um sich weniger anfällig zu machen. „Wir sind ein guter Ansprechpartner für Unternehmen, wenn ein Cyberangriff geheim bleiben soll“, sagte Haldenwang. Der Verfassungsschutz biete den Unternehmen rund um die Uhr seine Hilfe an. Bitkom-Chef Berg riet Unternehmen, Cyberangriffe immer zur Anzeige zu bringen und bei versuchter Erpressung niemals zu zahlen.