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Ausschreitungen in Chemnitz
Ein Hauch von Weimar

Die Ausschreitungen in Chemnitz und andere Vorfälle erinnern teilweise an die Weimarer Republik
Die Ausschreitungen in Chemnitz und andere Vorfälle erinnern teilweise an die Weimarer Republik FOTO: dpa / Jan Woitas
Die Ausschreitungen von Chemnitz wecken Erinnerungen an Weimar - zum Glück gibt gravierende Unterschiede zu heute Von Eva Quadbeck

Die Parteien sind zerstritten, die Demokraten spüren Verachtung, die Sprache eskaliert, auf den Straßen kommt es zu rassistischer Hetze und gewaltsamen Zusammenstößen zwischen Rechten und Linken. Haben wir schon Weimarer Verhältnisse oder stecken wir nur in einer gesellschaftspolitischen Krise? Die Parallelen und Unterschiede zur Weimarer Republik:


 

Gespaltene Gesellschaft Wie in der Weimarer Republik driftet die Gesellschaft auseinander. Eine wachsende Gruppe traut sich immer offener, ihre rassistischen Einstellungen öffentlich kundzutun. Die Sprache der politischen Auseinandersetzung verroht. Mit der AfD gewinnt eine Partei an politischem Einfluss, die völkisches Gedankengut vertritt und verbal Stimmung gegen Ausländer schürt. Fremdenfeindliche und islamophobe Gruppierungen wie auch die AfD nutzen den Begriff der Lügenpresse, um freie Berichterstattung herabzuwürdigen. In der Weimarer Republik machte der „Völkische Beobachter“ als NSDAP-Blatt mit dem Begriff „Lügenpresse“ Stimmung gegen demokratische Zeitungen.



 

Pogromstimmung Im Osten des Landes ist die Atmosphäre teilweise so aufgeheizt, dass sich schnell eine Pogromstimmung breitmachen kann, wie in diesen Tagen in Chemnitz. Der gewaltsame Tod eines einfachen Bürgers wie der des 35-jährigen Tischlers muss eine Stadt aufschrecken. Doch die dann folgenden Demonstrationen, die zu einer Gewaltorgie mit der Verfolgung ausländisch aussehender Menschen wurde, wirken, als habe es nur eines Anlasses bedurft, um selbst Gewalt auszuüben. Eskalationen dieser Art gab es in der Weimarer Republik auch immer wieder.

 

Man kann es sich nicht vorstellen Dass Adolf Hitler eines Tages Reichskanzler werden könnte, hielt man zumindest in den 20er Jahren für eine absurde Idee. 1928 kamen die Nazis auf 2,63 Prozent der Stimmen. 1930 waren es 18,3 Prozent, bevor sie ab 1932 zunächst deutlich über 30 Prozent und 1933 dann bei fast 44 Prozent landeten. Es gab genug warnende Stimmen. Man kann die AfD in ihrer Zielsetzung nicht mit der NSDAP vergleichen. Ähnlich ist aber das Phänomen, dass dort, wo die Rechtspopulisten an Kraft gewinnen, die Bereitschaft demokratischer Parteien wächst, die Ächtung zu lockern -  wie beispielsweise in Brandenburg.

 

Soziale Netzwerke Die gab es in der Weimarer Republik noch nicht.  Die sozialen Netzwerke sind in jedem Fall ein Stimmungsbeschleuniger. Während in der Weimarer Zeit die erbitterten politischen Auseinandersetzungen über Zeitungen und martialische Plakate ausgetragen wurden, finden sie heute insbesondere in sozialen Netzwerken statt. Während in der Bundesrepublik grundsätzlich ein sehr viel respektvollerer politischer Umgangston herrscht als zu Weimarer Zeiten, brechen sich Hass und Hetze in den Foren im Netz Bahn.

 

Wirtschaftliche Lage Die Weimarer Republik hatte mit den Folgen der Weltwirtschaftskrise, Reparationsleistungen und Massenarbeitslosigkeit zu kämpfen. Die schwierige soziale Lage machte viele Menschen anfällig für Hetze gegen Juden und für vergiftete Versprechungen eines radikalen Politikwechsels. Der ohnehin vorhandene Antisemitismus konnte Auftrieb bekommen. Deutschland im Jahr 2018 verfügt über eine brummende  Konjunktur und Rekordbeschäftigung. Es geht aber nicht allen gut, und in der Mittelschicht existieren Abstiegsängste. Der massenhafte Zuzug von Flüchtlingen in den vergangenen Jahren hat den schon vorher im Land agierenden Rassisten und Rechtsextremisten Wasser auf die Mühlen gegeben.

 

Regionale Unterschiede Auch in Westdeutschland finden rechtspopulistische Stimmenfänger Gehör und der Verfassungsschutz beobachtet rechtsextremistische Umtriebe. Im Westen aber sind diese Gruppen deutlich in der Minderheit. Im Osten, insbesondere in Sachsen, ist es nicht ausgeschlossen, dass die AfD  bei den Landtagswahlen 2019 stärkste Partei werden könnte. Der Osten Deutschlands ist politisch volatiler als der Westen. Die Parallelen zu Weimar sind stärker vorhanden.

 

Historische Erfahrung Sie ist der größte und wichtigste Unterschied zwischen der Bundesrepublik und Weimar. Bei der Aufarbeitung der Nazi-Zeit und ihrer Entstehung haben die Deutschen ihre Lektion gelernt. Niemand verlässt die Schule, ohne vom Holocaust, vom Zweiten Weltkrieg und den alltäglichen Gräueltaten der Nazis erfahren zu haben. Im Westen ist die Tradition des Erinnerns und Mahnens noch stärker verankert als im Osten, wo zunächst eine Diktatur die nächste ablöste und das Erinnern an die Nazi-Zeit in der Regel mit sozialistischer Propaganda verbunden war.  Auch das politische System der Bundesrepublik ist auf die Lehren aus Weimar gebaut. Der Präsident hat nur noch repräsentative Funktion, so dass nicht mehr ein Mensch alleine über die Einsetzung und Absetzung des Kanzlers entscheiden und mit Notverordnungen regieren kann. Die meisten Politiker tragen auch im Bewusstsein, dass instabile politische Verhältnisse radikalen Kräften Chancen eröffnen. So hat sich in der Bundesrepublik  eine Konsenskultur herausgebildet, die über Jahrzehnte viel Stabilität geschaffen hat, in den vergangenen Jahren aber in ihrer Selbstverständlichkeit und Selbstzufriedenheit unter Druck geraten ist. Nun gilt es, politische Debatten wieder offener und ergebnisoffener zu führen, ohne sich darüber zu zerfleischen.