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Pro und Contra
Schluss mit der Zeitumstellung?

An der Kirchturmuhr der Dresdner Lukaskirche wird die Zeit umgestellt. (Archiv)
An der Kirchturmuhr der Dresdner Lukaskirche wird die Zeit umgestellt. (Archiv) FOTO: dpa / Sebastian Kahnert
Pro & Contra Die von der EU befragten 4,6 Millionen Menschen sind überwiegend gegen die Zeitumstellung. NRW-Innenminister Herbert Reul ist der gleichen Meinung, RP-Redakteur Martin Kessler hält dagegen.

Herbert Reul ist Innenminister von NRW und kämpfte schon zuvor als EU-Parlamentarier für ein Ende der Zeitumstellung:


Als ich vor über zehn Jahren meinen Kampf gegen die Zeitumstellung begonnen habe, bin ich als Geisterfahrer belächelt worden. Inzwischen sind es schon mehr als 3,6 Millionen EU-Bürger, die in die angeblich falsche Richtung fahren. Mindestens. 3.600.000 Bürgerinnen und Bürger – das sind die 80 Prozent, die bei der Online-Umfrage der EU-Kommission für eine Abschaffung des ständigen Wechsels zwischen Winter- und Sommerzeit gestimmt haben. Insgesamt hatten sich 4,6 Millionen Menschen an der Konsultation im Internet beteiligt. Das Ergebnis ist nicht repräsentativ, gewiss. Aber es ist mehr als eindeutig. Und es nährt in mir den Verdacht, dass hier ein Thema und eine Bewegung gewaltig unterschätzt worden sind.



Dabei gibt es ein ganz starkes Argument, das gegen das ständige Hin- und Hergedrehe spricht: Die Zeitumstellung ist schlicht ungesund. Die Hälfte des Jahres leben wir gegen unsere „innere Uhr“. Das ist inzwischen sogar wissenschaftlich erwiesen. Viele Menschen werden durch den staatlich verordneten Mini-Jetlag krank, leiden unter Schlaflosigkeit und Depressionen oder bekommen sogar Herzrhythmusstörungen.

Das einzige Argument, das für die Zeitumstellung spricht, hat sich hingegen in Luft aufgelöst. Die Energieeinsparungen, die man sich bei der Einführung der Sommerzeit in den 70er Jahren erhofft hatte, sind niemals eingetreten.

Trotzdem hatten Verwaltung und Politik lange Zeit nicht den Mut, diese falsche Entscheidung rückgängig zu machen. Ganz nach dem alten Dreisatz: „Das haben wir schon immer so gemacht!“, „Das haben wir noch nie gemacht!“, „Da könnte ja jeder kommen!“ Gut, dass jetzt endlich das Volk gesprochen hat.

Die Sache mit der Zeitumstellung ist übrigens auch sonst eine wunderschöne Werbung für Demokratie und Bürgerbeteiligung. Auslöser für mein leidenschaftliches Engagement in dieser Sache war nämlich ein mindestens ebenso leidenschaftlicher Brief einer Bürgerin aus meinem damaligen Wahlkreis. Sie litt extrem unter dem Wechsel zwischen Winter- und Sommerzeit und fragte mich als ihren Europaabgeordneten nach dem Sinn dieser Brüsseler Regelung.

Ich wusste keine Antwort. Und als mir auch die Fachbeamten der EU-Verwaltung keine plausible Erklärung liefern konnten, war mein Ehrgeiz geweckt.

Nun liegt der Ball bei der Kommission. Sie sollte jetzt einen Vorschlag machen, wie man die sinnlose Uhrendreherei endlich beendet.

Martin Kessler leitet das Ressort Politik der Rheinischen Post.
Martin Kessler leitet das Ressort Politik der Rheinischen Post. FOTO: Krebs, Andreas (kan)

Martin Kessler leitet das Politikressort der Rheinischen Post. Er spricht sich für einen Erhalt der Zeitumstellung aus:

Die Sommerzeit wurde im Jahr 1980 eingeführt als Maßnahme gegen die Energiekrise. Dieser Grund ist längst entfallen, aber die Zeitumstellung von Ende März bis Ende Oktober ist inzwischen Bestandteil unseres täglichen Lebens geworden. Sie bescherte den Deutschen die schönen langen Sommertage, die den Menschen in Stadt und Land seit vielen Jahren ein entspanntes und fröhliches Lebensgefühl vermittelt. Es ist schon erstaunlich, was eine Stunde ausmachen kann. Arbeitnehmer, die am Abend länger arbeiten müssen, haben länger Tageslicht. Manch trüber September- oder Oktobertag lässt sich leichter ertragen, wenn es wenigstens noch ein bisschen hell ist. Das hebt unsere Stimmung und vermeidet Depressionen.

Man mag einwenden, dass Menschen unter der Zeitumstellung leiden. Das darf man nicht auf die leichte Schulter nehmen. Aber genauso ergeht es anderen, die über einen Mangel an Tageslicht klagen. Seltsam, dass Menschen, die über die Umstellung klagen, ohne Probleme mehrfach im Jahr durch mehrere Zeitzonen reisen.

Die Umfrage der EU mag von den Zahlen her imposant erscheinen. Aber bei 513 Millionen EU-Bürgern machen 4,6 Millionen weniger als ein Prozent aus. Und repräsentativ ist die Studie auch nicht. Denn die Menschen mussten sich aktiv an der Umfrage beteiligen. Da spricht vieles dafür, dass vor allem die Gegner der Zeitumstellung die Fragen der EU-Kommission beantworteten. Und wenn die EU nur als Ganzes umstellen kann, fällt auf, dass zwei Drittel der Antworten aus Deutschland kamen. Offenbar spielt das Thema für andere Länder eine eher untergeordnete Rolle.

Schließlich gibt es noch ein paar ganz handfeste Vorteile der Sommerzeit. So sinkt die Zahl der Verbrechen, wenn es länger hell bleibt. Zudem gibt es weniger Verkehrsunfälle durch bessere Sicht.

Interessant ist, dass die meisten Menschen in der Umfrage die Sommerzeit ganzjährig beibehalten wollen. Damit würde die EU aber die internationale Zeitordnung infrage stellen. Sollte etwa Großbritannien bei der Abschaffung der Sommerzeit nicht mitmachen, würden die Briten im Winter zwei Stunden hinter uns liegen. Eine Fahrt von Calais nach Dover wäre eine Reise zu einem anderen Kontinent.

Gerade in der dunklen Jahreszeit, erwarten viele Menschen sehnlichst den Sonnenaufgang. Viele Schulkinder würden in völliger Dunkelheit ihren Schulweg antreten. Nimmt man alles zusammen, ist die jetzige Regelung nicht so schlecht. Das sollte die EU bedenken.