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Die Pflege bleibt ein Pflegefall

Berlin. Das Risiko, pflegebedürftig zu werden, ist deutlich höher, als viele Bundesbürger vermuten. Im fortgeschrittenen Alter bezieht bereits fast jeder zweite Deutsche Leistungen aus der Pflegeversicherung. Für Hilfsbedürftige in Heimen muss insbesondere die fachärztliche Versorgung verbessert werden Von SZ-Korrespondent Stefan Vetter

Berlin. Das Risiko, pflegebedürftig zu werden, ist deutlich höher, als viele Bundesbürger vermuten. Im fortgeschrittenen Alter bezieht bereits fast jeder zweite Deutsche Leistungen aus der Pflegeversicherung. Für Hilfsbedürftige in Heimen muss insbesondere die fachärztliche Versorgung verbessert werden. Zu diesen Ergebnissen kommt der Pflegereport im Auftrag der Gmünder Ersatzkasse (GEK), der gestern in Berlin vorgestellt wurde. Bei der wissenschaftlichen Studie handelt es sich um die erste bundesweite Untersuchung zur Lage der Pflegebedürftigen und ihrer medizinischen Betreuung. Gab es vor zwölf Jahren rund 1,5 Millionen Pflegebedürftige, so sind es heute rund zwei Millionen. Gemessen an den insgesamt 80 Millionen Bundesbürgern scheint das Problem vergleichsweise gering zu sein. Das ändert sich jedoch, wenn man sich anschaut, wie hoch der Anteil der Pflegebedürftigen in ihrem letzten Lebensjahr ist. Demnach haben 2007 rund 40 Prozent der Männer und mehr als 50 Prozent der Frauen Pflegeversicherungsleistungen in Anspruch genommen. "Die Pflegebedürftigkeit ist kein Restrisiko, sie geht alle an", meinte der Autor der Studie, Heinz Rothgang, von der Universität Bremen. Bei der Pflegebedürftigkeit selbst geht der Trend weiter in Richtung stationäre Betreuung. Fast jeder dritte Pflegebedürftige (30 Prozent) ist in einem Heim. Vor zwölf Jahren lag dieser Anteil bei 23 Prozent. Im gleichen Zeitraum ging der Anteil der Pflegegeld-Empfänger, die keine professionelle Pflege beanspruchen, von 61 auf 50 Prozent zurück. Ursache sei die zunehmende Schwere der Pflegefälle und die Tatsache, dass immer weniger Angehörige für eine häusliche Pflege zur Verfügung stehen. Der Studie zufolge haben pflegebedürftige Frauen eine deutlich höhere Lebenserwartung als pflegebedürftige Männer. Sie sterben knapp 16 Monate nach Feststellung der Bedürftigkeit, Frauen nach durchschnittlich 40 Monaten. Bei der medizinischen Versorgung von pflegebedürftigen Heimbewohnern ergeben sich laut Studie vor allem zwei Probleme. Zum einen werden häufig Medikamente mit umstrittenem Nutzen verschrieben. Eine Überversorgung bestehe vor allem bei Ruhigstellungsmitteln, dagegen komme die Behandlung mit Präparaten gegen Demenz zu kurz. Zum anderen mangelt es an fachärztlicher Betreuung. "Für die Spezialisten ist das zu wenig attraktiv", sagte Rothgang. Vor diesem Hintergrund geht auch die gesetzliche Möglichkeit ins Leere, wonach Fachärzte in unterversorgten Gebieten als Heimärzte praktizieren können. Mit der Pflegereform können auch spezielle Verträge zwischen Krankenkassen und Medizinern für die Heimbetreuung abgeschlossen werden. "Die Pflege-bedürftigkeit geht alle an."Heinz Rothgang, Autor der Studie