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Deutschland driftet sozial auseinander

Berlin. Die Armut in Deutschland ist dreigeteilt. Der süddeutsche Raum ist am wenigsten davon betroffen. Akuter wird es in Nordwestdeutschland und geradezu dramatisch in den neuen Bundesländern. Dort gilt jeder fünfte Einwohner als arm. Das geht aus dem ersten regionalen Armutsatlas des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes hervor, der gestern in Berlin vorgestellt wurde Von SZ-Korrespondent Stefan Vetter

Berlin. Die Armut in Deutschland ist dreigeteilt. Der süddeutsche Raum ist am wenigsten davon betroffen. Akuter wird es in Nordwestdeutschland und geradezu dramatisch in den neuen Bundesländern. Dort gilt jeder fünfte Einwohner als arm. Das geht aus dem ersten regionalen Armutsatlas des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes hervor, der gestern in Berlin vorgestellt wurde.20 Jahre nach dem Mauerfall sei Deutschland bei den Lebensverhältnissen "zerrissener als je zuvor", sagte der Hauptgeschäftsführer des Verbandes, Ulrich Schneider. Die regionalen Unterschiede seien mittlerweile so stark geworden, dass die traditionelle Einteilung nach Ost und West zu kurz greife. Bundesweit reichten die regionalen Extreme bei der Armutsquote von 7,4 Prozent im Schwarzwald bis hin zu 27 Prozent im ostdeutschen Vorpommern. "Wenn die ärmste Region eine fast vier Mal so hohe Armutsquote aufweist wie die am wenigsten betroffene, droht Deutschland nicht nur sozial, sondern auch regional auseinander zu brechen", warnte Schneider. Bestimmte Landstriche würden im wahrsten Sinne des Wortes "abgehängt". Für seine Berechnungen stützt sich der Verband auf Daten von regelmäßigen Befragungen in Privathaushalten durch das Statistische Bundesamt. Als arm gilt, wer über weniger als 60 Prozent eines mittleren Einkommens verfügt. Diese Definition legt auch die Bundesregierung für ihre Armuts- und Reichtumsberichte zugrunde. Einem Ein-Personen-Haushalt müssten demzufolge wenigstens 764 Euro im Monat zur Verfügung stehen, um über der Armutsschwelle zu liegen. Das ist etwas mehr als ein vergleichbares Hartz-IV-Einkommen inklusive Miet- und Heizkosten.Das ärmste Bundesland im Jahr 2007 war Mecklenburg-Vorpommern. Dort lag die Armutsquote bei 24,3 Prozent. Aus der Analyse des Wohlfahrtsverbandes geht hervor, dass die Armut in Deutschland zwischen 2005 und 2007 nahezu unverändert blieb, obwohl dieser Zeitraum durch einen starken wirtschaftlichen Aufschwung geprägt war. 2005 lag die Armutsquote bei 14,7 Prozent, zwei Jahre später bei 14,3 Prozent. Meinung



Saarland braucht Sozialstudie

Von SZ-RedakteurThomas Schäfer Jeder sechste Saarländer ist arm. Das hat der erste deutsche Armutsatlas ans Tageslicht gefördert. Das Problem solcher wichtigen Statistiken ist, dass sie meist schnell in Schubladen verschwinden, nachdem sie von den politischen Widersachern schöngeredet oder dramatisiert wurden. Doch die Augen zu verschließen vor der Wirklichkeit - wie sie zum Beispiel bei den Tafeln für Bedürftige in Dillingen, Wadern oder Homburg zu beobachten ist -, ist ein Skandal. Daher ist es gut, dass im Saarland endlich an einer Sozialstudie gearbeitet wird, die noch konkreter aufzeigen wird, welche Gesichter Armut im Land hat. Dass die Studie nicht wie versprochen vor der Landtagswahl veröffentlicht wird, ist momentan wahrscheinlich und zu kritisieren. Wichtiger aber ist, dass sie überhaupt kommt. Denn nur so wird sinnvolles (politisches) Handeln möglich.