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IS-Mann stellte Rizin her
Der Bio-Kampfstoff im Kölner Hochhaus

SEK-Beamte verlassen mit Atemschutzmasken und Spezialanzügen ein Hochhaus in Köln. Dort hat ein Familienvater in seiner Wohung über Wochen das tödliche und schnell wirkende Bio-Gift Rizin hergestellt.
SEK-Beamte verlassen mit Atemschutzmasken und Spezialanzügen ein Hochhaus in Köln. Dort hat ein Familienvater in seiner Wohung über Wochen das tödliche und schnell wirkende Bio-Gift Rizin hergestellt. FOTO: dpa / David Young
Köln. Eine Millionenstadt – und mitten drin bastelt ein Giftmischer wochenlang an einer hochgefährlichen Waffe. Dann schlagen die Ermittler zu. Der Mann soll ein IS-Kämpfer sein.

Ein Mann stellt in einem Kölner Hochhaus akut giftiges Rizin her. Mit Pflanzen-Samen und einer Kaffeemühle. Dort, wo viele Familien wohnen, dicht an dicht. Das Mittel kann schon in kleinen Mengen tödlich wirken. Der 29-jährige Tunesier Sief Allah H. hat laut Ermittlern Samen in üppigen Mengen online bestellt – und ist dadurch aufgeflogen. Spezialkräfte finden das Bio-Gift in seiner Wohnung. Dort, wo er auch seine eigene Frau und die Kinder über Wochen einem womöglich hohen Risiko aussetzte.


Was der Mann mit dem Bio-Gift möglicherweise anrichten wollte, ist unklar. Ermittlungsbehören stufen ihn offenbar bereits als Kämpfer der Terrormiliz Islamischer Staat ein, berichtet „Focus Online“ unter Berufung auf ranghohe Sicherheitskreise. Der 29-Jährige sei seit April 2017 vom Bundesamt für Verfassungsschutz beobachtet worden. Die Karlsruher Bundesanwaltschaft verdächtigt den Mann zudem, „vorsätzlich biologische Waffen hergestellt zu haben“. Er hätte mit dem Rizin wohl viele Menschen töten können. Einen konkreten Anschlagsplan hatte der Giftmischer aber offenbar nicht, auch keinen Zeitpunkt oder speziellen Ort im Visier. Ein Anfangsverdacht „für die Vorbereitung einer schweren staatsgefährdende Gewalttat“ bestehe aber, sagt die Bundesanwaltschaft.

Sief Allah H. hat vor etwa vier Wochen den ersten Schritt für einen vielleicht teuflischen Plan gemacht: Er bestellt rund 1000 Rizinus-Samen im Internet – und eine elektrische Kaffeemühle dazu. Der Düsseldorfer Toxikologe Gerhard Fritz geht davon aus, dass der Tunesier damit Rizin-Pulver hergestellt hat. „Die geringste Dosis Rizin ist schon tödlich, es gibt kaum etwas, was gefährlicher wäre, das Gefahrenpotenzial dieser Substanz ist superhoch.“ Der Stoff aus einem einzigen Samen könne bei einem Kind zum Tode führen.



Zu Spekulationen, ob der 29-Jährige eine Bombe bauen wollte, meint Toxikologe Thomas Hofmann von der Universitätsmedizin Mainz: „Ich halte es eher für utopisch, dass der Verdächtige aus dem Pulver eine Bombe herstellen wollte, denn das ist technisch sehr anspruchsvoll. Allerdings ist es nicht auszuschließen, wobei anscheinend kein Sprengstoff gefunden wurde.“

Hofmann betont: „Rizin ist eines der hochwirksamsten Toxine aus der Pflanzenwelt, das Pulver der Samen des Wunderbaums ist dabei aber nicht so wirksam wie das reine Rizin, da es nur einen Anteil ausmacht.“ Der Direktor des Instituts für Toxikologie stellt aber auch klar: „Von der Giftmenge her könnte man theoretisch damit viel Ungutes durchführen und Menschen töten.“ Ein schlimmes Szenario: „Sehr gefährlich wäre das Giftpulver etwa, wenn es in die Nahrungskette gelangen würde. Das hätte weitreichende Folgen.“ Wissenschaftler Fritz ergänzt: „Ein terroristisches Potenzial würde grundsätzlich davon abhängen, wie viel von dem Stoff tatsächlich genau vorhanden war und auf welchem Weg es möglicherweise verbreitet werden sollte.“ Das Pulver könne – ins Essen oder Wasser gemischt – große Menschengruppen schädigen. Um die Rizin-Reinsubstanz herzustellen, brauche es aber größeres Knowhow und ein Labor.

Noch viele Fragen bleiben zunächst unbeantwortet – auch zur Person. Nach Medienberichten ist der Verdächtigte 2016 aus Tunesien nach Deutschland gekommen, war bisher unauffällig, lebte mit einer zum Islam konvertierten Deutschen in Köln. Karlsruhe äußert sich nicht näher zu Sief Allah H., gegen den Haftbefehl erlassen wurde. Der nordrhein-westfälische Innenminister Herbert Reul (CDU) sagt, er habe keine Anhaltspunkte dafür, dass der Mann Komplizen hatte. Seine Ehefrau wird nicht beschuldigt. Sie wohnt vorübergehend an einem unbekannten Ort, wie eine Stadt-Sprecherin sagt.