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Pflegerat-Präsident Westerfellhaus fordert Neuausrichtung des Bewertungssystems

Berlin. Das Bundessozialgericht hat vor wenigen Tagen entschieden, dass die Veröffentlichung des 2009 eingeführten „Pflege-Tüv“ im Internet rechtens ist. Doch die Art der Qualitätsbewertung bleibt umstritten. Der Präsident des Deutschen Pflegerats, Andreas Westerfellhaus, fordert eine grundlegende Neuausrichtung der Überprüfungen in den Pflegeheimen. Unser Berliner Korrespondent Stefan Vetter fragte nach:

Herr Westerfellhaus, wie hilfreich ist der "Pflege-Tüv" bei der individuellen Suche nach einem Heimplatz für einen Angehörigen?
Andreas Westerfellhaus: Im Grundsatz ist eine regelmäßige Überprüfung der Heime richtig. Das geltende Prüfverfahren ist für die Pflegebedürftigen und ihre Angehörigen aber kaum transparent. Was an oberster Stelle stehen muss, ist eine qualifizierte, hochwertige pflegerische Versorgung. Faktoren wie die tägliche Dokumentation oder der tägliche Speiseplan sind sicher auch wichtige Rahmenbedingungen. Aber hier fehlt schlicht die Gewichtung.

Das heißt, wenn sich Pflegebdürftige häufiger wund liegen, dann kann das Heim diesen Makel durch gute Buchführung ausgleichen?
Andreas Westerfellhaus: Das ist möglich. Und das kann nicht im Sinne der Pflegequalität sein.

Nach dem Pflege-Tüv schneiden praktisch alle Heime durchweg positiv ab.
Andreas Westerfellhaus: Auch das ist ein Hinweis darauf, dass das Bewertungssystem nicht in Ordnung sein kann. Deshalb muss man es grundsätzlich in Frage stellen. Für die Angehörigen ist die geltende Praxis irreführend. Ich will doch wissen, auf welche Einrichtung ich mich voll verlassen kann, wenn die Mutter oder der Vater dort einziehen. Aber wenn alle Einrichtungen mit der Note 1,0 bewertet werden, bleibt die Antwort im Nebel. Da, wo es nicht gut ist, gehört es angeprangert, und da, wo es herausragende Leistungen gibt, muss man das auch herausstellen.

Was muss sich ändern?
Andreas Westerfellhaus: Im Mittelpunkt der Bewertung muss stehen, wie viel Zeit für einen Pflegebedürftigen, für seine Mobilisation aufgewendet wird, und wie viele Fachkräfte in dem Heim arbeiten.

Die Heime leben aber offenbar gut mit dem geltenden System. Zwar wird über Personalmangel geklagt, aber die guten Noten werden dankbar angenommen.
Andreas Westerfellhaus: Das ganze System ist eine Fehlsteuerung. Ziel muss es doch eigentlich sein, einen Pflegebedürftigen, der die Pflegestufe II hat, so weit zu bringen, dass er nur noch die Pflegestufe I braucht, oder von der Pflegestufe I ganz aus der Einstufung kommt. Also Verbesserung der Situation und nicht Manifestieren der Situation.

Was schlagen Sie konkret vor?
Andreas Westerfellhaus: Die Pflegestufen werden in einem aufbauenden System bezahlt. Je höher, desto mehr fließt Geld. Dabei ist es eine riesige Leistung, einen Schwerstpflegebedürftigen in der Stufe III wieder in die Stufe II zu bringen. Das wird längst nicht immer funktionieren, aber entsprechende Anreize dafür sind gegenwärtig überhaupt nicht vorgesehen. Künftig muss die Verbesserung belohnt werden und nicht das Verwahren. Darüber hinaus dürfen die Prüfkriterien wie schon von mir skizziert nicht gleich gewichtet sein. Gutes Essen kann man nicht mit Wundliegen gleichsetzen. Das ist absurd.

Heimbetreiber und Krankenkassen streiten schon länger über eine Verbesserung der Prüfungen. Warum kommt man nicht unter einen Hut?
Andreas Westerfellhaus: Das System ist sehr kompliziert geworden. Zu viele Leute reden da mit. Das Hauptproblem ist: Gute Pflege kostet Geld. Das muss man in die Hand nehmen, vor allem, um den Pflegeberuf attraktiver zu machen. Aber daran hapert es leider gewaltig.