| 17:56 Uhr

20 Jahre Haft gefordert
Abdeslam schweigt: Auftakt des Terrorprozesses in Brüssel

Der mutmaßliche islamistische Terrorist Salah Abdeslam sitzt am ersten Tag des Prozesses vor Polizisten im Gerichtssaal. Foto: Pool Emmanuel Dunand/BELGA
Der mutmaßliche islamistische Terrorist Salah Abdeslam sitzt am ersten Tag des Prozesses vor Polizisten im Gerichtssaal. Foto: Pool Emmanuel Dunand/BELGA FOTO: Pool Emmanuel Dunand
Brüssel. Unter massiven Sicherheitsvorkehrungen beginnt in Brüssel der Prozess gegen den mutmaßlichen islamistischen Terroristen Salah Abdeslam. Von Elena Metz und Alkimos Sartoros, dpa

Im ersten Prozess gegen den mutmaßlichen Topterroristen Salah Abdeslam hat die Brüsseler Staatsanwaltschaft am Montag 20 Jahre Haft gefordert. Sie wirft ihm und Komplizen versuchten Polizistenmord bei einer Schießerei 2016 vor und verlangt die Höchststrafe.



Abdeslam soll zu der islamistischen Terrorzelle gehören, die die blutigen Anschläge in Paris 2015 und in Brüssel 2016 verübte. Zu Prozessauftakt schwieg er zu allen Vorwürfen - und machte damit die Hoffnung zunichte, dass er zur Aufklärung der Terrorwelle beitragen will.

„Ich möchte nicht auf Fragen antworten“, sagte der 28-jährige Franzose mit Selbstbewusstsein und fester Stimme. „Ich verteidige mich durch Schweigen.“ Das Gericht solle seine eigenen Schlüsse ziehen, er vertraue auf Allah: „Ich habe keine Angst vor Ihnen“, sagte der bärtige und langhaarige Angeklagte. Sein mutmaßlicher Komplize Soufien Ayari machte dagegen vor Gericht ausführliche Angaben und räumte Verbindungen zur Terrormiliz Islamischer Staat ein. Die eigentlichen Tatvorwürfe bestritt Ayari.

Die beiden sollen mit einem weiteren Terroristen am 15. März 2016 auf Polizisten geschossen haben, die im Brüsseler Viertel Forest die Wohnung durchsuchen wollten, in der das Trio sich versteckt hielt. Der dritte Verdächtige, der Algerier Mohamed Belkaid, wurde bei dem Feuergefecht getötet. Abdeslam und Ayari flohen. Drei Tage später wurden sie im Stadtteil Molenbeek gefasst. Weil in Forest mehrere Polizisten verletzt wurden, spricht die Anklage von versuchtem Mord „in einem terroristischen Zusammenhang“.

Zuerst nahm sich das Gericht den 24-jährigen Ayari vor, der bisweilen zögerlich und unsicher wirkte, aber einige wesentliche Informationen preisgab. Der Tunesier bestätigte, dass er ein Jahr bei der IS-Terrormiliz in Syrien gewesen sei. Er räumte auch ein, dass er und Abdeslam sich wochenlang in jener Wohnung in Forest versteckt gehalten hätten und am Tag des Feuergefechts vor Ort gewesen seien. Auf die Polizisten geschossen habe aber nur Belkaid - der Mann, der selbst getötet wurde und sich nicht mehr äußern kann.



Trotzdem hält die Staatsanwaltschaft ihre Beweisführung gegen die beiden Angeklagten für wasserdicht: Beide hätten sich zum Islamischen Staat bekannt, beide hätten gemeinsam mit Belkaid bewusst die Konfrontation mit den Polizisten gesucht. Alle drei seien Tatbeteiligte, egal wer genau geschossen habe. Angebracht sei die Höchststrafe von 20 Jahren, davon mindestens 13 Jahre im geschlossenen Vollzug.

Zu der Schießerei von Forest kam es im März 2016, nachdem europaweit monatelang nach Abdeslam gefahndet worden war. Er gilt als einziger Überlebender der IS-Selbstmordkommandos, die am 13. November 2015 bei der Pariser Terrorwelle 130 Menschen töteten. Abdeslam soll selbst einen Sprengstoffgürtel gehabt, aber nicht gezündet haben.

Stattdessen floh er nach Erkenntnissen der Ermittler nach Belgien und tauchte unter, bis er bei der Razzia in Forest aufgespürt und drei Tage später festgenommen wurde. Noch einmal vier Tage später sollen Mitglieder seiner Terrorzelle bei Selbstmordanschlägen in der Brüsseler U-Bahn und am Flughafen 32 Menschen mit in den Tod gerissen haben. Die Ermittlungen zu beiden Terrorwellen sind nicht abgeschlossen, die Prozesse nicht terminiert.

Auf die möglichen Zusammenhänge gab Ayari einen wichtigen Hinweis. Er sagte, während seiner Zeit im Unterschlupf in Forest sei dort mehrfach Brahim El Bakraoui aufgetaucht und habe mit Belkaid gesprochen. El Bakraoui und sein Bruder Khalid gehörten zu den drei Brüsseler Selbstmordattentätern.

Nach dem ersten Prozesstag vertagte sich das Gericht am späten Montagnachmittag auf Donnerstag. Dann soll auch die Verteidigung zu Wort kommen. Der Aufwand für den Brüsseler Prozess ist enorm, das Interesse der Medien mit Hunderten von Journalisten riesig. Abdeslam sitzt in Frankreich in Untersuchungshaft und wurde erst in der Nacht von dort zum streng gesicherten Brüsseler Justizpalast gebracht. Der Transport hin und her soll an jedem Prozesstag wiederholt werden. Die Verhandlung ist zunächst bis Freitag terminiert.

Bericht des französischen Untersuchungsausschusses, Frz.

Einschusslöcher am Café "Bonne Biere". Weil die Terroristen ein beliebtes Ausgehviertel der Hauptstadt ins Visier nahmen, wurden die Anschläge als Angriff auf die französische Lebensart gesehen. Foto: Malte Christians/Archiv
Einschusslöcher am Café "Bonne Biere". Weil die Terroristen ein beliebtes Ausgehviertel der Hauptstadt ins Visier nahmen, wurden die Anschläge als Angriff auf die französische Lebensart gesehen. Foto: Malte Christians/Archiv FOTO: Malte Christians
Menschen legen zum Jahrestag der Terroranschläge von Paris vor dem Restaurant Carillon Blumen nieder. Bei der Attentatsserie am 13. November starben 130 Menschen, neun von ihnen hier. Foto: Ian Langsdon/Archiv
Menschen legen zum Jahrestag der Terroranschläge von Paris vor dem Restaurant Carillon Blumen nieder. Bei der Attentatsserie am 13. November starben 130 Menschen, neun von ihnen hier. Foto: Ian Langsdon/Archiv FOTO: Ian Langsdon
Drei Kommandos des IS hatten am 13. November 2015 koordiniert zugeschlagen. Allein im „Bataclan“ ermordeten Angreifer 90 Menschen. Foto: Laurent Dubrule/Archiv
Drei Kommandos des IS hatten am 13. November 2015 koordiniert zugeschlagen. Allein im „Bataclan“ ermordeten Angreifer 90 Menschen. Foto: Laurent Dubrule/Archiv FOTO: Laurent Dubrule
zerstörter Flughafen von Brüssel. Drei islamistische Selbstmordattentäter rissen am 22. März 2016 am Flughafen und in der U-Bahn 32 Menschen mit in den Tod verletzten mehr als 300 weitere. Foto: Olivier Hoslet/Archiv
zerstörter Flughafen von Brüssel. Drei islamistische Selbstmordattentäter rissen am 22. März 2016 am Flughafen und in der U-Bahn 32 Menschen mit in den Tod verletzten mehr als 300 weitere. Foto: Olivier Hoslet/Archiv FOTO: Olivier Hoslet
Belgische Polizei bei einer Durchsuchung in Brüssel. Der Brüsseler Stadtteil Molenbeek stand nach islamistischen Anschlägen immer wieder im Fadenkreuz der Anti-Terror-Ermittler. Foto: Stephanie Lecocq/Archiv
Belgische Polizei bei einer Durchsuchung in Brüssel. Der Brüsseler Stadtteil Molenbeek stand nach islamistischen Anschlägen immer wieder im Fadenkreuz der Anti-Terror-Ermittler. Foto: Stephanie Lecocq/Archiv FOTO: Stephanie Lecocq