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Ägyptens Militär ebnet Weg zur Abrechnung

Kairo. Millionen Menschen sollen heute in Ägypten auf die Straßen gehen und der Armee den Rücken stärken. Doch auch die Muslimbrüder machen mobil. Für sie bleibt der Sturz Mursis vom Präsidentensockel ein „Putsch“. Von dpa-MitarbeiterGregor Mayer

Es soll eine große Machtdemonstration werden - so will es die Armee. Und die Propaganda der durchgehend militärfreundlichen Fernsehsender trommelt mit. Der islamistischen Muslimbruderschaft - und der Welt - soll heute gezeigt werden, dass die Mehrheit der Ägypter treu zum Militär steht, das am 3. Juli den gewählten Präsidenten und Islamisten Mohammed Mursi abgesetzt hat. Dem Aufruf der Armeeführung zu landesweiten Massenkundgebungen schlossen sich die meisten nicht-islamischen Kräfte an. Darunter sind die junge anti-islamistische Protestbewegung Tamarud und die Nationale Rettungsfront des derzeitigen Vizepräsidenten Mohammed ElBaradei. Nicht aber die revolutionäre Bewegung 6. April. Diese war maßgeblich am Aufstand gegen den Langzeitmachthaber Husni Mubarak im Jahr 2011 beteiligt.

Aber auch die Muslimbruderschaft, aus deren Reihen Mursi kommt, macht mobil. Sie hat sich mit seiner Absetzung nie abgefunden und will dem Gegenlager die Straße nicht alleine überlassen. "Noch nie waren die Ägypter so leidenschaftlich und so aggressiv gespalten", schrieb die Al-Dschasira-Reporterin Sherine Tadros gestern in einem Kommentar. Doch selbst wenn die Situation gespannt ist - ein Interesse an Zusammenstößen hat bei dieser gegenseitigen Machtdemonstration keine der beiden Seiten. Die Islamisten werden sich hüten, gegen Demonstranten vorzugehen, die das Militär mit all seiner Macht schützen wird. Der Armee scheint es wiederum darum zu gehen, den weiteren Weg zur Abrechnung mit den Islamisten zu ebnen. Zu den Massenaufmärschen aufgerufen hatte der mächtige Armeekommandeur General Abdel Fattah al-Sisi. Das "Volk" möge ihm auf diese Weise den Auftrag erteilen, den "Krieg gegen den Terror" zu eröffnen, sagte er am Mittwoch in seiner Ansprache vor der Militärakademie in Kairo. Wer die Terroristen sind, verriet er nicht. Die Tageszeitung "Al-Ahram", das Sprachrohr der jeweiligen Macht, zitierte in diesem Zusammenhang einen namentlich nicht genannten, aber "bestens informierten" Offiziellen: "Der Staat ist überzeugt davon, dass die Muslimbruderschaft an der Anstiftung von Terrorakten auf dem Sinai beteiligt ist."

Tatsächlich haben nach Mursis Sturz die Aktivitäten bewaffneter Extremisten auf der Halbinsel stark zugenommen. Doch das Problem ist älteren Ursprungs. Schon unter der Herrschaft Mubaraks hatten die Sicherheitskräfte die Kontrolle über Teile des Sinai verloren. Vom Staat diskriminierte und radikalisierte Beduinen, Al-Qaida-nahe Dschihadisten und Schmuggler-Banden treiben dort seit Jahren ihr Unwesen.

Die Anschuldigung, die Muslimbruderschaft stecke hinter dem Terror auf dem Sinai, könnte dem Militär jedoch als Vorwand dienen, um die Organisation erneut zu verbieten. Schon jetzt sitzen 600 ihrer Kader in Haft, darunter etliche Führungsmitglieder. Die Arbeit in der Illegalität ist den Islamisten allerdings nicht fremd. Über die meiste Zeit ihrer mehr als 80-jährigen Geschichte war die Organisation in Ägypten verboten, wurden ihre Führer gehängt und eingesperrt.