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Forschungsprojekt in NRW
Mehr Tote als bekannt bei Pogromnacht

Die Düsseldorfer Mahn- und Gedenkstätte ermittelt in einem bundesweit beispiellosen Forschungsprojekt die Opferzahl der Novemberpogrome 1938 in NRW. Bislang gab es nur Schätzungen über die Zahl der Ermordeten. Von Christian Schwerdtfeger

Es war gegen zwei Uhr in der Nacht, als Männer der SA und der SS am 10. November 1938 die Wohnung von Albert Bruch in Lünen stürmten.  Nachdem sie die Einrichtung verwüstet hatten, töteten sie ihn in seinem Schlafzimmer mit einem Kopfschuss.  Bruch, der im Ersten Weltkrieg für Deutschland als Soldat gekämpft hatte und dafür mit dem Eisernen Kreuz 1. Klasse ausgezeichnet worden war, ist in Lünen eines von sechs  Todesopfern  der Pogromnacht – oder wie der Historiker Bastian Fleermann von der Düsseldorfer Mahn- und Gedenkstätte sagt: der Mordnacht.


Am 9. auf den 10. November 1938 brannten in Deutschland die Synagogen. Organisierte Schlägertrupps setzen zudem jüdische Geschäfte in Brand. Es kam zu Ausschreitungen gegen jüdische Bürger. Wie viele Menschen während und infolgedessen auf dem heutigen Gebiet Nordrhein-Westfalens ums Leben gekommen sind, ist bis heute nicht genau bekannt. Bundesweit, so besagen es Schätzungen, habe es rund 400 Todesopfer gegeben. Unzureichend und nicht akzeptabel, nennt Fleermann diese Zahlen. Er will keine Schätzungen. Er will Fakten. Und deshalb unternimmt die Düsseldorfer Mahn- und Gedenkstätte den bundesweit beispiellosen Versuch, die Gesamtzahl und die Namen aller damals in NRW ums Leben gekommenen Personen zu erfassen. Seit Februar läuft das Projekt. Es soll rekonstruiert werden, wer durch Mord, schwere Verletzungen, Schock oder Suizid ums Leben kam. Und die Halbzeitbilanz, die am Mittwoch vorgestellt wurde, offenbart schon jetzt: Die Opferzahl ist größer als bisher geschätzt. So haben die Forscher bislang schon 130 Todesopfer identifiziert - und das nur in NRW. Ziel des Projekts ist es auch, die Ermordeten des Herbstes 1938 namentlich zu identifizieren, um sie angemessen zu würdigen und ihnen zu gedenken.

Bislang haben gerade einmal die Hälfte aller 430 von der Mahn- und Gedenkstätte befragten Stadtarchive geantwortet. „Wir hoffen, dass wir die ausstehenden Antworten noch erhalten werden“, sagt Fleermann, der etwas enttäuscht darüber ist, dass bislang nur jedes zweite Archiv die Fragen beantwortet hat. „Ich bin der Auffassung, dass man sich nach 80 Jahren schon einmal Gedanken darüber gemacht haben sollte“, so Fleermann.

Bei der Recherche sei aber schon jetzt deutlich geworden, dass das Verständnis und auch die Darstellung der Pogromnacht in Wissenschaft und Unterricht einer starken Bagatellisierung der Ereignisse gleiche, sagt Fleermann. Sehr viele Menschen seien damals ermordet und in ihrer Verzweiflung in den Selbstmord getrieben worden. In Großstädten wie in Dörfern. Von Nachbarn. Von Bekannten. Von Unbekannten. Niemand musste das tun. Niemand wurde dazu gezwungen. Einen expliziten Aufruf oder Befehl zum Mord soll es nicht gegeben haben. 40 Prozent seien damals durch direkte Gewalteinwirkung in der Mordnacht ums Leben gekommen; 30 Prozent durch Verzweiflungs-Suizid infolge der Ereignisse und weitere 30 Prozent starben in Konzentrations- und Arbeitslagern, in die sie während und kurz nach den Pogromen gebracht worden sind, sagt Projektmitarbeiter Gerd Genger. „Diese Toten wurden bislang überhaupt nicht erfasst.“

Die Zahl der Toten ist von Stadt zu Stadt sehr unterschiedlich. In Düsseldorf wurde einem jüdische Restaurantbesitzer in den Rücken geschossen, in Köln wurde ein Friseur in seinem Geschäft vor den Augen seiner Frau tot geprügelt. Eine vollständige Auswertung aller 396 Kommunen in NRW liegt noch nicht vor – nur für einzelne Städte. In Düsseldorf gab es demnach 17 Todesopfer, in Bielefeld, Essen, Solingen und Minden jeweils vier, in Duisburg und Unna jeweils  drei, in Köln und Oppladen jeweils zwei, in Leverkusen eines. Gemessen an der Einwohnerzahl gab es mit sieben die meisten Todesopfer in Hilden – Woran das genau liegt, wissen die Forscher nicht.



Der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf, Michael Szentei-Heise, kritisiert, dass es bis heute keine validen Zahlen über die Todesopfer dieser Nacht für ganz Deutschland gebe. „Das Thema wurde weggedrückt. Es wurde geschwiegen. Das ist schon deprimierend“, sagt Szentei-Heise. Nun hofft man, dass die anderen Bundesländer dem Vorbild NRWs folgen. „Ziel könnte es sein, dass die Bundesrepublik und Österreich mittelfristig in Zukunft alle Toten der Novemberpogrome identifizieren können“, sagt Maria Spingenberg-Eich, Leiterin der Landeszentrale für politische Bildung.

Der Abschlussbericht der Forschungsarbeit soll zum 80. Jahrestag der Pogrome im November vorgelegt werden. In diesem Jahr findet die Gedenkveranstaltung im Plenum des Düsseldorfer Landtages statt – vermutlich aber ohne Zeitzeugen, von denen nicht mehr viele leben.