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Poesie der Freiheit

Saarbrücken. 20 Jahre Altersunterschied trennt sie - eine ganze Generation. Der eine, Alfred Gulden (Jahrgang 1944), geprägt von "1968", Fluxus-Bewegung und Wiener Aktionismus, ist heute einer der wenigen über das Saarland hinaus bekannten Schriftsteller Von SZ-Redakteur Johannes Kloth

Saarbrücken. 20 Jahre Altersunterschied trennt sie - eine ganze Generation. Der eine, Alfred Gulden (Jahrgang 1944), geprägt von "1968", Fluxus-Bewegung und Wiener Aktionismus, ist heute einer der wenigen über das Saarland hinaus bekannten Schriftsteller. Der andere, Christoph Thewes (Jahrgang 1964), mehrfach preisgekrönter saarländischer Posaunist und Komponist, hat sich mit Experimenten zwischen Jazz, Rock und Neuer Musik den Ruf als einer der kreativsten Jazz-Freigeister Deutschlands erspielt.



Nein, es ist alles andere als selbstverständlich, wenn zwei ausgeprägte Künstler-Egos, die noch dazu auf ganz unterschiedlichen Baustellen unterwegs sind, zueinander finden. Vielmehr ist es ein Glücksfall, wenn sie in der Lage sind, Augen und Ohren für die Kunst des jeweils anderen zu öffnen, sich inspirieren zu lassen, gemeinsam etwas Neues schaffen, ohne dabei in die Autonomie des Gegenübers einzugreifen.

Seit über 16 Jahren arbeiten Gulden und Thewes nun zusammen. Etliche Projekte sind aus der Liaison hervorgegangen, "Gulden/Thewes" ist zu so etwas wie einem Markennamen geworden, von dem das Publikum weiß, dass es leichte Kost nicht zu erwarten hat, dafür immer neue Stoffe für eigene Assoziations- und Bildwelten erwarten darf.

Nun ist unter dem Titel "Zyklus I" eine CD-Box erschienen, die sieben Gulden-Thewes-Projekte vereint: von dem in Quartett-Besetzung vertonten Gedichtzyklus "Fall tot um", über das Free-Jazz-Theater "Siebenschmerzen" (2008 in Riesenbesetzung mit großem Chor in Luxemburg uraufgeführt) bis zum apokalyptischen Aktions-Musik-Theater "Cattenom" von 2011.

Mit Lyrik&Jazz-Projekten der üblichen Art hat das nichts zu tun. Bei Gulden/Thewes treffen Satzfetzen, Gedankenblitze, Assoziationsketten, Wortspiele, aber auch Erzählungen im klassischen Sinne auf mal krachendes, mal quietschendes Blech, auf funkige Rhythmen oder langsam wabernde Klangflächen. Man mag sich kaum eine andere Vortragsweise von Guldens Texten vorstellen als dieses punktgenau rhythmisierte Sprechen. Dabei steckt - bei allem Spaß, der den beiden anzumerken ist - eine Menge Arbeit in den Arrangements, wovon wild durchgearbeitete Notations-Skripte zeugen. Sie sind - ebenso wie minimalistische Zeichnungen Samuel Rachls, die bei den Aufführungen immer wieder eine Rolle spielen - im Booklet zu sehen.

Ihre Arbeitsweise, erzählt Gulden, folge einem festen Ritus: Der Dichter liefert die Texte (mal bereits bestehende wie aus dem Roman "Greyhound", mal eigens geschriebene), der Musiker lässt sich dann zu einer Vertonung inspirieren. Eingriffe in die Arbeit des jeweils anderen sind tabu. So soll es auch in Zukunft sein. Denn das Projekt Gulden/Thewes ist noch lange nicht am Ende. "Unser Material reicht für die nächsten zehn Jahre", sagt Gulden. Morgen, 20 Uhr, präsentieren Alfred Gulden und Christoph Thewes die CD-Box "Zyklus I" im Saarländischen Künstlerhaus in Saarbrücken (Karlstr. 1). Außerdem wird Guldens Kurzfilm "Brockn" uraufgeführt.

Foto: Pieper