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Zweibrücker Naturschützer wollen Kaltluftschneisen sichern und mehr Stadtbäume

Klimaschutzbeirat : Herz: Die Stadt sollte ihre Klima-Vorteile stärken

Die ziemlich einzigartigen Zweibrücker Kaltluftschneisen müsse man planungsrechtlich vor Bebauung schützen. Der nach drei Jahrzehnten gerade ausgeschiedene Naturschutzbeirats-Vorsitzende Gerhard Herz plädiert außerdem für mehr Straßen-Bäume, damit das Wohnen in der Rosenstadt trotz Klima-Krise angenehm bleibt – und ist stolz auf den Erhalt alter Bäume.

Der Klimawandel macht zwar auch vor Zweibrücken nicht halt. Aber die Rosenstadt könnte sogar ein Gewinner der Klimakrise sein. Denn Zweibrücken kann mit zwei Natur-Pfunden wuchern, die heiße Sommer deutlich erträglicher machen als in vielen anderen Städten: kräftige Kaltluft-Ströme durch die beiden großen Täler und viele kleine Kerbtäler – sowie das viele Grün in der Innenstadt. Das sei auch ein wichtiger Standortvorteil Zweibrückens als Wohnstadt, sagt Dr. Gerhard Herz: „Klimastabilste Stadt in Rheinland-Pfalz, eine bessere Werbung kann man doch gar nicht haben.“

Herz hat gerade nach 20 Jahren als Vorsitzender (davor 10 als Vize) altersbedingt den Zweibrücker Naturschutzbeirat verlassen. Der bald 82-jährige Mediziner betont in dem Merkur-Gespräch aber auch: Diese beiden Standort-Vorteile müssen gesichert (Kaltluftzufuhr) und weiter gestärkt (Bäume) werden.

Deshalb habe der Naturschutzbeirat in einer „Stellungnahme zum Klimaschutz“ gefordert, ein Zubauen der Zweibrücker Kaltluftschneisen planungsrechtlich zu verhindern. Messungen des Deutschen Wetterdienstes in Zweibrücken hätten die Bedeutung der Schneisen fürs Stadtklima „eindrucksvoll bewiesen“. Die (meist nachts) einfließende Kaltluft sorge dabei nicht nur für ein kühleres Stadtklima, sondern transportiere auch Schadstoffe und Feinstaub weg.

Der Beirat appelliert: „In vorbeugender Sicherung müssen alle diese Kaltluftschneisen mit ihren Kaltluftentstehungsgebieten und unsere Grünachse auf Dauer erhalten werden. Die Stadtverwaltung Zweibrücken wird aufgefordert, diese für den Klimaschutz erforderlichen Gebiete als ,unverbaubare Klimazonen’ festzuschreiben und für die Zukunft zu sichern.“ Und zwar durch entsprechende Einträge „in den Flächennutzungsplan und später bei Neuauflage auch in den Regionalen Raumordnungsplan Westpfalz“.

Bei den Kaltluftentstehungsgebieten hebt Herz die wissenschaftlich erwiesene Bedeutung von Freiflächen wie Äckern und Wiesen hervor, insbesondere wenn sie stark geneigt sind. So betrage die Kaltluftproduktion auf grünen Freiflächen 12 bis 20 Kubikmeter pro Quadratmeter. Klimawandel-Anpasungs-Coach Christian Kotremba habe 18 Städte in Rheinland-Pfalz untersucht, nirgendwo sei die Kaltluftzufuhr so gut wie in Zweibrücken. Das ist für Herz aber kein Grund, sich beruhigt zurückzulehnen: „Diesen tollen Vorteil Zweibrückens müssen wir schützen, damit nicht bei jedem Baugebiet das Theater losgeht.“

Stichwort Neubaugebiet: Noch vor wenigen Monaten hatte Herz eindringlich vor dem Projekt „Wohnen am Kirchberg“ gewarnt, weil dort ein für Ixheim wichtiges Kaltluft-Entstehungsgebiet sei. Warum hat er die Bebauung nun akzeptiert, obwohl er – noch eindringlicher und ausführlicher als in einem Merkur-Gespräch im Februar – auf die Beirats-Resolution verweist? Im Bebauungsplan-Entwurf seien die meisten Klimaschutz-Forderungen umgesetzt worden, antwortet Herz. Etwa eine locker Bebauung, sodass der Wind an den Häusern vorbeikommt, und keine hohen Hecken oder Grundstücksmauern. „Mit diesem Kompromiss können wir leben, obwohl keine Bebauung besser wäre.“

Auch bei dem angestrebten Verbot im Flächennutzungsplan gehe es nicht darum, rund um Kaltluftschneisen jegliches Bauen auszuschließen – sondern „die wesentlichen Bereiche auszusparen“.

Eine weitere Herzensangelegenheit sind Herz die Bäume in der Stadt. Denn „zweiter wesentlicher Faktor einer klimatisch angenehmen Stadt, nach der Be- und Entlüftung, ist Schatten durch Begrünung“. Klimaforscher warnten, dass es in manchen deutschen Städten im Jahr 2050 im Sommer so heiß sein werde wie heute in Tunis. Herz: „Deshalb sind Bäume in Straßen für Schatten und Verdunstungskälte sehr wichtig – am besten durch eine Doppelallee, die die Straße überdeckt.“ Laut Kotremba betrage der Unterschied zwischen baumlosen Straßen und ähnlichen Straßen mit Alleebäumen sechs Grad – das mache für das Leben dort einen gewaltigen Unterschied, so Herz. Das sei auch in den Zweibrücker Alleen zu spüren – aber die Stadt brauche, insbesondere in Wohngebieten, noch mehr Straßenbäume.

Wobei es fürs Stadtklima „einen Riesen-Unterschied“ mache, ob man erst ein junges Bäumchen hat oder einen Jahrzehnte gewachsenen Baum mit großem Laubdach. Herz: „Ich sage: Der Erhalt alter Bäume ist n o c h effektiver als neue zu setzen.“ Die Pflege koste zwar einiges, „für saubere Luft und das Stadtklima ist das aber wichtig“.

Auf die Frage, auf was er denn besonders stolz ist nach seiner jahrzehntelangen ehrenamtlichen Tätigkeit an der Spitze des Naturschutzbeirats, verweist Herz denn auch auf alte Bäume. Immer wieder sei über eine Baumschutzsatzung diskutiert worden. „Davon halte ich aber gar nichts.“ Denn die Erfahrung andernorts zeige: „Der Effekt wäre negativ. Wenn man Bäume ab 60 Zentimeter Stammumfang schützt, messen nämlich viele Leute und fällen die Bäume kurz vorher.“ Stattdessen habe der Zweibrücker Naturschutzbeirat sich immer wieder für ein „Baum-Kataster“ für öffentliche Bäume eingesetzt. Jahrelang vergeblich. Der Durchbruch sei erst gekommen, nachdem Werner Boßlets UBZ die Zuständigkeit für die Stadtbäume übernommen hat. Dies sei „ein sehr großer Erfolg für den Baumschutz, weil nun weniger gefällt und mehr gepflegt wird.“ Denn früher seien in Zweibrücken oft vorbeugend Bäume gefällt worden, um eine Verletzung der Verkehrssicherungsfplicht auszuschließen. Dank des Baum-Katasters werde durch den UBZ nun jeder öffentliche Baum regelmäßig „intensiv bewertet“ und je nach Zustand gepflegt. Herz lobt die „Baumgruppe“ des UBZ: „Das klappt hervorragend.“

Besonders negativ in Erinnerung ist Herz aus seinen 30 Naturschutzbeirats-Jahren aber auch ein Baum-Thema: „Das Fällen des Parkbrauerei-Waldes hat eine erhebliche Lücke hinterlassen beim Klimaschutz – da sind wir vom Investor über den Tisch gezogen worden.“

Positiv hebt Herz noch hervor, dass der Naturschutz heute viel ernster genommen werde. „Früher hat man einen Baum gefällt, nur damit man für kurze Zeit eine Zementmaschine hinstellen kann – das wäre heute undenkbar.“ Herz war auch lange Vorsitzender des Zweibrücker Naturschutzbunds. Und erinnert: „Anfangs hieß es, warum engagiert sich der Doktor bei den Spinnern vom Nabu?“ Heute nähmen viel mehr Bevölkerungsgruppen den Naturschutz ernst. Der Zweibrücker Nabu habe mittlerweile über 2200 Mitglieder – weit mehr, als alle politischen Parteien zusammen in Zweibrücken Mitglieder haben.