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Zweibrücker Jürgen Rinck ist als Reiseschriftsteller mit dem Rad unterwegs

Der Zweibrücker Jürgen Rinck erfand seine Reise nach Andorra : In Gedanken durch Europa reisen

Der Zweibrücker Künstler und Blog-Schriftsteller Jürgen Rinck nimmt seine Leser mit auf eine virtuelle Radtour an die französische Atlantikküste.

„Man hat sich so daran gewöhnt, keine Grenzen zu haben – eigentlich wäre ich jetzt unterwegs“, sagt Jürgen Rinck, der statt auf dem Fahrrad irgendwo in Europa Kilometer abzuspulen nun auf dem heimischen Hof festsitzt. Die geplante Radreise hätte ihn von Zweibrücken nach Andorra geführt. Dann kam Corona. „Eine Woche vor Beginn des Projektes wurde es in Frankreich schon schwierig“, erklärt er, „am Tag des Tourstarts waren dann die Grenzen dicht“.

Reisen bedeutet für Jürgen Rinck nicht nur das Unterwegssein. Ganz in der Tradition von Reiseschriftstellern wie Jack Kerouac oder Andreas Altmann lässt der Künstler die Öffentlichkeit an seinen Erlebnissen teilhaben und schreibt dafür einen Reiseblog: „Das erste Mal reiste ich im Jahr 2000 durch Frankreich nach Andorra, danach 2010 nochmal. Die jetzt geplante Radtour sollte meine dritte auf der gleichen Route werden.“

Doch dazu kam es nicht, zumindest nicht in der realen Welt. Im fiktiven Raum des Internets entstand seine Reise dann doch. Ausgehend von alten Tagebuchaufzeichnungen und Erinnerungen an seine Erlebnisse führte er den Blog weiter und erfand seine Reise nach Andorra neu. „Das hat sich dann verselbstständigt“, sagt der Künstler, „irgendwann dachte ich mir, ich radle einfach weiter.“

Die virtuelle Reise, die nur im Kopf von Jürgen Rinck stattfindet, führt in nun an den Atlantik. Immer dabei ist sein Blog-Tagebuch. „Radlantix“ hat er es genannt. Und dort ist Erstaunliches zu lesen. Mit akribischer Genauigkeit beschreibt der Schriftsteller Orte, an denen er noch nie war und Begegnungen, die er nie hatte.

Mit Hilfe von Ortungsdiensten wie Google Maps oder Suchmaschinen entdeckt er den Landstrich, den sein Alter Ego „Europenner“ per Rad bereist: „Besonders gefallen hat mir das Maschinenmuseum in Nantes, das ist ein toller Ort. Dort gibt es komischerweise auch eine Willy-Brandt-Brücke, zu der habe ich auch recherchiert.“

Jetzt hat er nur noch virtuelle 400 Kilometer zu radeln, um wieder nach Hause zu kommen. Ein Klacks für den erfahrenen Radreisenden, der bei seinen Touren am Tag durchschnittlich etwa 70 Kilometer zurücklegt. Für seinen Blog nimmt sich Jürgen Rinck viel Zeit, etwa vier Stunden arbeitet er täglich daran.

So viel Zeit für das Schreiben zu haben ist einer der Vorteile der virtuellen Reise. Wäre er wirklich mit dem Rad unterwegs, müsste er seine Blogartikel im Zelt verfassen, auf einer zusammenklappbaren Tastatur. Sein Mobiltelefon dient im dabei als Computer, Fotoapparat und Navigationsinstrument in einem. Und da er jeden Tag ein gewisses Kilometerpensum hinter sich bringen möchte, fehlt oft die Zeit fürs ausführliche Schreiben. Jetzt aber kann er seine oft skizzenhaft angeordneten Gedanken und virtuellen Erlebnisse mit viel Muße eintippen.

Stilistisches Vorbild ist ihm dabei der Beat-Schriftsteller Jack Kerouac, der seine Texte wie Jazz-Stücke komponiert hat. Auch die französische Schriftstellerin Fred Vargas dient als Inspirationsquelle für Rinck mit ihren Krimis, die immer auch Brücken schlagen zur Geschichte und zu den Legenden einer Region. „Meine Reisen mit Hilfe von Wikipedia und Co. sind Verbindungen, die geknüpft werden, es ist fast wie Stricken“, erklärt der Künstler.

Rincks Reisen führten ihn schon über die North Sea Cycle Route, dem 2012 längsten Fernradweg der Welt, rund um die Nordsee, ans Nordkap, nach Gibraltar und auf dem Camino Frances als Pilger bis nach Santiago de Compostella. In den letzten Jahren entstand so ein umfangreiches Text-, Film- und Bildarchiv, verteilt auf verschiedene Blogs und Soziale Kanäle. Inzwischen liegt genug Material vor, um daraus mehrere informativ-philosophische Reisebücher zu kreieren. „Ich glaube, viele Menschen, die heutzutage denken, sie reisen, wissen gar nicht, was Reisen tatsächlich bedeutet. Sie buchen ein Paket mit Sehenswürdigkeiten, die sie abklappern und setzen ihren Termintaumeltanz, den sie im Alltag führen, nahtlos fort“, hat Jürgen Rinck festgestellt.

radlantix.de

irgendlink.de