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Zweibrücker besorgt: Greifen Krähen Entenküken an?

Vögel in der Stadt : Gehen die Krähen auf Entenküken los?

Das beobachteten Augenzeugen am Schwarzbach. Der Vogelkunde ist ein solches Verhalten nicht bekannt.

Kaum einer Kreatur auf der Welt wird eine so große Intelligenz nachgesagt wie den Krähen. Die schwarzgefiederten Vögel sind neben Menschen, Affen und Elefanten die einzigen Lebewesen auf dem Planeten, die in der Lage sind Werkzeuge zu basteln und zu nutzen. Eine Dokumentation des TV-Senders Arte zeigte bereits vor einigen Jahren, dass Rabenvögel, zu deren Familie alle weltweit rund 40 Krähenarten gehören, sich sogar menschliche Gesichter merken können. Nicht zu Unrecht werden die Krähen im Titel der Dokumentation „unterschätzte Genies“ genannt.

In Zweibrücken beobachteten Augenzeugen zuletzt, wie Krähen Jagd auf junge Enten machten. Eine der Saatkrähen aus der Allee näherte sich auf Höhe des Herzogplatzes wiederholt einem auf dem Schwarzbach treibenden Küken, als wollte sie es aus dem Wasser holen. Der Versuch scheiterte zwar – das Entenküken trieb jedoch stark verletzt ans Ufer. Ein Beobachter der Szene sagte, dass dies kein Einzelfall gewesen sei. Sind die Zweibrücker Saatkrähen anders als ihre Verwandten keine unterschätzte Genies, sondern eher gefürchtete Raubtiere?

„Nein“, sagt der Zweibrücker Ornithologe (Vogelkundler) Peter Spieler. Er kann sich dieses Verhalten nicht erklären. Saatkrähen könnten nicht schwimmen – geschweige denn etwas aus dem Wasser fischen. Sie seien keine Luftjäger. „Um Entenküken aus dem Wasser zu holen müssten die Krähen Krallen ausfahren wie ein Greifvogel – dazu sind sie flugtechnisch nicht in der Lage“, erklärt Spieler. Junge Enten gehörten auch nicht zum Nahrungsspektrum. Aber: „In der Natur kann man immer Dinge erleben, die nicht im Lehrbuch stehen – doch das wäre schon ein sehr ungewöhnliches Verhalten.“ War es möglicherweise ein Spieltrieb der Krähen? Auch das hält Peter Spieler für ungewöhnlich. „In der Brutzeit haben die eigentlich genug anderes zu tun.“

Derzeit ist es in der Allee vergleichsweise ruhig geworden. Die Brutzeit ist um, und nun tummeln sich die Zweibrücker Saatkrähen verstärkt auf der Mülldeponie. Dort finden sie alles, was ihr Magen begehrt: zum Beispiel Regenwürmer, Käfer oder Larven.

„Die Saatkrähen haben ihren weißen Schnabel, weil sie im Boden nach Nahrung stochern“. sagt Spieler. „Je älter der Vogel, desto heller der Schnabel.“ Er habe schon erstaunliches Verhalten bei den Vögeln beobachtet. Die Krähen wissen etwa genau, wann der Bauer gepflügt hat. Dann nämlich gebe es frische Regenwürmer und die Saatkrähen ziehen in Scharen zum Festmahl auf die Felder.

In Zweibrücken hat die Zahl der Saatkrähen in den letzten Jahren stetig zugenommen. Auch in diesem Jahr sind es vermutlich mehr geworden. Der Umwelt- und Servicebetrieb (UBZ), der die Platanen in der Allee pflegt und dabei strenge Auflagen hat, das brütende Federvieh zu schützen, kann keine Angaben zur Größe der Population machen. Bekannt ist jedoch die Zahl der Nester: 1051 waren es Zählungen von Peter Spieler zufolge in diesem Jahr. 78 mehr als 2019, teilte der UBZ auf Anfrage mit. Nicht alle Nester seien allerdings besetzt gewesen.

Dass die Saatkrähen friedlich mit anderen Vögeln zusammenleben können, zeigt das Beispiel der Halsbandsittiche. Die haben sich vor etwa zehn Jahren, klimabedingt, neu in Rosengarten und Allee angesiedelt und sind geblieben. „Die Halsbandsittiche kommen den Krähen nicht in die Quere, weil sie nicht in die Baumwipfel gehen“, sagt Spieler. Die Papageienart halte sich lieber zum Beispiel in Spechthöhlen im unteren Bereich der Bäume auf. Auch die Speisepläne der zwei geflügelten Alleebewohner könnte unterschiedlicher nicht sein: Halsbandsittiche fressen von den Krähen verschmähte Knospen oder unreife Früchte.

Können die Krähen dann nicht auch die Enten die Enten in Ruhe lassen? „Wir können die Saatkrähen nicht in ihrem Verhalten ändern – die gehören hier dazu“, sagt die Zweibrücker Nabu-Vorsitzende Miriam Krumbach. Auch sie hat einen Saatkrähen-Angriff auf ein Entenküken noch nicht selbst beobachtet, erklärt aber: „Natur ist Natur – wenn so was in der Stadt passiert und wir es sehen, regen wir uns auf. Wenn man aber sieht, was der Mensch alles tut, etwa dadurch, dass er Lebensräume versiegelt – dann ist das, was so eine Krähe einem Entenküken antut, nichts dagegen.“

Dann gibt’s ja noch die erwachsenen Enten, die normalerweise fähig sind, ihre Küken vor Feinden aller Art zu beschützen. Ein Verhalten, das die Saatkrähen-Eltern übrigens perfektioniert haben. Die Kolonie in der Allee unterhält Wachtrupps, die Greifvögel gezielt angreifen und verjagen, sobald sie auftauchen.