Ingrid Früauf über Schüler, Medienkonsum und lebenslanges Lernen TikTok und Co. — die Killer der Konzentration

Zweibrücken · Ingrid Früauf betreut für fünf Jugendämter Kinder, die seelisch beeinträchtigt sind. Ferner gibt sie in ihrer Lernstube Logo seit einem Vierteljahrhundert Nachhilfe. Wir sprachen mit der erfahrenen Therapeutin, die manche Sorge hat — aber auch eine positive Botschaft.

Dieser Junge ist noch klein – aber mit dem Handy geht er schon geübter ums als manch ein Großer. Das muss nicht grundsätzlich schlecht sein. Allerdings ist die Gefahr hoch, dass Kinder Smartphones oder Tablets auf eine Weise nutzen, die ihrer Entwicklung nicht förderlich ist. Davor warnt auch die erfahrene Therapeutin Ingrid Früauf aus Zweibrücken.     Symbolfoto: Jens     Kalaene/dpa

Dieser Junge ist noch klein – aber mit dem Handy geht er schon geübter ums als manch ein Großer. Das muss nicht grundsätzlich schlecht sein. Allerdings ist die Gefahr hoch, dass Kinder Smartphones oder Tablets auf eine Weise nutzen, die ihrer Entwicklung nicht förderlich ist. Davor warnt auch die erfahrene Therapeutin Ingrid Früauf aus Zweibrücken. Symbolfoto: Jens Kalaene/dpa

Foto: dpa/Jens Kalaene

Wenn man mit Ingrid Früauf spricht, sinkt der Puls erst einmal spürbar. Kein Wunder. Die 73-Jährige ist die Ruhe in Person. Und strahlt dies auch auf ihr Gegenüber aus. Von daher hat die Zweibrückerin den richtigen Beruf gewählt. Früauf betreut für fünf Jugendämter in Zweibrücken und der Region (siehe Info) im Rahmen der sogenannten „Eingliederungshilfe“ Kinder, die eine seelische Last tragen und in ihrer Entwicklung nicht gleichauf sind mit ihren Altersgenossen. Ferner leitet sie seit 1997 die Lernstube Logo in Zweibrücken und hat in dieser Zeit tausende Schülerinnen und Schüler in Sachen Nachhilfe betreut.

Früauf ist diplomierte Legasthenietherapeutin und Dyskalkulietrainerin – sie kann also fachgerecht mit Menschen umgehen, die eine Lese- und beziehungsweise oder eine Rechenschwäche haben.

Geduld ist hier vonnöten. Und Früaufs ruhige Art passt perfekt. Das heißt aber nicht, dass die Botschaften, die sie zu vermitteln hat, einlullend wären. Die 73-Jährige hat im Gespräch mit dem Pfälzischen Merkur einige kritische Anmerkungen.

Wir wollten von der erfahrenen Nachhilfelehrerin und Therapeutin wissen, wie sie zu dem aktuell wieder intensiv diskutierten Thema der schülerischen Leistungen steht und zu der ganz grundsätzlichen Frage: Woran liegt es, dass so viele Schüler Probleme beim Lernen haben?

Die 73-Jährige sieht erst einmal Corona als enorme Zäsur an. „Die Pandemie hat viel Schaden angerichtet“, ist ihre Beobachtung. „Viele Eltern wussten überhaupt nicht, wie sie ihre Kinder zuhause vernünftig beschäftigen sollen.“ Man dürfe den Erziehungsberechtigten deswegen keinen Vorwurf machen. Die allermeisten Eltern hätten kein pädagogisches Grundlagenwissen, sie würden ihrem Beruf nachgehen, hätten ihre Alltagssorgen – und mussten plötzlich in der Pandemie, über Monate weg, als eine Art „Hilfslehrer“ in den Lockdowns fungieren.

Aber natürlich gebe es nicht erst seit Corona Lerndefizite. Die Möglichkeiten der Ablenkung für Kinder seien enorm, vor allem das Internet sei eine ernste Herausforderung, es sei Segen und Fluch. Ein Segen, weil das weltweite Netz ein Fundus an Wissen sein könne – wohlgemerkt, wenn man dieses Medium richtig zu nutzen verstehe. Ein Fluch, weil sich – nicht nur – Kinder in diesem Netz verfangen.

Eltern müssten unbedingt mit ihren Kindern auf sensible Art über die Nutzung von Smartphones und digitalen Medien ganz allgemein sprechen. Und ihnen hier auch immer wieder über die Schultern schauen.

Vor allem der heutige Trend, im Internet kurze, schnelle Videos zu konsumieren – die extrem erfolgreiche Videoplattform TikTok ist hier mit führend bei den Klickzahlen – sei auf Dauer nicht gut für die Kinder. „Schnell, schnell ist das Motto. Ein Video jagt das andere, es sind kurze Häppchen, ein paar Sekunden, vielleicht mal ein, zwei Minuten – dann folgt das nächste Video.“ Sich über längere Zeit konzentrieren zu können, komplexe Sachverhalte zu verstehen, das gehe hier Schritt für Schritt verloren. „Ähnlich ist es mit dem Fernseh-Konsum, dem sogenannten ,Zapping‘. Ein Sender folgt dem nächsten, hier ein paar Minuten gucken, dann weitergezappt zum nächsten Sender.“

Dieses Freizeitverhalten  zeitige im Schulunterricht Konzentrationsschwäche. Die Unterrichtsstunde werde plötzlich unendlich lang, nach wenigen Minuten schon sei die Aufmerksamkeit vielfach weg. „Die Schüler können oft keine längeren Texte mehr sinnerfassend lesen.“  Weil der private Medienkonsum hierzu diametral stehe.

Was nach Früaufs Beobachtung weiter ein Problem ist: Die Unfähigkeit vieler Schüler, im Unterricht warten zu können, jemand anderen ausreden zu lassen, sich zurückzunehmen.

„Für viele Kinder ist es ein kleiner Schock, in der Schule plötzlich zu erfahren, dass man ja nicht alleine auf der Welt ist. Dass da noch andere sind, die auch etwas sagen wollen, die auch wollen, dass man ihnen zuhört.“

Diese Fähigkeit, sich zurückzunehmen, anderen „Vorfahrt zu gewähren“, müssten die Lehrer den Kindern oft erst mühsam vermitteln. „Zuhause sind viele Kinder kleine Prinzessinnen und Könige – in der Schule kommt dann ein Erwachen.“

Das heiße nicht, dass die Eltern ihre Kinder nicht liebevoll umsorgen sollten. Sie sollten ihnen aber auch deutlich machen, dass die Gesellschaft nur funktioniere, wenn man sich gegenseitig Wertschätzung zeige und dem anderen zuhöre, dass man sich auch einmal zurücknehme, dass man nicht der Wichtigste auf der Welt sei.

Früauf hat nach ihren jahrzehntelangen Erfahrungen mit Lerndefiziten aber auch eine grundsätzlich positive Botschaft parat: „Niemand muss zurück bleiben.“ Jede Schülerin, jeder Schüler habe das Potential, an sich zu arbeiten, sich zu verbessern. Das gelte selbstverständlich auch für die Erwachsenen.

„Man lernt lebenslang“, sagt Früauf. Das sei ja das Schöne. Und aus eben diesem Grund mag sie auch, trotz ihrer 73 Jahre, nicht ans Aufhören denken. „Soll ich zuhause auf der Couch sitzen und Fernsehen schauen?“, fragt sie rhetorisch. Am besten noch wild hin- und herzappend, weil ein Programm schlechter als das andere ist?

Ingrid Früauf hat in ihrem Berufsleben tausende Schülerinnen und Schüler betreut und, basierend auf ihren Erfahrungen, schließlich das Lernprogramm „Logomax“ entwickelt. Früauf sagt, jedes Kind habe das Potential, sich zu verbessern, niemand müsse und dürfe aufgegeben werden.

Ingrid Früauf hat in ihrem Berufsleben tausende Schülerinnen und Schüler betreut und, basierend auf ihren Erfahrungen, schließlich das Lernprogramm „Logomax“ entwickelt. Früauf sagt, jedes Kind habe das Potential, sich zu verbessern, niemand müsse und dürfe aufgegeben werden.

Foto: Mathias Schneck

Da bleibt Früauf lieber in Kontakt mit dem Nachwuchs und hilft diesem, besser zu lernen. Um dabei selbst viel zu lernen.

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