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Zweibrücken: Sechs Jahre Haft für Totschlag in Marienstraße

Totschlag in der Marienstraße : Verurteilter gerät außer Rand und Band

Das Landgericht hat am Dienstag einen 35-Jährigen wegen Totschlags in einem minder schweren Fall bestraft.

Ein wahrlich turbulentes Finale im Zweibrücker Totschlag-Prozess: Als die Vorsitzende Richterin Susanne Thomas am Dienstag ihr soeben gesprochenes Urteil begründet, gerät der gerade wegen Totschlags mit sechs Jahren Freiheitsentzug bestrafte 35-jährige Zweibrücker außer Rand und Band. Zunächst springt er laut schimpfend von seinem Sitz auf, schiebt, sich zwei Schritte in Richtung Tür bewegend, eine Justizwachtmeisterin beiseite, stößt die Anklagebank samt Mikrofon-Anlage um und bewaffnet sich mit einem Stuhl, den er abwehrend vor sich hält. Es bedarf fünf Justizwachtmeistern, um den Mann zu Boden zu ringen, zu fesseln und aus dem Gerichtssaal zu führen.

Richterin Thomas setzte daraufhin ihre Urteilsbegründung fort – in Abwesenheit des Angeklagten. Sie schilderte dabei noch einmal den ermittelten Tathergang, der sich während der Beweisaufnahme „mit wenigen Abweichungen“ durch die Zeugenaussagen bestätigt habe. Das Opfer, ein 40-jähriger Industrieschlosser, zweifacher Familienvater und Hobby-Musiker, habe allgemein, so Richterin Thomas, als „angenehmer und hilfsbereiter Nachbar“ gegolten, der aber auch „impulsiv reagieren konnte“. So habe er sich an jenem verhängnisvollen Sommerabend des 16. August 2020 mit weiteren Bewohnern eines Mehrfamilienhauses in der Zweibrücker Marienstraße, darunter sein Freund, spontan verabredet, den nächtlichen Ruhestörer in der Parterre-Wohnung gegenüber zum Verstummen zu bringen. Zuvor habe der 35-Jährige derart laut mit seiner Mutter gestritten, dass das Geschrei „noch über mehrere Straßen hinweg“ zu hören gewesen war, wie Richterin Thomas sagte.

Vor dem Haus des Schreihalses seien der 40-Jährige und sein Freund dann, da hatte die Mutter die Wohnung ihres Sohnes bereits wieder verlassen, auf dessen Vermieter getroffen, der bereits vergeblich versucht hatte, den 35-Jährigen zu beschwichtigen. Sein Mieter hatte ihm zwar die Tür zu seiner Erdgeschosswohnung aufgemacht, seinen Vermieter aber barsch abgewiesen und ins Gesicht geschlagen. Daraufhin habe es einen erneuten Versuch gegeben, den Ruhestörer zu besänftigen – zu dritt. Auch diesmal habe der 35-Jährige seine Wohnungstür geöffnet, aber Vermieter, das spätere Opfer und dessen Freund zurückgeschubst („Es gab vor der Tür ein Gerangel“), woraufhin das Trio die Tür eingetreten und der 40-Jährige und sein Freund die Wohnung betreten und nach einem Wortwechsel mit dem 35-Jährigen wieder verlassen hätten.

Aus unerfindlichen Gründen, vermutlich auf eine abfällige Bemerkung des 35-Jährigen hin, habe das spätere Opfer dann wohl auf halbem Weg nach draußen kehrtgemacht und sei wieder in die Wohnung gegangen. Wenig später sei der 40-Jährige, sich die rechte Hand auf die linke Brustseite drückend, vor der Tür in die Arme seines Vermieters gesunken, von ihm auf die Straße geschleppt worden, wo er tödlich getroffen zusammengesunken sei. „Er hatte keine Chance. Die Verletzung war nicht überlebbar“, sagte Richterin Thomas.

Der 35-jährige Ruhestörer sei „zum Teil zu Recht“ sauer gewesen, weil die Nachbarn die Tür zu seiner Wohnung kaputt gemacht, sich Zutritt verschafft und damit das Hausrecht verletzt hätten. Aber Angst, war Richterin Thomas überzeugt, habe er nicht gehabt, wie sein Verteidiger, der Zweibrücker Rechtsanwalt Max Kampschulte, in seinem Plädoyer geltend gemacht hatte. Eine Notwehr-Situation schloss die Richterin aus. Vielmehr habe der Metzger schon von Berufs wegen gewusst, „was man mit einem Messer machen kann“. Der Angeklagte habe „eingeräumt, dass er gestochen hat“, wenngleich er sich diesbezüglich nicht mehr an Details habe erinnern wollen oder können. Es hätte „andere Möglichkeiten gegeben“, den Konflikt zu lösen, zumal das Opfer ihn nicht angegriffen habe, unbewaffnet und ihm offensichtlich körperlich unterlegen war, so Richterin Thomas weiter. Gleichwohl sei die Kammer von einem minder schweren Fall ausgegangen – wegen seiner krankheitsbedingten Unbeholfenheit und seiner „begrenzten Möglichkeiten, sich auszudrücken“ in einer „sehr aufheizten Situation“. Zudem habe sich der 35-Jährige für seine Tat entschuldigt, sagte Richterin Thomas. Die Kammer habe deshalb dem Antrag von Oberstaatsanwältin Kristine Goldmann entsprochen.

Die beiden Nebenkläger, die Witwe und der Vater des Opfers, hatten vermittels ihrer Anwälte ebenfalls sechs beziehungsweise sogar acht Jahre Haft beantragt. Verteidiger Kampschulte hatte für seinen Mandanten auf Notwehr und Freispruch plädiert sowie – bei einer Verurteilung wegen Totschlags in einem minder schweren Fall – „ersatzweise“ auf zwei Jahre Freiheitsentzug, die zur Bewährung ausgesetzt werden sollten. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.