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Zweibrücken: Rangelei bei Autokorso der „Freiheitsfahrer“

Zweibrücken: Protest gegen Corona-Politik : Rangelei bei Autokorso der „Freiheitsfahrer“

Am frühen Samstagnachmittag haben 106 Fahrzeuge an einem Autokorso der „Freiheitsfahrer“ quer durch Zweibrücken teilgenommen. Dabei kam es zu einem gewaltsamen Zwischenfall.

 Es waren 106 Fahrzeuge, und sie waren laut. Hupend sind am frühen Samstagnachmittag sogenannte „Freiheitsfahrer“ von der Festhalle aus quer durch Zweibrücken gerollt – eskortiert von mehreren Streifen- und Mannschaftswagen sowie Motorrädern der Polizei. Die Teilnehmer der von einem Brandenburger Vertreter der „Freiheitsfahrer“-Bewegung angemeldeten Demonstration kamen, den Kennzeichen nach zu urteilen, überwiegend aus der Umgebung, einige wenige dieser „Freiheitsfahrer“ aus dem hessischen Kreis Bergstraße sowie den Kreisen St. Ingbert, St. Wendel und Kusel.

Beinahe hätte dieser Autokorso gar nicht stattgefunden, nachdem die von den „Freiheitsfahrern“ benannte Versammlungsleiterin, eine Zweibrückerin, die Demonstration eine Stunde vor Beginn abgesagt hatte, wie der Zweibrücker Polizeichef Matthias Mahl auf Merkur-Nachfrage bestätigte. Ihre Entscheidung sei dann der Zweibrücker Versammlungsbehörde beim Ordnungsamt mitgeteilt und unmittelbar vor Beginn des Umzugs ein neuer Versammlungsleiter gefunden worden, der laut Mahl „aus der Region“ stamme. 

Während des Autokorsos kam es zu einer Rangelei zwischen einem Teilnehmer und einem protestierenden Passanten. Foto: Rainer Ulm

Die Frau mailte unserer Zeitung, den Autokorso „kurzfristig abgesagt“ zu haben – „wegen Drohungen aus dem linksextremistischen Umfeld der ,Partei‘ um den Landtagskandidaten und (das) … Stadtratsmitglied Aaron Schmidt“. Sie fühle sich auch „persönlich durch dieses linksextremistische Facebook-Pack“ bedroht, wie sie schrieb. Schmidt habe öffentlich dazu aufgefordert, gegen den Autokorso zu protestieren, indem Fußgänger häufiger die Straßenseite wechseln sollten. Er habe damit „bewusst zur Gefährdung von Fußgängern“ aufgerufen.

Während des Autokorsos kam es zu einer Rangelei zwischen einem Teilnehmer und einem protestierenden Passanten. Foto: Rainer Ulm

Und tatsächlich kam es am Samstagnachmittag, kurz nachdem der Autokorso doch noch gestartet war, zu einem Vorfall an der Kreuzung Saarlandstraße-Gestütsallee. Als ein Mann dort demonstrativ langsam die Fahrbahn überquerte und vor einem Wohnmobil, das sich an dem Autokorso beteiligt hatte, stehenblieb, war nicht nur ein „Fahr ihn um!“-Ruf zu hören. Der Fahrer verließ wutschnaubend sein Fahrzeug und rang den Autokorso-Blockierer auf dem Bürgersteig zu Boden. Zu den Augenzeugen gehörte auch SPD-Stadtrat Berni Düker. Er habe gesehen, wie ein Autokorso-Teilnehmer den Mann von hinten angesprungen und auf ihn eingeschlagen habe, dabei sei die Jeans des Opfers zerrissen. Passanten gelang es, die Männer auseinanderzubringen. 

Weder Ordnungsamt noch Polizei waren bei dem Vorfall in der Nähe, es wurde auch keine Anzeige erstattet.

So sprach Polizeichef Mahl auf eine entsprechende Frage des Pfälzischen Merkur davon, dass der Autokorso sich „im normalen Rahmen gehalten“ habe. Es habe keine Vorkommnisse gegeben. Der Umzug sei an der Festhalle gestartet und dort nach 45 Minuten wieder angekommen. Er habe unter anderem über die Fruchtmarkt-, Gottlieb-Daimler-, Hofenfels- und Landauer Straße geführt. Auch Ordnungsamtsleiter Klaus Stefaniak sprach von einem störungsfreien Verlauf.

Augenscheinlich haben sehr viele Gewerbetreibende an dem Autokorso teilgenommen und so ihrem Corona-Frust Luft gemacht. Darauf deuteten zumindest Aufschriften an den Fahrzeugen hin wie „SOS – rettet den Einzelhandel“, „Wir vernichten 1 000 000 Arbeitsplätze“, „Lockdown beenden, Lösungen finden“ oder „Der Letzte macht das Licht aus“. Ein regionaler Schuhhändler brachte – gefühlt – gleich seine halbe Firmenwagenflotte auf die Straße. Vereinzelt wurde der Autokorso auch zur Eigenwerbung genutzt: So war auf der Kühlerhaube eines Kleinwagens mit zwei auffällig stark gebräunten Frauen auf dem Fahrer- und dem Beifahrersitz zu lesen: „Spa, Wellness, Sonnenbank – Licht ist Leben.“ Neben der aus Sicht der durch die Corona-Einschränkungen gebeutelten Gewerbetreibenden nachvollziehbaren Forderung, den Lockdown zu stoppen, wurde hier und da doch eher auf Luxusprobleme aufmerksam gemacht. So durfte ein Mädchen – offenbar im Wagen ihrer Eltern – ein handgeschriebenes Blatt ans Autofenster halten, auf dem „Ich will wieder reiten!“ zu lesen war.

Anmelder des Autokorsos war laut Stadtverwaltung ein Mann aus dem brandenburgischen Beelitz. Er habe die Zweibrückerin als örtliche Versammlungsleiterin benannt, die dann kurzfristig abgesagt habe, sagte Ordnungsamtsleiter Klaus Stefaniak nach dem Autokorso. Stefaniak bestätigte auch die Angabe der Frau gegenüber dem Merkur, dass sie die Versammlung ursprünglich (parallel zu ihrer Versammlungsleiter-Funktion für die „Freiheitsfahrer“) auch noch selbst angemeldet habe. Die „Freiheitsfahrer“ veranstalten seit Wochen Autokorsos in mehreren Städten Deutschlands. Hinter der Bewegung steht der bekannte Corona-Leugner und „Querdenker“ Wolfgang Greulich.