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Zweibrücken: Krähen-Kolonie in Allee durchbricht bald 1000er-Marke

Platanen von Pilz befallen: Gefährdeten Schnittarbeiten brütende Saatkrähen? : Fast 1000 Krähen-Nester in der Allee

Naturschützer zeigen sich besorgt über Baumschnitt-Arbeiten in Allee. Der UBZ entgegnet: Platanen sind von Pilzen befallen, Äste hätten abfallen können.

Die Saatkrähen in der Allee lassen niemanden kalt. Passanten sind vielfach genervt von dem massiven Gekrächze und Kot der Tiere, Tierschützer wiederum sind genervt von diesen Kritikern, die keinen Sinn für die Schönheit und Klugheit dieser unter Schutz stehenden Tiere zeigten.

Seit einigen Tagen gibt es bei Spaziergängern, auch via Facebook, wieder einige Aufregung über das stehende schwarze Federvieh. Baumpfleger hätten im Geäst der Platanen gearbeitet, es sei dabei sehr laut zugegangen, Alttiere seien verängstigt weggeflogen und hätten ihre Brut in den Nestern zurückgelassen. Müssen denn solche Baumschnittarbeiten ausgerechnet in der Brutzeit der Saatkrähen stattfinden, fragen mehrere Tierfreunde erbost.

Jawohl, das muss sein. Sagt klipp und klar Werner Boßlet, Vorstandsvorsitzender des UBZ (Umwelt- und Servicebetrieb Zweibrücken). Er bestätigte am Donnerstag auf Merkur-Anfrage, dass es Mitarbeiter des UBZ waren, die von Tierfreunden beobachtet worden waren.

Boßlet klärt auf: „Wir haben bei Kontrollen festgestellt, dass einige Bäume in der Allee von einem Pilz befallen sind. Hierbei handelt es sich um den sogenannten Massaria-Pilz, der Platanen befällt.“ Dieser Pilz schwäche Äste derart, dass es zu einem Sprödbruch kommen kann. „Der Bruch kann urplötzlich erfolgen. Das heißt, ohne Vorwarnung, ohne irgendeinen Druck auf den Ast fällt der einfach runter.“ Was das zur Folge haben kann, ist klar: Nichtsahnende Spaziergänger können von einem Ast getroffen und verletzt, im schlimmsten Fall, je nach Dicke des Astes, sogar erschlagen werden.

„Die Situation ist potenziell sehr gefährlich“, macht Boßlet deutlich. Es habe Gefahr im Verzug bestanden, die Arbeiter seien unverzüglich daran gegangen, vom Pilz befallene Äste abzuschneiden.

Die Baumtrupp-Kolonne des UBZ kann aus unmittelbarer Nähe gut erkennen, welche Äste betroffen sind. Vom Pilz befallenen Äste werden schwarz, Rinde löst sich, es kann zu einer sogenannten Nekrose kommen, Gewebe am Ast stirbt dann ab.

Es gibt für Boßlet also gar keine Diskussion darüber, ob diese Arbeiten denn gerade jetzt durchgeführt werden müssten, wo doch reichlich Brut in den Nestern sitze. „Menschenwohl geht über Tierwohl“, schreibt Boßlet den aufgeregten Tierschützern ins Stammbuch. Lieber werde eine brütende Saatkrähe für die Dauer der Schnittarbeiten verscheucht als dass Passanten gefährdet würden.

„In dem Bereich, in dem die Tiere brüten, wurde ohnehin kaum geschnitten“, sagt Boßlet. Der Hauptteil der vom Massaria-Pilz befallenen Platanen befinde sich in der Rosengartenstraße in Höhe des Eingangs zum Rosengarten sowie auf der gegenüberliegenden Seite der Allee in Höhe der Rennwiese.

Tatsächlich brüten dort fast keine Tiere. Dieses Jahr konzentriert sich die Kolonie auf die beiden Seiten der Allee, die an die Stadtmitte angrenzen; die beiden Seiten der Allee, die an die Schließ angrenzen, sind praktisch krähenfreie Zone (derweil tummeln sich in diesem Abschnitt zahlreiche Halsbandsittiche, die in der Allee ebenfalls eine Heimstätte gefunden haben).

Woran die Konzentration der Krähen auf den stadtnahen Alleebereich liegt, kann sich Boßlet auch nicht erklären. Die Saatkrähen hätten sich das so ausgesucht. Keinesfalls habe der UBZ die Tiere in den „krähenfreien“ Seiten der Allee vergrämt. „Wir machen keine Vergrämung“, betont Boßlet.

Zum einen stehen die Tiere bekanntermaßen unter strengem NAturschutz, zum anderen beinhalte eine Vergrämung, die unter bestimmten Bedingungen genehmigt werden kann, eine große Problematik. Die eine große Kolonie in der Allee könnte sich bei einer Vergrämung aufspalten in mehrere Kolonien, die dann zusammengenommen noch mehr Tiere produzieren würden als jetzt schon in der Rosenstadt existent seien.

Tatsächlich entwickele sich die Kolonie in der Allee immer rasanter, verdeutlicht der UBZ-Chef. „In diesem Jahr sind es 900 bis 1000 Nester. Es sind noch einmal mehr geworden.“ 2018 wurden gut 800 Nester gezählt. Also weiteres Wachstum, Jahr für Jahr?

Boßlet glaubt nicht so recht daran. „Irgendwann kommt der Zeitpunkt, da wird die Nahrungssuche für die vielen Tiere problematisch.“ Tatsächlich wurden in den vergangenen Tagen laut Facebook-Kommentatoren mehrere tote Krähen in der Allee gesehen. Es ist bekannt, dass manche Jungtiere andere Jungtiere, die schwächer sind, aus dem Nest stoßen, wenn die Nahrung, die die Alttiere ihnen bringen, nicht reicht.

Die Frage sei, wo die Tiere ihr Futter her bekommen und wie endlich diese Quellen seien, sagt Boßlet. Beobachter aus Zweibrücken hatten in der Vergangenheit die Mülldeponie im Rechenbachtal als Futterquelle ausgemacht, hier seien immer wieder zahlreiche Tiere zu sehen – diese Futterquelle würde praktisch nicht versiegen, die Deponie erhält immer wieder neuen Müll, aus dem sich die schlauen Saatkrähen ihr tägliches Menü herauspicken können.

Andere Beobachter meinen, dass auch der Rosengarten in der Allee als Futterreservoir diene. „Man muss sehen, wie sich das entwickelt“, meint Boßlet hierzu nur.

Anderes bleibt ihm angesichts der strengen Gesetzesvorschriften wohl auch nicht übrig. Zur Freude der Tierschützer – und zum Leidwesen zahlreicher Flaneure.