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Zweibrücken: CDU ist gegen "Gendern" - heftige Kritik im Stadtrat

Anfrage der CDU in Zweibrücken : Gender-Sprache: Hitzige Debatte im Rat

Forderung der CDU, Stadt möge in ihren Einrichtungen auf Gender-Sprache verzichten, entfacht eine hitzige Debatte. OB betont: Es liegt nicht im Ermessen des Rates, darüber abzustimmen. Verwaltung strebt jetzt klare Sprachregeln an.

Es sind zwei kaum miteinander vereinbare Positionen, die an diesem Abend im Stadtrat aufeinanderprallen. Die eine Seite sieht in der „geschlechtergerechten Sprache“, der „Gender-Sprache“, in der sich Ausdrücke wie „Mitarbeiter*innen“ oder „Student*innen“ finden (beziehungsweise deren Neutralisierung in „Mitarbeitende“ oder „Studierende“) eine Verhunzung der deutschen Sprache.

Sie sind der Auffassung, dass nicht Formulierungen darüber entscheiden, wie man einem Menschen im Alltag begegnet. Sei dieser nun ein Mann, eine Frau oder etwa eine transsexuelle Person. Nicht eine Wortbildung sondern vielmehr die Herzensbildung entscheide darüber, ob man seinen Mitmenschen gegenüber grundsätzliches Wohlwollen  empfinde – oder insgeheime Ablehnung.

„Gendern“, das seien Lippenbekenntnisse, die Sprache schwer verständlich machten – und gesellschaftlich doch nichts bewirkten.

Die Befürworter argumentieren genau anders herum. Für sie ist der Wunsch, sich sprachlich an alle zu richten, ein Zeichen von verbaler Wertschätzung, von Gleichberechtigung, die die Betroffenen ermuntere, ihr Leben, das möglicherweise konventionelle Rollenbilder sprengt, offen zu leben.

Wer das „Gendern“ verweigere, stelle sich gegen Fortschrittlichkeit, grenze bewusst aus, hintertreibe die Anerkennung unterschiedlicher  Geschlechtlichkeiten und Identitäten.

Wie also sollen diese gegensätzlichen Positionen im Stadtrat zueinander finden? Die Antwort lautet: Überhaupt nicht.

Wie der Merkur berichtete, formulierte die CDU im Vorfeld ihre Forderung ungelenk – womit sie ihren Kritikern in der Debatte am Mittwochabend in der Aula des Hofenfels-Gymnasiums natürlich Nahrung gab.

Zuvor zog bereits Oberbürgermeister Marold Wosnitza (SPD) dem Antrag den Stachel. Das Rathaus habe Rücksprache mit der Aufsichtsbehörde ADD gehalten. Diese habe sich der Auffassung der Verwaltung angeschlossen, „dass der Rat hier keine Entscheidungsbefugnis hat“, so Wosnitza. „Eine Beschlussfassung ist heute Abend nicht möglich“, betonte er. Es sei Angelegenheit der Verwaltung, wie sie sich sprachlich an die Bürger wende. Wosnitza merkte an, der Antrag der CDU „hat uns vor Augen geführt, dass wir in den vergangenen Jahren eine klare Linie versäumt haben“. Und zwar dahingehend, auf welche Art und Weise die Stadt kommunizieren wolle – auch mit Blick auf „Barrierefreiheit, Rechtssicherheit und Einfachheit“.

Als klar war, dass es  nur bei einer Diskussion bleiben würde, beantragte Dirk Schneider (Bürgernah),  auf ausufernde Debatten zu verzichten, wenn sie doch zu nichts führten. Lediglich neun Räte stimmten zu, die überwältigende Mehrheit drängte es, zu sprechen.

Patrick Dahler (CDU) begründete den Antrag seiner Fraktion mit der erwähnten Befürchtung, die deutsche Sprache werde durch das „Gendern“ verhunzt. Der Rat für deutsche Rechtschreibung sei dagegen, ebenso die Gesellschaft für deutsche Sprache, der Duden habe darauf verzichtet, zahlreiche Sonderkennzeichen wie das „Sternchen“, mit aufzunehmen

„Sprache sollte einen und zusammenführen. Grundlage ist ein orthographisches Regelwerk mit seinen Vorgaben und dem dazugehörigen Wörterverzeichnis“, gab Dahler zu bedenken. Natürlich sei Sprache nichts Statisches, sie entwickle sich. Aber eine Umfrage von Infratest dimap im Mai 2021 habe ergeben, dass rund 65 Prozent der Bevölkerung die Gender-Sprache ablehnten. Ein Beharren darauf führe dazu, „dass Sprache exklusiv und ausgrenzend wird“.

Norbert Pohlmann (Grüne) reagierte mit Ironie auf den CDU-Antrag. „Wir sind bei den ganz bedeutsamen Fragen angekommen“, sagte er. „Kein Corona, keine Klimafragen – sondern ein Sternchen“, beschäftigten jetzt den Rat. Der Grüne sagte, das Gendern sei auf dem Weg hin zu einer Gleichstellung von Frauen und Männern wichtig. Der Antrag der CDU sei  „eine populistische Luftnummer“. Unter Beifall von Grünen und SPD sagte er: „So etwas kann man machen, wenn einem sonst nichts einfällt.“

Theresa Wendel (SPD) erklärte im Anschluss, sie spreche „als Germanistin und als Frau“. Sie findet: „Es reicht nicht aus, Frauen ,mitzumeinen’“, wenn etwa von „Lehrern“ oder „Schülern“ gesprochen werde. Wendel ist überzeugt, dass sich das Gendern „über kurz oder lang durchsetzen wird“.

Harald Benoit (AfD) entgegnete: Das „Gendern“ richte sich in bestimmten Ausprägungen an Menschen mit Identitäten, die in der Gesellschaft deutschlandweit gerade einmal mehrere hundert Mal vorkämen. Es werde damit also auch Sprachpolitik für absolute Minderheiten betrieben, die Mehrheit solle sich dem beugen und abstrakte Formulierungen verwenden.

Walter Rimbrecht (SPD) reagierte mit einem Vortrag, der stellenweise geprägt war von scharfem Sarkasmus. Er beschied der CDU, mit ihrer Forderung in Richtung AfD zu schielen. Die CDU wolle offenbar wieder „die guten alten Zeiten“, die geprägt seien „vom königlich-bayerischen Amtsgericht“, also von restaurativen Zeiten, in denen jeder seinen Platz in der Gesellschaft zugewiesen bekommen habe.

Ingrid Kaiser (FDP), ehemals Lehrerin für Deutsch, zeigte sich versöhnlich. Sie wisse bei all den „Sternchen“, „den -innen“, den „Unterstrichen“ oft nicht, „ob ich als Frau damit gemeint bin“. Sie merkte an: „Es ist nicht zulässig, jemanden, der gegen das Gendern ist, böse Triebe zu unterstellen.“

Bernd Ringle (Linke) sagte, er erkenne in dem Antrag der CDU Anzeichen von „Wutbürgertum“. Es gebe wichtigere Themen jetzt, vier Monate vor der Bundestagswahl. „Sie haben sich für das Gendern entschieden. Das müssen Sie aushalten. Das müssen wir aushalten.“ Er warf der CDU vor: „Sie spalten das Land!“

Patrick Lang (FWG) sagte, er sei auch gegen die Forderung der CDU; er wollte zudem von der Verwaltung wissen, wie stark sie auf das Gendern setze, wie oft Sternchen und Co. zum Einsatz kommen. „Wir haben keine systematische Analyse gemacht“, sagte Wosnitza. Aber genau deshalb werde jetzt „eine klare Linie angestrebt“.