Zivilcourage mangelhaft

Einer auf der Straße gestürzten Seniorin zu Hilfe eilen – das hat in Zweibrücken am 21. Juli lediglich ein junger Mann gemacht, während mehrere Autofahrer nur schimpften, hupten und vorbeifuhren.

Eine hilflose Seniorin liegt mitten auf einer viel befahrenen Hauptstraße, es bildet sich ein Stau von fünf, sechs Autos. Niemand steigt aus, um zu helfen. Stattdessen wird gehupt, was das Zeug hält, geflucht, um die hilfsbedürftige Dame herumgefahren. Eine traurige Szene, wie sie sich am 21. Juli gegen 20 Uhr in der Landauer Straße in Zweibrücken jüngst abgespielt hat.

Mehr als ein Zeuge war dabei der 34-jährige Carsten Jähnel, der als einziger der Frau zur Hilfe eilte. Diese wollte mit ihrem Rollator die Straße in Höhe der Autowerkstatt überqueren und stürzte. Jähnel schildert, dass er dort auf dem Heimweg von seinem Fitnessstudio auf den Stau aufgefahren und ausgestiegen sei, um zu sehen, was dort los ist. Eine Frau im Auto unmittelbar bei der Dame habe er gefragt, warum sie nicht helfe. Jähnel: "Die Antwort war: ‚Wissen Sie eigentlich, wie heiß es da draußen ist?‘"Da niemand mit anpackte, habe er alleine der 89-jährigen Seniorin auf die Beine und von der Straße geholfen. Die erste Reaktion der Dame sei gewesen: "Wollen Sie mich beklauen?" schildert Jähnel, der ihr als vertrauensbildende Maßnahme die Handtasche und seinen Autoschlüssel in die Hand gedrückt habe, während er den Rollator von der Straße räumte. Derweil sei ein Mann aus einem der gestauten Autos ausgestiegen und habe zu ihm herübergeschrien, ob er "noch lange mit der Frau rummachen wolle, er sei in Eile", was Jähnel barsch gekontert habe. Während das Hupkonzert schließlich endete und die Wagen anrollten, - um sein noch in der Reihe stehendes einen Bogen machend - habe er die verwirrte und weinende Dame zu beruhigen versucht und angeboten, sie nach Hause zu fahren.

Weil sie nicht mehr gut gehen konnte, habe er sie zu seinem Auto getragen. Danach seien sie zu einer Freundin der Frau gefahren - auf dem Weg zu ihr war der Unfall passiert. "Die Frau wollte mir für meine Hilfe sogar Geld geben", sagt Hähnel, was er abgelehnt habe. Wie sich herausstellte, war sie von einem Seniorenheim zu der Freundin aufgebrochen. Dort habe er sie am Folgetag auch besucht, aber sie habe geschlafen. Ein neuerlicher Besuch sei geplant.

Noch am gleichen Abend hatte Jähnel im sozialen Netzwerk Facebook seinem Unmut Luft gemacht und viel Zuspruch geerntet. "Am meisten ärgert mich dieser reine Egoismus der Leute, die nicht helfen, weil sie angeblich keine Zeit haben. Das trifft bei mir absolut auf Unverständnis. Es muss ja niemand ein Helfersyndrom haben, aber man kann in dem Fall den Notruf wählen oder der Polizei Bescheid geben, die ja direkt dort ihr Gebäude hat", so Jähnel. Er selbst hat bessere Erfahrungen gemacht. Vor zwei Jahren sei er im Winterurlaub nachts auf dem Gehweg ausgerutscht und hatte sich bei dem Sturz die Wirbelsäule angebrochen. Ein Betrunkener habe ihn damals gegen vier Uhr nachts gefunden und glücklicherweise nicht weggeschaut, sondern geholfen. Er habe im Koma gelegen, schließlich zeitweise querschnittsgelähmt im Rollstuhl gesessen. In der Zeit sei er auf das Hobby Fotografie gekommen, habe sich eine Digitalkamera im Internet bestellt und zunächst Leute auf der Straße fotografiert, weil er im Rollstuhl gerade so aus dem Fenster schauen konnte. Daraus erwuchs seine Firma CH Photodesign. Nach mehreren Operationen und Reha kann er inzwischen wieder laufen, den Dillinger Firmenlauf habe er dieses Jahr unter einer halben Stunde geschafft. Um die Rückenmuskulatur seiner Wirbelsäule zu erhalten, muss er aber vier- bis fünfmal die Woche im Fitnessstudio trainieren. Dieses befindet sich nur wenige Meter entfernt von dem Ort, wo die Seniorin auf die Straße fiel. Gewissermaßen habe sich da ein Kreis geschlossen, sagt Jähnel.