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Zaun an Unterkunft sorgt für Gesprächsstoff

Zaun an Unterkunft sorgt für Gesprächsstoff

Jürgen Buchholz, Leiter des Flüchtlingsheims in Zweibrücken, will Unruhen in der Einrichtung vermeiden. Die Privatsphäre dort sei „schon jetzt sehr reduziert“. Der Zaun an der Einrichtung sorgte für Diskussionen.

Die Erstaufnahme-Einrichtung für Flüchtlinge im ehemaligen Terminal des Zweibrücker Flughafens beschäftigt die Menschen in Stadt und Land. Rund 500 Besucher wurden am Montagabend während der Bürgerversammlung in der Zweibrücker Festhalle gezählt (wir berichteten gestern bereits ausführlich). Diese hatten viele Fragen an Kommunalpolitiker und Vertreter der Landesregierung parat. Stadtratsmitglied Dirk Schneider erklärte beispielsweise, er sei entsetzt, dass die Flüchtlinge in Zweibrücken mit einem Zaun abgeschirmt werden. "In Trier oder Lebach ist alles offen. Ich hoffe, dass nicht auch noch Zäune um das Hotel kommen", so Schneider. So soll im Apparthotel im November eine zweite Unterkunft entstehen.

"Die Privatsphäre ist schon jetzt sehr reduziert", sagte der Leiter der Einrichtung, Jürgen Buchholz. Deshalb sei es nötig, weitere Unruhen zu vermeiden. Er erinnerte daran, dass die Bewohner dramatische Fluchtereignisse verarbeiten müssten und ein Viertel der Flüchtlinge noch Kinder seien, die meisten im Alter unter zehn Jahren. Für diese seien Schutzzonen besonders wichtig. Selbstverständlich werde es künftig vor Ort aber auch Möglichkeiten zur Begegnung geben. Gertrud Schanne-Raab wollte wissen, was in der Pfalz für traumatisierte Flüchtlinge getan wird. Die Mainzer Integrations-Staatssekretärin Margit Gottstein informierte, dasss es für diese ein Angebot in Ludwigshafen gebe. Sie räumte aber ein, dass dies "nicht abschließend den Bedarf decke".

Beifall brandete bei dem Redebeitrag von Rita Folz auf, die darauf hinwies, dass hinter jedem Flüchtlingsschicksal ein Mensch stecke: "Warum begegnen wir nicht jedem Einzelnen mit einen freundlichen Lächeln und behandeln ihn als Geschöpf Gottes." Sie reagierte damit auf die Frage, was die Zweibrücker für die Flüchtlinge tun könnten. "Das ist der erste Ansatz", pflichtete ihr Anke Marzi vom Deutschen Roten Kreuz bei.

Weitere Möglichkeiten seien Kleiderspenden oder freiwillige Mitarbeit bei der Kinderbetreuung oder beim Sprachunterricht . Marzi bat noch einmal um Verständnis, dass zwei Wochen benötigt würden, um den Alltag in der Einrichtung strukturieren zu können.

Oberbürgermeister Kurt Pirmann wies darauf hin, dass bei den Spenden derzeit natürlich Wintersachen gefragt seien: "Da mag das Sommer-T-Shirt noch so schön sein." Unter den Flüchtlingen sind auch Jugendliche, die ohne Eltern beziehungsweise Sorgeberechtigte nach Deutschland geflüchtet sind. "Im Moment sind es drei", sagt Stadtsprecher Heinz Braun auf Nachfrage. Zurzeit sind die Jugendlichen in der Aufnahmeeinrichtung in der Flughafenhalle. Bis Ende des Jahres könnten es bis zu 20 werden, schätzt Braun. Für diese Jugendlichen sucht das Zweibrücker Jugendamt als Vormund Gastfamilien.

Auch wenn die Jugendlichen zumeist bereits sehr selbständig sind, benötigen sie Unterstützung bei der Integration, dem schnellen Zurechtfinden in der neuen Umgebung und eine "familiäre Atmosphäre", sagt Braun. Diese könne ihnen eine Jugendhilfeeinrichtung nicht bieten. "Das können am besten Gastfamilien." Deshalb möchte das Jugendamt den Jugendlichen die Aufnahme in einer Familie ermöglichen. Wie der Stadtsprecher sagt, erhält die Stadt nach einer Vereinbarung dafür auch einen Zuschuss vom Land.

Die Gastfamilien müssen eng mit dem Jugendamt zusammenarbeiten. Die Familien werden vom Pflegekinderdienst des Jugendamtes betreut und beraten. Als Gastfamilien braucht man eine offene Einstellung und einen sensiblen Umgang mit fremden Kulturen, Sprachen, Religionen und Gebräuche sowie geeignete Räumlichkeiten. Wer Jugendliche aufnehmen möchte, muss auch ein erweitertes Führungszeugnis vorweisen können. Das kostet 13 Euro.

Bei der Informationsveranstaltung zur Aufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge (siehe auch obigen Bericht) war danach gefragt worden, ob die Gebühren in der Situation erlassen werden können.

Oberbürgermeister Kurt Pirmann hat angekündigt, dafür eine Lösung zu finden. "Die Stadt und die Verbandsgemeinde Zweibrücken-Land verzichten auf die Gebühr", sagt Braun.

Weitere Informationen zum Thema Gastfamilien gibt es beim Zweibrücker Jugendamt, Sabine Haupenthal, (0 63 32) 871 594, oder Christina Schulz, (0 63 32) 871 558.

Meinung:

Kritik angebracht, Hetze nicht

Der Zaun ums Flughafenareal soll nicht die Flüchtlinge drinnen, sondern ungebetene Besucher draußen halten. Foto: jam Foto: jam

Von Merkur-RedakteurGerrit Dauelsberg

Um es vorab ganz deutlich zu sagen: Die "Hungerstreik"-Aktion der Flüchtlinge in Zweibrücken ist sehr unglücklich. Sie trägt nichts zur Lösung der Probleme bei und ist im Gegenteil kontraproduktiv. Die Menschen, die aus Krisengebieten nach Deutschland kommen, genießen bei uns Schutz. Zahlreiche Ehrenamtliche setzen sich für sie ein, auch die Behörden tun ihr möglichstes. Dass dabei nicht alles rund läuft, dass die Verfahren viel zu lange dauern, bestreitet niemand. Dennoch sollten die Flüchtlinge das Bemühen und die Gastfreundschaft anerkennen und sich auch wie Gäste benehmen. Den "Hungerstreik" kann man deshalb durchaus als respektlos betrachten. Das allerdings rechtfertigt noch lange nicht den Hass, der gestern nach unserem Bericht über den "Hungerstreik" vor allem bei Facebook kübelweise über die Flüchtlinge ausgeschüttet wurde. Das war zum Teil übelste Hetze.

Niemand ist vor Fehlern gefeit, auch Flüchtlinge nicht. Zumal man sich einmal in die Lage dieser Menschen versetzen sollte: Sie sind gerade einem schrecklichen Bürgerkrieg entkommen, sind traumatisiert und hausen nun fern der Heimat mit 500 anderen Menschen in einer Abflughalle. Ohne Privatsphäre . Ohne die Gewissheit, wie es mit ihnen weitergeht. Wissen wir von uns mit Sicherheit, dass wir uns in dieser Situation immer korrekt verhalten würden? Zumal die Motive der Streikenden ja ehrbar sind: Sie wollen arbeiten, sich einbringen, Geld verdienen und eben nicht mehr auf Kosten der deutschen Gesellschaft leben. Wir sollten ihnen dabei helfen.