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Wolfgang Ohler beendet literarische Karriere

Lesung am Freitag : Krimineller Abschied

Mit „Ruhe sanft, Mr. Marlowe“ beendet Wolfgang Ohler sein literarisches Wirken.

„Dieses Buch ist eigentlich ein Versehen“, sagt Wolfgang Ohler über sein neuestes Werk. Zweibrückens wohl bekanntester Autor und Verleger will endgültig die Schreibfeder aus der Hand legen. Mit der Herausgabe „Ruhe sanft, Mr. Marlowe“ – Mein großes Krimi-Lesebuch“ beschließt der 78-jährige Literat nicht nur sein schriftstellerisches Wirken, sondern auch das Jubiläumsjahr des 1981 gegründeten Echo-Verlags, den er zusammen mit seinem Schriftsteller-Kollegen Michael Dillinger betreibt.

„25 ist eine gute Zahl, um aufzuhören“, hatte er sich beim Durchzählen seiner in den vergangenen über 30 Jahren erschienenen, selbstständigen Bücher gedacht. Allerdings hatte er sich dabei verzählt, so dass mit der Krimi-Sammlung jetzt Nummer 26 erschienen ist. Doch ein „Neuanfang“? Wolfgang Ohler winkt ab. „Alles hat seine Zeit. Und es gibt Wichtigeres im Leben, als Bücher zu schreiben.“ „Mal eine Kurzgeschichte oder einen Kalender – vielleicht“, will er die Hoffnung seiner Fans allerdings nicht gleich sterben lassen.

Wobei wir mitten im Thema sind, denn natürlich wird in „Ruhe sanft, Mr. Marlowe!“ nach Herzenslust erstickt, erschossen, erschlagen, vergiftet oder gemeuchelt und entsprechend auch gestorben. Die Krimi-Sammlung ist ein „Best-of“ mit 24 bereits veröffentlichter Kriminal-Erzählungen sowie zwölf ganz neuen Geschichten.

Drei von ihnen hat Wolfgang Ohler seinem kriminalliterarischen Vorbild, dem US-amerikanischen (Krimi-)schriftsteller Raymond Chandler (1888-1959), gewidmet. Dieser verstehe sich auf den Jargon der Kriminellen: „Er schreibt in einer Sprache, die sehr gut zum kriminellen Millieu passt,“ bewundert der Zweibrücker. Von ihm übernimmt er die Figur des melancholischen und letztlich moralischen Privatdetektivs Philip Marlowe und macht typische Wolfgang-Ohlers daraus.

Während die Titelgeschichte oder „Schandlers Traum“, so wie alle Werke in dem ersten Kapitel unter dem Titel „Marlowe“ reine Fiktionien sind, sieht das in Teil II „Der freundliche Richter“ ganz anders aus. Hier verarbeitet der langjährige Strafrichter am Zweibrücker OLG in „Forensischen Krimis“ phantasievoll, mit seinem typischen Humor und Sprachwitz, persönliche Erlebnisse aus 28 Jahren Urteilssprechung im Namen des Volkes.

So kommt er auch auf die beeindruckende Anzahl von insgesamt rund 1500 Kriminalgeschichten, darunter lediglich rund 50 fiktive und die weitaus größere Mehrheit in seiner Rolle als Richter. „Der Schriftsteller erzählt Geschichten, der Richter auch“, sucht Wolfgang Ohler in seinem Epilog die Erklärung, weshalb nicht nur er, sondern auch viele seiner Kollegen als Kimi-Autoren wirken. Denn auch die Wahrheit, die ein Richter aus den zusammen getragenen Indizien und Beweise konstruiere, sei letztlich e i n e  Geschichte unter einer Vielzahl von Möglichkeiten.

Seine philosophischen Betrachtungen wirken wie eine persönliche Aufarbeitung seines Richterlebens. Nicht zuletzt wird sein Alter-Ego, der Strafrichter Wolf, in „der nette Richter“ (Ausschnitt aus seinem Kriminalroman „Hin geht die Zeit, her kommt der Tod“) gehetzt und bedroht, um sich so zu fühlen, wie der von ihm Verurteilte während der langwierigen Gerichtsverhandlung. Dass es formaljuristisch nicht immer eine Lösung gibt, offenbart „Der kurze Tod“. Während in „Das letzte Wort“ die Angeklagte selbst dem Richter die wirkliche Geschichte hinter ihrer Tat erzählt, erinnert sich am Ende seines Epilogs Wolfgang Ohler an eine Prozesserfahrung als junger Richter am Amtsgericht. Da gab der Angeklagte am Ende zu: „Ich nehme das Urteil an, Herr Vorsitzender. Ihre Geschichte ist besser, als meine Geschichte.“ In Ihrem Vorwort „Marlowe vs. Marple“ zeigt Monika Geier hingegen auf, dass „jeder Richter sich irgendwann wie Marlowe fühlt“.

In Teil III, überschrieben mit „Corpus delicti“, hat Wolfgang Ohler mit außergewöhnlichen Erzählformen ein „Sammelsurium verschiedener Genres“ zusammen getragen: Short-Story, Erzählung, kriminalistisches Hörspiel, Sketche im Dialog, Songtexte für die 2nd-Bridge-Blues-Band und sogar Kriminallyrik. Ein Gedicht widmete er etwa dem „Tatort“ am Sonntagabend im TV.

Auf exakt 400 Seiten wird gemordet und verfolgt, aufgeklärt, gestanden, geleugnet und verurteilt. Die Tatorte wählt der Zweibrücker Geschichtenerzähler vorwiegend ganz in der Nähe, doch auch mal in Weltstädten wie Berlin, Paris, New York, an der berühmten Route 66 oder an der Roaring Water Bay (Irland). Das anthrazitfarbene Cover mit der weißen Schrift lässt sich so deuten: Es gibt kein krasses Schwarz-Weiß: In jedem Schwarz ist bereits aufhellendes Weiß vorhanden.

 „Ruhe sanft, Mr. Marlowe“, Text Wolfgang Ohler, Zeichnungen: Andrew Amondson (Berlin). Echo-Verlag 2021, Paperback, 400 Seiten, Preis: 17 Euro, ISBN 978 3 924255 39 8. Zu bestellen bei Wolfgang Ohler, wird (auf Wunsch auch mit Widmung) portofrei zugestellt. Wer zwei Bücher bestellt, erhält gratis zusätzlich ein weiteres Buch aus der Echo-Verlags-Edition.