Norman Ohler über „High Hitler“ : Wie Guido Knopp auf Speed

Norman Ohlers erstes Sachbuch „Der totale Rausch“ ist eine stark verengende, aber innerhalb der Verengung teilweise überzeugende Darstellung des Drogen-Einflusses auf die Wehrmachtssoldaten sowie Adolf Hitlers als Drogensüchtigem.

Norman Ohlers neues Buch erweitert das Bewusstsein. Das Bewusstsein über die Rolle von Drogen im Zweiten Weltkrieg, das Bewusstsein über den Drogenmissbrauch Adolf Hitlers, über den bis heute der Mythos weit verbreitet ist, er habe – bei aller Unmenschlichkeit - als Vegetarier und Abstinenzler zumindest gesund gelebt.

Einen wasserdichten Beweis, dass Hitler drogenabhängig war, erbringt Ohler in "Der totale Rausch – Drogen im Dritten Reich" eingestandenermaßen zwar nicht - belegt aber nach Recherchen in Archiven den täglichen Medikamentenmissbrauch des "Führers" ab Herbst 1941 und vor allem ab 1944 – von Vitaminspritzen über dubiose Hormonpräparate aus Tier(!)-Abfällen bis hin zum Aufputschmittel Pervitin, dem harten und euphorisierenden Betäubungsmittel Eukodal und Kokain als Medizin. Ein massenhafter Missbrauch, der auch dann nicht folgenlos geblieben sein kann, wenn das häufige "X" in den Aufzeichnungen von Hitlers Leibarzt Theo Morell tatsächlich wie von diesem notiert nur für Traubenzucker steht – und nicht, wie Ohler durchaus überzeugend spekuliert, für Eukodal. Wobei, abgesehen von der "X"-Interpretation, Ohler kaum Neues vermittelt gegenüber "Die geheimen Tagebücher des Dr. Morell" des bekannten Historikers David Irving (dieses Buch von 1983 ignoriert Ohler).

Pervitin (Methamphetamin, heute bekannt als Crystal Meth), widmet Ohler ein eigenes Kapitel: Die den Wehrmachts-Soldaten millionenfach verabreichte Wachmacher-Pille habe den Blitzkrieg-Erfolg 1940 im Westen ermöglich. Der in Zweibrücken aufgewachsene 45-Jährige berichtet auch über Pervitin-Missbrauch bei Soldaten in seiner Heimatstadt.

All das vermittelt Ohler fesselnd und sprachlich brillant - ihm kommt zugute, dass er eigentlich Schriftsteller ist (schon in seinen Romanen waren Drogen Thema). Eine solche Herangehensweise an die Geschichte kann man mögen oder nicht, so wie man den ähnlich populär agierenden TV-Historiker Guido Knopp mögen kann oder nicht. Wobei seriöse Historiker Ohler noch deutlich weniger schätzen dürften als Knopp. Denn Norman Ohler schreibt wie Guido Knopp auf Speed, stellenweise geht der Roman-Autor mit ihm durch: "Hitler legte die linke Hand auf das Koppelschloss und atmete geräuschvoll aus, rundete seine Schultern nach vorn und verzog die schmalen, eingekniffenen Lippen, was seinen Mund noch kleiner machte."

Leider gibt es ernsthaftere Probleme mit Ohlers Buch als solche romanhaften Passagen. Ohler scheint von seinem Stoff so berauscht, dass sich sein Blick verengt. Das betrifft sowohl die Pervitin-Rolle im Blitzkrieg als auch der Einfluss der Drogen auf Hitler und auf den Kriegsausgang. Beim Blitzkrieg macht Ohler zwar gut belegt deutlich, wie strategisch wichtig dreitägiger Schlafentzug für den Durchmarsch durch Belgien bis zur französischen Kanalküste war. Problematisch wird es aber, wenn er NS-Berichte über Guderians und Rommels Vorstürmen für bare Münze nimmt und den Mythos der "unbesiegbaren Wehrmacht " allein den Drogen zuschreibt anstatt der Propaganda - Belgien wurde auch im Ersten Weltkrieg überrannt, ohne Pervitin! Völlig fehlen bei Ohler einordnende Relativierungen. Er macht keine Aussagen zu medizinischen Einflüssen, unter denen die belgischen und französischen Soldaten standen (obwohl er an anderer Stelle selbst schreibt, dass schmerzstillende Drogen schon im deutsch-französischen Krieg 1870/71 "massenhaft" eingesetzt wurden, mit "entscheidendem Einfluss"). Zudem blendet Ohler durch die Drogen-Brille sämtliche anderen Faktoren aus, die zum Erfolg des Blitzkriegs beitrugen.

Bei Hitler geht Ohler sogar mit dem Abbruchhammer gegen seine eigene These vor. Nach seitenlangen Beschreibungen, wie Hitlers Dauer-Drogenrausch dessen Gehirn "irreversibel geschädigt" habe, mit schlimmen Folgen für die Kriegsstrategie sowie für die Juden, folgt am Ende des "High Hitler"-Kapitels eine überraschende Kehrtwende: Ohler schreibt nun, auch unter Drogen sei Hitler "ganz bei sich" gewesen: "Das war der wahre Hitler, und so war er auch früher schon gewesen. Denn seine Ansichten und Pläne, die Überschätzung der eigenen Bedeutung und das Verkennen des Gegners standen alle schon festgeschrieben in seiner 1925 veröffentlichten Programmschrift ,Mein Kampf'. Die Opioidsucht zementierte nur eine ohnehin bestehende Verhärtung (…) er blieb zurechnungsfähig bis zum Schluss. (…) Hitler blieb stets Herr seiner Sinne, wusste genau, was er tat, handelte kaltblütig und bei wachem Verstand." Diese Sätze wirken wie nachträglich eingefügt, als ob Ohler Angst vor der Wirkung seiner eigenen These hat.

Es bleibt aber Ohlers Verdienst, den Mythos der eisernen Willenskraft des Führers mit Verweis auf die größere Wirkung von Eukodal und Kokain zu zerstören. Ob der Krieg anders ausgegangen wäre, wenn der oberste Feldherr nicht mit Medikamenten zugedröhnt gewesen wäre, diese Frage könnte Historiker aufgrund Ohlers Recherchen noch beschäftigen.

Norman Ohler: "Der totale Rausch - Drogen im Dritten Reich", Verlag Kiepenheuer & Witsch, 19,99 Euro.