Vorbauen für den Pflegenotstand

Zweibrücken. Auf Zweibrücken und die Südwestpfalz kommt in den nächsten Jahren ein Pflegenotstand zu - allerdings weniger schlimm als in Ballungszentren. Zwar überaltert die Gesellschaft genauso schnell, doch ist es in wirtschaftlich schwächeren Regionen einfacher, Menschen für den Pflegeberuf zu gewinnen.

Zweibrücken. Es ist ein bedrohliches Szenario. Es gibt immer mehr Senioren, die immer älter werden, und damit immer mehr Pflegebedürftige. Gleichzeitig sinken die Geburtenzahlen stetig und damit auch die Zahl der Schulabgänger. Auf die Pflegebranche rollt ein Notstand zu, auch in Zweibrücken und der Südwestpfalz. "Diese demografische Veränderung fällt uns ja nicht erst jetzt auf. Darauf weisen wir seit Jahren hin", kritisiert Raphaël Baumann, Leiter der Pflegeeinrichtungen Wichern-Haus und Haus Bickenalb in Zweibrücken, die vom Landesverein für innere Mission in der Pfalz geführt werden. Mit "wir" verweist er jedoch auf seine Position als Vorsitzender der Landesgruppe Saarland der Bundesarbeitsgemeinschaft Leitender Pflegepersonen.Seiner Meinung nach hat die Politik in den vergangenen Jahren nicht genug getan, um das Problem zu lösen, bei ihren Schritten auch Fehler gemacht. "Soziale Berufe wurden schon immer schlecht bezahlt. Dass ein Mindestlohn eingeführt wurde, um die Ausbeutung von Pflegekräften zu unterbinden, ist gut. Aber 8,50 Euro pro Stunde im Westen ist zu wenig", sagt Baumann. Der Pflegerberuf sei ein hochwertiger Beruf, der hochwertig bezahlt werden sollte. Einen Fehler sieht er auch darin, dass das Einstiegsniveau für die Pflege-Ausbildung auf den Hauptschulabschluss abgesenkt wurde. "Die Anforderungen entsprechen aber nicht dem Hauptschulniveau. 30 Prozent der Azubis schaffen das erste halbe Jahr nicht", kritisiert er.

Auch hätten Bestrebungen, Arbeitslose im Pflegesektor ins Berufsleben zurückzubringen, zu einer Herabsetzung des Berufs geführt. "Es wird vermittelt, dass jeder diesen Job machen könnte. Aber das kann nicht jeder. Dafür braucht man hochqualifizierte Leute, sie müssen physisch und psychisch belastbar sein, flexibel sein, müssen Schichtdienst arbeiten und eine besondere Empathie mitbringen", skizziert Baumann die Anforderungen.

In der Region befasse sich seit geraumer Zeit eine Regionale Pflegekonferenz mit dem Thema. Auch der Runde Tisch Gesundheitswirtschaft Zweibrücken spreche darüber. Dabei lasse sich die bundesdeutsche Situation auf die Region übertragen. Allerdings sieht Baumann in der Südwestpfalz einen entscheidenden Vorteil: "Wir haben hier einen anderen Arbeitsmarkt als die Ballungszentren. Dort gibt es die Konkurrenz durch die Industrie, da wird um jeden Schulabgänger geworben. Und wer geht dann schon in die Pflege? Wir hier in Zweibrücken haben dagegen vergleichsweise viele Bewerber." Um dem Pflegermangel vorzubeugen, gebe es nur ein Mittel: ausbilden (siehe unten stehender Bericht). Was dem Pflegeheimleiter aber besonders am Herzen liegt, ist die Wertschätzung seiner Mitarbeiter. "Wenn ich sie schon nicht besser bezahlen kann, dann muss ich sie gut behandeln. Denn wem es nicht gefällt, der geht irgendwann. Und das können wir uns nicht leisten."

Zufrieden mit der Ausbildungssituation


Zweibrücken. Genügend Pflegenachwuchs hat Raphaël Baumann (Foto: pm/leh), Leiter der Pflegeeinreichtungen Wichern-Haus und Haus Bickenalb in Zweibrücken, derzeit. "Wir haben momentan 28 Auszubildende, das sind drei Mal so viele, wie wir eigentlich bräuchten. Und wir versuchen auch, sie im Anschluss an die Ausbildung zu halten", erklärt der Pflegeheimleiter. Ein Grund sei, dass auch unter seinen Mitarbeitern viele Ältere seien, die in den nächsten Jahren in den Ruhestand gehen. Dabei bemühe sich sein Haus sehr um Azubis, präsentiere sich auf Ausbildungsmessen, viele Bewerber fänden den Weg über Stellenangebote im Internet. "Wir bemühen uns aber auch um Menschen mittleren Alters", erklärt Baumann.

Als "sehr gut" bezeichnet Olga Freisdorfas die Lage im Awo-Pflegeheim am Rosengarten. Erst kürzlich seien drei Pflegekräfte eingestellt worden, berichtet die stellvertretende Direktorin. "Wir haben momentan neun Auszubildende und planen, im nächsten Jahr noch mehr einzustellen", sagt Freisdorfas. Da das Haus bereits jetzt zu 100 Prozent belegt und ein Ausbau oder Anbau nicht geplant sei, sehe sie für die nächsten Jahre keine Probleme. Anders sieht es hingegen in Mörsbach aus. "Der Markt ist leer. Es gibt nicht viele geeignete Mitarbeiter", stellt der Pflegedienstleiter des DRK-Gästehauses für Pflege in Mörsbach, Hans Prager, schon jetzt einen Engpass fest. "Ich weiß nicht, wie das dann erst in fünf Jahren aussieht." In Mörsbach sei derzeit die Mindestanzahl besetzt. Zuletzt suchte Prager ein Dreivierteljahr nach einer Mitarbeiterin. Zudem stellte Prager fest, dass die Pflegekräfte zunächst in Krankenhäuser nachfragten. In Mörsbach käme dann noch die ungünstige Verkehrsanbindung hinzu. uo/sf

Hintergrund

Bis zum Jahr 2030 wird die Zahl der Deutschen über 65 Jahre um 32,7 Prozent steigen, von 16,8 auf 22,3 Millionen, wie aus Zahlen des Statistischen Bundesamtes hervorgeht. Mehr als drei Millionen Menschen werden dann in 20 Jahren pflegebedürftig sein, während laut Statistischem Amt bereits in 15 Jahren rund 152 000 Pflegekräfte in Deutschland fehlen werden. In Rheinland-Pfalz steigt die Zahl der Pflegebedürftigen von 129 000 (2010) auf 149 000 (2030), in Gesamt-Deutschland von 2,9 Millionen (2010) auf 3,371 Millionen (2030).uo