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Von 1939 bis 1940 mussten rund 600 000 Menschen aus der Pfalz evakuiert werden

Viele Zweibrücker waren zwischen 1939 und 1940 evakuiert : Fort von daheim – fremd in Franken

Von 1939 bis 1940 mussten rund 600 000 Menschen aus der Pfalz den Kriegsvorbereitungen weichen. Rund 25 000 aus der Region Zweibrücken kamen nach Oberfranken. Sie blieben ein Jahr. Beim folgenden Artikel, der kürzlich in der „Frankenpost“ erschienen ist, kommt der Zweibrücker Werner Euskirchen als Experte zu Wort.

Man stelle sich vor: Der Staat befiehlt, jeder Oberfranke habe innerhalb von drei Stunden das Nötigste zusammenzupacken und sich mit seiner Familie am Bahnhof einzufinden zur Abfahrt in eine ungewisse Zukunft. Für uns, die wir seit 75 Jahren in Frieden leben, klingt das geradezu unrealistisch. Für Flüchtlinge und Vertriebene aus den deutschen Ostgebieten wurde der Verlust der Heimat im Zweiten Weltkrieg schreckliche Realität. Aber schon 1939 bekamen Menschen in Westdeutschland einen Vorgeschmack davon. Rund 600 000 Pfälzer mussten damals der „Freimachung“ Folge leisten und Wagen und Züge besteigen, die sie weit weg von ihrer Heimat führten. In ihre Städte und Dörfer zogen Soldaten ein, die den Westwall, das rund 630 Kilometer lange militärische Verteidigungssystem entlang der Westgrenze des deutschen Reiches, verstärken und verteidigen sollten. Der Krieg mit Frankreich, so meinte man, stehe kurz bevor.

„Die Stimmung in Europa war Mitte 1939 äußerst gespannt“, erinnert Werner Euskirchen aus Zweibrücken. Als Vorsitzender der Paneuropa-Union Rheinland-Pfalz hat er kürzlich an den Paneuropa-Tagen teilgenommen, die in Hof, Waldsassen, Eger und Franzensbad stattfanden. Umso lieber, als er dabei Gelegenheit hatte, der Historie nachzuspüren. Seine Mutter und deren Schwester hatte es 1939 nach Warmensteinach verschlagen. In der Region Bayreuth/Hof landeten damals rund 25 000 Menschen aus Zweibrücken und dem Umland. „Meine Mutter hat oft von dieser Zeit erzählt“, sagt Euskirchen. „Freimachung“ nannte man diese Evakuierung, die einer Vertreibung ähnelte.

Der Bürgermeister von Zweibrücken gab den Befehl dazu am 28. August 1939. Wer innerhalb des zehn Kilometer breiten Grenzkorridors, der „roten Zone“ lebte, hatte in drei Stunden Marschverpflegung, Kleidung, wichtige Urkunden und das Allernötigste – nicht mehr als 15 Kilo pro Person – zusammenzupacken und sich am Bahnhof einzufinden.

Landbewohnern blieb nichts anderes übrig als ihre Felder und Höfe zu verlassen. Man ließ das Kleinvieh frei, trieb Kühe und Pferde zusammen. Mit 99 Gespannen brachen rund 1000 Landleute von den Sammelplätzen auf in eine ungewisse Zukunft. Keiner kannte das genaue Ziel oder den Tag der Rückkehr. Über Kaiserslautern ging es den Rhein abwärts Richtung Hessen und Franken. Einige setzten sich ab oder wurden zum Arbeitseinsatz gebraucht. Nach 20 Tagen trafen 66 Wagen mit rund 200 Personen in Bayreuth ein. Zusammen mit den Zugreisenden hielten sich zeitweise 30 000 Evakuierte in der Wagnerstadt auf – bei einer Einwohnerzahl von 50 000.

Die Menschen wurden über die gesamte Region bis Hof und Coburg verteilt, auch nach Thüringen und in die Oberpfalz. In Hof war eine Verwaltungsstelle aufgebaut worden, die sich in Zusammenarbeit mit den hiesigen Beamten um die Evakuierten kümmerte. AOK und Stadtsparkasse richteten Anlaufstellen ein.

Der Staat ließ sich die Sache etwas kosten. Die Evakuierten erhielten Unterkunft – wenn auch oft nur ein Zimmer für die zum Teil kinderreichen Familien. Sie wurden verpflegt oder erhielten Kochgelegenheit, mussten den Gastgebern dafür aber eine Reichsmark pro Tag bezahlen. Die Stadt Hof zahlte den „Gästen“, wie sie offiziell genannt wurden, pro Erwachsenem 50 Reichsmark im Monat aus, für Kinder gab es 30 beziehungsweise 21 Reichsmark. Es bildeten sich Jugendgruppen, Frauenschaften kümmerten sich um werdende Mütter, stellten Nähmaschinen zur Verfügung. Ein evakuierter Geistlicher versorgte seine Schäflein, indem er mit dem Fahrrad von einem Ort zum anderen fuhr. Es gab sogar eine extra Zeitung für die Evakuierten aus dem Raum Zweibrücken.

So manches geht aus den Unterlagen hervor, die Werner Euskirchen im Hofer Stadtarchiv einsehen konnte. Da seinerzeit alles „in deutscher Gründlichkeit“ schriftlich festgehalten wurde, kann man heute noch davon erfahren, auch wenn die Erinnerungen schwinden. „Im Krieg wurde Zweibrücken stark bombardiert, sodass die Unterlagen weitgehend vernichtet sind“, bedauert Euskirchen.

Zum Glück gebe es den Zweibrücker Heimatforscher Helmut Lauer, der Urkunden, Fotos, Augenzeugenberichte und vieles mehr schriftlich festhielt. „Nix wie hem“ lautet der Titel des Heftes, in dem es um die „Freimachung“ und den Aufenthalt in Franken geht.

Auch wenn die „Gäste“ in der Bevölkerung auf Verständnis stießen, Arbeitskräfte willkommen waren und sich auch Freundschaften, sogar Ehen, entwickelten, kann man sich gut vorstellen, dass es auch Ärger gab. Viele Einheimische hatten selbst wenig und mussten jetzt noch Platz machen. Von „Zigeunervolk“ und „Stockfranzosen“ war die Rede. Dazu kam, dass niemand wusste, wie lange die Evakuierten blieben. Diese wiederum zog es sehnlichst nach Hause. Aber der Krieg mit Frankreich ließ auf sich warten. Zunächst einmal griff Deutschland im September 1939 Polen an und besetzte es – nach Aufteilung mit der Sowjetrepublik.

Für die evakuierten Pfälzer bedeutete das: Sie mussten den Winter in Franken verbringen. Es fehlte aber an warmer Kleidung und vielem mehr. So fuhren einige durch die Polizei begleitete Sonderzüge nach Zweibrücken, um Winterkleidung, warme Bettwäsche, Lebensmittel und anderes zu holen. Den ausgewählten Mitreisenden war nicht erlaubt, sich länger aufzuhalten. Sie berichteten bei der Rückkehr davon, dass die Stadt wie ausgestorben sei. Die Soldaten hatten die Felder notdürftig bestellt, um ihre eigene Verpflegung zu sichern.

Die Partei organisierte Weihnachtsfeiern in Franken für die Evakuierten. Aus Zweibrücken hatte man einen Weihnachtsbaum geholt. Das Heimweh war groß. Am 10. Mai 1940 marschierten deutsche Soldaten in Frankreich ein unter Umgehung der Maginot-Linie. Am 14. Juni erreichten sie Paris. Nach dem erfolgreichen Westfeldzug kam es am 22. Juni 1940 zum Waffenstillstand mit Frankreich.

Nun war auch für die Evakuierten kein Halten mehr. Alle wollten „nix wie hem“. Doch in den Städten und Gemeinden musste erst Ordnung geschaffen werden. Es galt, die Verwaltung neu anzusiedeln, Minenfelder zu beseitigen, Wasserrohre zu erneuern, Stromleitungen auszubessern, Straßen zu säubern und die Läden zu füllen. Zuerst wurden Beamte, Händler und Handwerker nach Hause geschickt, um alles vorzubereiten. Am 18. Juli 1940 traf der erste von 21 Sonderzügen aus dem Frankenland in Zweibrücken ein. Die Heimkehrer wurden jubelnd empfangen. Erst am 1. Oktober war die Rückführung aller Evakuierten abgeschlossen.

Es folgte übrigens eine zweite Evakuierung von Oktober bis Weihnachten 1944, da die kriegerischen Auseinandersetzungen immer heftiger wurden. Diese vollzog sich im vorherrschenden kriegerischen Durcheinander allerdings völlig ungeordnet. Einige Bewohner gingen noch einmal freiwillig fort, aber viele blieben daheim und erduldeten ihr Kriegsschicksal. Zweibrücken erlebte eine zerstörerische Bombennacht am 14. März 1945.

Werner Euskirchen, von Beruf Jurist und in Zweibrücken bekannt für seine Beiträge im Bürgerfernsehen „Offener Kanal“ sowie für seine historischen Stadtführungen per Pferdekutsche, ist überzeugter Europäer. Ereignisse wie die „Freimachung“ sollten seiner Ansicht nach nicht vergessen werden, wie überhaupt Geschichte wieder mehr in den Fokus der jungen Generation gerückt werden sollte, die in Frieden und Demokratie aufgewachsen ist.