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Vom ewigen Fest der Liebe oder: Der Messias ist tot, es lebe das Christkind!

Vom ewigen Fest der Liebe oder: Der Messias ist tot, es lebe das Christkind!

Heiliger Abend im Jahr 2008! Bis heute, quasi auf den letzten Drücker, rollt die Flut der weihnachtlichen Grußadressen. Karten und Briefe, die verschickt wurden und die einen erreicht haben. Persönliche oder eher allgemein gehaltene Ansprachen auf kunstvoll gestalteten Umschlägen, natürlich auch elektronische Post, die schier unüberblickbare Welle der Mails

Heiliger Abend im Jahr 2008! Bis heute, quasi auf den letzten Drücker, rollt die Flut der weihnachtlichen Grußadressen. Karten und Briefe, die verschickt wurden und die einen erreicht haben. Persönliche oder eher allgemein gehaltene Ansprachen auf kunstvoll gestalteten Umschlägen, natürlich auch elektronische Post, die schier unüberblickbare Welle der Mails. Was sagen einem andere? Was sagen wir anderen? Sinnvolles? Sinnloses? Botschaften, die eine Botschaft enthalten? Oder Botschaften, die nur als leere Worthülsen in Erinnerung bleiben? Natürlich gehen uns allen viele hochgeistige Gedanken durch den Kopf. Gerade jetzt, da es schick ist und angezeigt, Weihnachten in den Mittelpunkt unseres Denkens zu rücken. Dieses Zitat oder jene Botschaft. Manches bleibt hängen, manches ist es wert, darüber nachzudenken, wenngleich die Lust sich auch mal in Grenzen hält, immer aufs Neue zu reflektieren, noch mehr zu reflektieren, sich also gedanklich damit zu beschäftigen. Wie wäre es mit einem Weihnachtsgruß, den ich in meinem elektronischen Briefkasten fand? Eher unscheinbar kam er daher, eigentlich eine Mail unter vielen. Eine aber, für die ich mich in besonderem Maße bedank(t)e. Bei Reiner Kerz, dem evangelischen Hochschulseelsorger hier bei uns in Zweibrücken. Die Botschaft, die er gesandt hatte, führte zu einem wechselseitigen Gedankenaustausch zwischen uns. Und sie rührt an. Wahrscheinlich nicht nur mich, weshalb ich sie mit seiner Erlaubnis an dieser Stelle veröffentlichen darf und möchte. Eine Geschichte ist das, die nicht wissenschaftlich verifiziert, aber dennoch auf ihre ganz eigene Weise wahr ist. Am Heiligen Abend im Jahr 2008! Josef, der Zimmermann machte sich einmal auf den Weg. Der Eine oder die Andere weiß vielleicht noch warum. Von Nazareth im Norden in Galiläa musste er in das kleine Bethlehem, das im südlichen Judäa liegt. Das ist der Ort, aus dem David stammt. Maria, seine Verlobte begleitete ihn. Sie erwartete ein Kind.Während des Aufenthalts in Bethlehem kam dann für sie die Zeit der Entbindung. Sie brachte einen Sohn zur Welt, ihren Erstgeborenen. Sie wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Futterkrippe im Stall. Die Eltern des neuen Erdenbürgers beschlossen, die Ankunft des Jesus auch gebührend zu feiern. Der Stall war bald angefüllt mit erlesenen Spirituosen, denn die Festgäste wollten ja ihren Teil zum Gelingen einer rauschenden Geburtstagsfeier beitragen. Auch schleppten sie aus dem nächsten Supermarkt ausgesuchte essbare Köstlichkeiten für den Gaumen herbei. Als das Fest bereits seit Tagen in vollem Gange war, da stellten sich auch drei weise Könige ein. VIPs gewissermaßen. Sie kamen aus fernen Landen und galten als außerordentlich klug. Deshalb war man froh, dass Leute wie sie die Unterhaltung beim Fest mit geistreichem Small Talk anregen würden. Als Geschenke für den Erlöser hatten sie unendlich viel dabei. Sogar ein guter alter Plastikpanzer und Zinnsoldaten, aber auch das eine oder andere Strategiespiel für des Erlösers Laptop und seine zukünftige Marktposition - nichts war vergessen worden. Well equipped, also bestens gerüstet, sollte der Start ins richtige Leben für den holden Knaben im lockigen Haar schon sein. Und man weiß ja nie, welche Verteidigungsstrategien man am besten von Kindesbeinen an einübt. Unterschiedliche Optionen zu haben - das ist immer gut. Der Herr St. Nikolaus brachte dann auch gesponserte Pampers zur persönlichen Sicherheit fürs "liebe Jesulein" und die Entlastung der jungen Mutter mit. Damit der junge Heiland auch gleich etwas von all den vielen Mitbringseln habe, baute man diese direkt über ihm in seiner Krippe auf. Die Feier hatte ihren Höhepunkt schon fast erreicht, als auch ein wichtiger Minister des Landes sich herabließ, den Menschensohn zwischen zwei anderen hochwichtigen Terminen wegen der Finanzkrise im Land kurz mit einer Stippvisite zu ehren. Er wollte ihn rasch unter all den Geschenken auf der Krippe freiwühlen und auch ihm - wie allen anderen Gästen - einen gehörigen Schluck von dem mitgebrachten und ausgezeichneten Hochprozentigen zukommen lassen. Da entdeckten die Gäste allerdings eher beiläufig, dass der Christus unter all den guten Gaben erstickt war. Deren Gewicht war einfach zu groß für den kleinen Körper gewesen. Die Gäste beschlossen - nachdem ihre anfängliche Betroffenheit sehr schnell vorüberging -, nun bloß keine Panik aufkommen zu lassen. Cool bleiben, das war ihre Devise. So ein Fest, das war doch perspektivisch gesehen sehr Erfolg versprechend und sollte schon bald seine Wiederholung haben. Und so ein Event, der stiftet doch Corporate Identity. Darin war man schnell einig. Also konservierten die Gäste das tote Kind kurzerhand, so dass es immer zur Hand sein könne, wenn die Nachfrage gegeben wäre. Die Eltern wurden erst gar nicht gefragt. Immer wenn man das Kind als Dekoration für irgendein Fest brauchen würde, ja, dann wollte man es aus der Abstellkammer holen. Und seither ist es fast so etwas wie ein Leitziel bei allen Beteiligten geworden: "Der Messias ist tot, es lebe das Christkind." In diesem Sinne frohe und besinnliche, vor allem friedvolle Weihnachten Michael Klein Chefredakteur