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Visionen zweier Genies: Blake malt Dante

Visionen zweier Genies: Blake malt Dante

Dantes „Göttliche Komödie“ gilt als das größte Werk italienischer Sprache. William Blake illustrierte diesen Geniestreich nicht minder visionär. Der Verlag Taschen versammelt die Zeichnungen in einem außergewöhnlichen Prachtband.

Wer als Politiker Visionen hat, sollte zum Arzt gehen, lautet ein geflügelter, unter Volksvertretern gerne gebrauchter Spruch. Für die Politik mag das stimmen. Für die Kunst trifft exakt das Gegenteil zu: Wer keine Visionen hat, sollte davon Abstand nehmen, einen großen Wurf zu wagen.

William Blake konnte es wagen. Der englische Maler, Mystiker und Dichter (1757 bis 1827), in tiefem Glauben erzogen, soll bereits als Kind Visionen von Engeln und Propheten gehabt haben, die er zu Papier brachte. Blake, den die Sklaverei anwiderte, der beseelt war von der Auffassung, dass alle Menschen gleich seien, dass sich niemand über andere stellen dürfe, war so außergewöhnlich begabt, dass er bereits mit zehn Jahren an einer der bedeutendsten Zeichenschulen Londons angemeldet wurde.

Ein Künstler mit außergewöhnlichem Talent. Und daher prädestiniert für eine außergewöhnliche Aufgabe, die große Visionen erforderte: die Illustration der Göttlichen Komödie von Dante Alighieri (1265-1321). Die Göttliche Komödie gilt als größtes literarisches Werk der italienischen Sprache (vollendet 1321) und Meisterwerk der Weltliteratur. Es beschreibt die Reise des Dichters durch Hölle und Fegefeuer in den Himmel, und auf einer übertragenen Ebene den symbolischen Weg der Seele zu Gott.

Blake verschrieb sich dieser Aufgabe mit Haut und Haaren. Sein Eifer ging so weit, dass er, bereits fast 70, noch italienisch studierte, um Dantes Jahrtausendwerk im Original lesen und tiefer in den Stoff eindringen zu können. Was Blake schließlich lieferte, ist ein großer Wurf, Dantes Genie ebenbürtig.

102 Illustrationen , die von Bleistiftskizzen bis hin zu fertigen Aquarellen reichen, schuf Blake. Es gelang ihm, die visionäre Kraft von Dantes Sprache in Bilder zu übersetzen und in ihrer ganzen Spannbreite darzustellen: von den Qualen der Hölle bis zur Glückseligkeit des Paradieses, von grausamen Verstümmelungen der Verdammten bis hin zur göttlichen Schönheit der Erlösten. Wenngleich Blake dem Text Dantes treu blieb, brachte er seine eigene Betrachtung zu zentralen Themen des Werkes ein.

Heute befinden sich Blakes Zeichnungen in sieben verschiedenen Institutionen. Der renomierte Verlag Taschen vereint sie nun. In dem prächtigen Bildband "William Blake - Die Zeichnungen zu Dantes Göttlicher Komödie " sind ihnen Schlüsselverse aus Dantes Werk zur Seite gestellt. Zwei Essays führen den Leser in das Werk von Dante und Blake ein.

Alle Illustrationen in dem XL-Prachtband werden ausführlich erläutert, die 14 Klapptafeln machen auch kleinste Details sichtbar. Diese Begegnung von zwei der größten Künstler aller Zeiten ist überwältigend und wird in so universellen Themen wie Liebe, Schuld, Sühne, Rache und Erlösung anschaulich. Ein Bildband, der immer wieder zur Hand genommen und studiert werden will. Ein Bildband, der zwei Genies vereint. Göttlich!

"William Blake - Die Zeichnungen zu Dantes Göttlicher Komödie ", erschienen bei Taschen, 324 Seiten, Preis: 99,99 Euro.