Femizid sei schlimmste von vielen Gewaltformen Kundgebung prangert tödliche Gewalt gegen Frauen an

Zweibrücken · Anlass der Versammlung auf dem Hallplatz war auch ein Fall vor wenige Wochen in Zweibrücken. Auch auf Hilfsangebote wurde aufmerksam gemacht.

Versammlungs-Veranstalterin Sabine Lohrum zündete auf dem Hallplatz eine Kerze zum Gedenken an die drei zuletzt in unserer Region getöteten Frauen an.

Versammlungs-Veranstalterin Sabine Lohrum zündete auf dem Hallplatz eine Kerze zum Gedenken an die drei zuletzt in unserer Region getöteten Frauen an.

Foto: Susanne Lilischkis

312 Frauen sind laut der aktuellsten Bundeskriminalamts-Statistik im Jahr 2022 in Deutschland Opfer von Mord oder Totschlag durch ihre Partner oder Ex-Partner geworden. Unter dem Motto „Nein zu Gewalt an Frauen – Femizide stoppen!“ fand am Samstag eine Kundgebung auf dem Hallplatz statt. Organisiert wurde sie vom Frauennotruf Zweibrücken und der Initiative gegen Gewalt an Frauen Saarpfalz sowie dem Pfälzischen Verein für soziale Rechtspflege. (Femizid ist ein Fachbegriff für Tötungsdelikte, die maßgeblich mit dem Geschlecht des Opfers zusammenhängen.)

Auf 118 Tafeln konnten die rund 50 Besucherinnen und Besucher die Schicksale der Frauen nachlesen. Da ist die 46-jährige Frau, die im Urlaub auf Fuerteventura von ihrem Ehemann getötet wurde. Das Paar hinterlässt drei Kinder. Oder die Tötung einer 33-jährigen Mutter aus Zweibrücken, deren Leiche Ende 2023 in einem Keller in Bubenhausen gefunden worden war und der getrennt von ihr lebende Ehemann unter dringendem Tatverdacht verhaftet worden war (der Prozess hat noch nicht begonnen, es gilt weiter die Unschuldsvermutung).

Sabine Lohrum, Initiatorin der Versammlung, war durch die Bemerkung einer argentinischen Freundin auf das Thema Femizide gestoßen worden. In dem südamerikanischen Land ist das Problem in der Öffentlichkeit sehr präsent. Ganz anders sei das bei uns. „In Zweibrücken wurde eine Frau getötet, weil sie eine Frau war und wir schweigen darüber. Es passiert vor unseren Augen und wir dürfen nicht wegsehen!“, warnte die Initiatorin eindringlich.

Gewalt gegen Frauen beginnt nicht erst bei einem körperlichen Angriff. Gewalt kann auch bedeuten, dass Frauen von ihren Partnern immer mehr isoliert werden, Demütigungen und soziale Kontrolle erfahren. Nicht zuletzt ist das Internet voll von frauenverachtenden Inhalten. „Gewalt beginnt mit einer Gesellschaft, die diese Gewalt akzeptiert“, ergänzte Rednerin Janina.

Birgit Kerner vom Frauennotruf Zweibrücken stellte klar, dass Gewalt an Frauen kein individuelles Lebensrisiko ist, sondern ein gesellschaftliches Problem und somit alle Menschen betreffen kann. Ganz wichtig ist es für sie, dass Menschen nicht wegsehen, wenn sie Frauen bemerken, die von Gewalt betroffen sind. „Wir sollten Hilfe anbieten und vermitteln, dass die betreffende Person nicht alleine ist. Jede Frau hat das Recht, sich Hilfe zu holen. Unterstützt die Frauen rechts und links von euch.“

In Deutschland finde gerade wieder eine Orientierung zurück zu traditionellen Familienbildern statt, kritisiert Birgit Kerner: „Eine Frau sollte die Wahl haben, sie soll vieles sein dürfen, nicht nur Mutter. Und wenn sie Mutter ist, soll sie sich nicht ständig verteidigen müssen, wie es ihren Kindern geht.“

Der Frauennotruf bietet ein niederschwelliges Angebot für Frauen, die von sexualisierter oder sonstiger Gewalt betroffen sind. Eine individuelle Beratung soll Frauen und Mädchen bei der Verarbeitung, Bewältigung und Heilung von Gewalterfahrungen begleiten. „Jede Frau, die zu uns kommt, entscheidet selbst, worüber sie reden möchte, was sie unternehmen will und wobei sie von uns unterstützt werden möchte. Wir nehmen erst Kontakt zu dritten Personen auf, nach vorheriger Absprache mit der Betroffenen“, erklärte Kerner. Zu ihr kommen auch zahlreiche Frauen, die vor vielen Jahren sexualisierte Gewalt erfahren haben, manchmal in der Kindheit. Auch ihnen bietet der Frauennotruf Hilfe an. Das nächstgelegene Frauenhaus ist in Pirmasens. „Frauen verrichten in der Regel einen Großteil der Care-Arbeit in der Familie“, erklärte Rednerin Janina, „sie begeben sich dann oft in eine wirtschaftliche Abhängigkeit vom Partner. Wenn Frauen aus einer gewaltvollen Partnerschaft aussteigen wollen, stellt sie das oft vor die Wahl Gewalt oder Armut.“ Die Frauen müssten auch für ihre Kinder mitentscheiden, wenn sie den Partner verlassen und in ein Frauenhaus ziehen möchten. Da die Frauenhäuser oft nicht in der gleichen Stadt liegen, werden auch die Kinder ihres sozialen Umfeldes beraubt. Und sind männliche Kinder älter, werden sie in manchen Frauenhäusern nicht aufgenommen. „Frauen können in einem reichen Land wie der Bundesrepublik kein gewaltfreies Leben führen“, war das Fazit von Janina.

Danach schloss sich eine Schweigeminute für die in unserer Region ermordeten Frauen an.

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