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Überleben in der Krise: Wie in Zweibrücken drei Selbständige im Lockdown kämpfen

Wie drei Selbständige im Lockdown kämpfen : Vom Überleben in der Krise

Für Selbständige ist die Corona-Pandemie eine besonders harte Zeit. Wir sprachen mit einem Fahrschullehrer, einer Friseurin und einem Gastronomen darüber, wie der Lockdown zum Kampf ums Überleben wird.

Vor einem Jahr war die Welt noch in Ordnung. Beziehungsweise, sie war nicht mehr in Ordnung. Aber das wusste zu dem Zeitpunkt kaum jemand.

Sicher, Anfang Februar 2020 kamen Meldungen auf, dass es in China einen offenbar neuen Erreger namens Corona geben würde. Und die Politik in Deutschland beriet mit anderen Ländern über ein mögliches Vorgehen, sollte sich das Virus tatsächlich ausbreiten.

Aber welcher normale Bürger kannte zu diesem Zeitpunkt schon einen Virologen namentlich? Wer konnte etwas mit Begriffen wie „Pandemie“ oder gar „Inzidenz“ anfangen?

Ein Jahr später, im Februar 2021, befindet sich Deutschland bereits im zweiten Lockdown. Seit nunmehr über drei Monaten. Viele Menschen sorgen sich um ihre Gesundheit. Und diese ist auch das höchste Gut. Aber direkt danach kommt etwas, was bislang als selbstverständlich galt: Seinem Beruf nachgehen zu können. Für sich und seine Lieben sorgen zu dürfen. Den alltäglichen Kampf bestreiten.

Im Lockdown ist vieles eingefroren. Und für viele Menschen hat der wirtschaftliche Existenzkampf begonnen. Selbständige hat es besonders hart getroffen. Der Merkur sprach mit dreien von ihnen.

Holger Linn ist Fahrschullehrer. Stolz sagt er: „Die Fahrschule Linn ist die älteste Fahrschule in Zweibrücken. Sie wurde 1963 gegründet – 14 Tage vor der Fahrschule Fochs.“ Linn betreibt ferner eine Fahrschule in Contwig. Er ist Einzelkämpfer, wie er sagt.

Eigentlich hatte er ehrgeizige Pläne. „Ich wollte erweitern“, sagt Linn. „Ich hatte zwei weitere Autos bestellt.“ Und zwar hochwertige, er wolle seinen Fahrschülern besondere Vehikel anbieten und sich damit von der Konkurrenz unterscheiden.  Er bestellte einen Beamer, kaufte weiteres Mobiliar für die Schulungs- und Büroräume.

Und nun: Frontalunfall.

In seiner Fahrschule stehen die Räder still. „Ich habe null Umsatz“, sagt Linn. Es gebe für ihn keine Konzepte, um Hilfe zu beantragen. „Meine einzige Überlebenschance ist es, einen Kredit zu beantragen. Der Dispo ist bereits ausgereizt.“

Linn kann es nicht begreifen. „Wenn ich Kurzarbeitergeld bekäme, 60 Prozent, so wie andere. Vielleicht 60 Prozent dessen, was ich in den letzten zehn Jahren im Durchschnitt verdient habe. Aber es gibt keine Hilfe.“

Er sei kein Bittsteller: „Meine Fahrschule ist gut gelaufen. Deswegen wollte ich ja auch vergrößern.“ Aber nun darf er nicht fahren. Obwohl er doch alles tat, was die Politik ihm auftrug: „Ich hatte ein Hygienekonzept erarbeitet. Fahrlehrer und Fahrschüler haben beide Masken getragen. Nach jeder Fahrstunde wurde das Auto desinfiziert. Im theoretischen Unterricht wurde darauf geachtet, dass der Abstand eingehalten wird. Was soll man denn noch machen?“

Bitter sagt Linn: „Die Leute, die das entscheiden, die haben jeden Monat ihr Geld. Die können sich gar nicht vorstellen, wie es uns geht.“

Der Unternehmer klagt: „Warum macht man die Geschäfte kaputt? Die allermeisten Toten oder Erkrankten gibt es doch in den Seniorenheimen.“ Er wolle die Gefahr von Corona nicht herunterreden, das Virus sei existent und gefährlich. Aber nicht für alle gleich. Er findet, die Politik müsste gezieler, quasi mit dem Skalpell, Eingriffe vornehmen, bestimmte Lebensbereiche stärker schützen, anderen mehr Freiheiten gewähren.

Freiheit – das ist es, was Christine Messerle immer besonders reizte. „Seit sieben Jahren bin ich selbständig. Ich habe mir meinen Traum erfüllt“, sagt die Dellfelderin. Andere Menschen hübsch machen, sie zu pflegen, das war schon als Kind ihre Vorstellung vom perfekten Beruf.

Sie arbeitet folgerichtig als mobile Friseurin, Kosmetikerin und Fußpflegerin. Alles war gut, Messerle ging in ihrer Tätigkeit auf.

Und nun steht sie vor einer Wand. „Als Friseurin und Kosmetikerin darf ich überhaupt nicht mehr arbeiten. Nur noch als Fußpflegerin ist es mir gestattet. Aber meine Haupteinnahmequelle waren die beiden anderen Dienstleistungen.“

Sie klagt, sie bekomme „vom Finanzamt keinen Cent Ausfall“. Grund: Messerle hat ein weiteres Standbein, sie arbeitet zusätzlich mehrere Stunden in einem Studio als Fußpflegerin. Das Finanzamt sage, das sei ihre Haupttätigkeit, deshalb gebe es keinen Ausfall.

„Ich fühle mich vom Staat im Regen stehen gelassen“, klagt sie. „Wenn ich unseren Wirtschaftsminister Altmaier höre. Nichts davon wird eingehalten. Wir Kleinen werden systematisch kaputtgemacht.“

Messerle wundert sich: „Die Politiker in den Talkshows haben stets einen akkuraten Haarschnitt. Ebenso die Fußballprofis. Komisch. Und ich darf nicht mehr als selbständige Friseurin arbeiten. Es ist ein Hohn.“ Der Wunsch der Dellfelderin: „Ich würde so gerne einmal mit einem Politiker über meine Nöte sprechen.“

Sie kritisiert, genauso wie Fahrschullehrer Linn: „Die Politiker haben jeden Monat ihr Geld. Sie können sich nicht in unsere Lage hineinversetzen.“

Die beiden Selbständigen Holger Linn und Christine Messerle beklagen, dass sie vom Staat keine Hilfe bekommen. Florian Jonitz ist diesbezüglich in einer komfortableren Lage. Auch er ist selbständig, gemeinsam mit Stefanie Hartmann und Steffen Porath führt er die neue Gaststätte „Joni’s“ am Hallplatz in Zweibrücken, Jonitz zeichnet als Geschäftsführer verantwortlch.

Anders als Linn oder Messerle habe man im Januar die „Novemberhilfe“ komplett erhalten und die Dezemberhilfe zur Hälfte, erklärt Jonitz. Der Januar sei noch unklar, vermutlich gebe es für diesen Monat vom Staat nur einen Fixkostenzuschuss. „Es ist alles schwierig, die ganzen verschiedenen Hilfen – für einen Laien ist das ziemlich intransparent“, stöhnt der Gastronom.

Jonitz und seine beiden Mitstreiter wussten im vergangenen Jahr gar nicht so recht, wie ihnen geschah. Kaum hatte das „Joni’s“ am 13. Mai frisch eröffnet, da war wenig später auch schon wieder Schicht.

„Gerademal fünfeinhalb Monate hatten wir auf, bevor der Lockdown im November kam. Und das Stadtfest, das für die Gastronomie ganz wichtig ist, war ja auch ausgefallen.“

Lieferservice so wie andere Gastronomen wollen die drei nicht anbieten. Das würde mit der staatlichen Unterstützung verrechnet und sei daher keine Hilfe. Aber ein Abholgeschäft bieten sie dann doch an. Mittags wird Essen in Schalen angeboten – vor allem für die Mitarbeiter der umliegenden Arztpraxen. „Wir machen das aber hauptsächlich, um im Gespräch zu bleiben, damit die Leute sich an uns erinnern.“

„Wir vermissen unsere Gäste“, sagt der Gastronom. Immer wieder einmal klopft ein Passant an eine der Scheiben – Jonitz winkt dann zurück. Und beide, Gast und Gastwirt hoffen dann sehnsüchtig auf bessere Zeiten.