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Stadt verteidigt Runenyoga-Kurs mit Hexe

Stadt verteidigt Runenyoga-Kurs mit Hexe

Zweibrücken. Ein Füllhorn medizinischer Wirkungen verspricht die Volkshochschule Zweibrücken den Teilnehmern ihres neuen Angebotes Runenyoga. "Durch die Übungen stärken Sie Ihr Immunsystem, Haltungsschäden verbessern sich, der Stoffwechsel wird harmonisiert, Konzentrationsfähigkeit wird gefördert", steht in der Kursbeschreibung

Zweibrücken. Ein Füllhorn medizinischer Wirkungen verspricht die Volkshochschule Zweibrücken den Teilnehmern ihres neuen Angebotes Runenyoga. "Durch die Übungen stärken Sie Ihr Immunsystem, Haltungsschäden verbessern sich, der Stoffwechsel wird harmonisiert, Konzentrationsfähigkeit wird gefördert", steht in der Kursbeschreibung. "Schon die alten Germanen wussten um die starke Wirkung der Runenenergie."Kursleiterin Barbara "Druida" Stapper bezeichnet sich selbst als Hexe. Als Qualifikation verweist sie auf ihrer Internetseite auf ein Zertifikat einer "Runenschamanin". Beim Runenyoga würden Runen "mit dem Körper nachgestellt und der Name der Rune intoniert". Runenyoga sei wirkungsvoller als Yoga, weil es dessen positive Effekte durch das "alte Wissen der Germanen" verstärke.

Der Leiter des Medizinischen Qualitäts-Netzwerks Zweibrücken (MQZ), Dr. Ulrich Gensch, hält normales Yoga prinzipiell für sinnvoll, "weil es die Seele entspannt". Doch es gebe "keine nachweisbaren schulwissenschaftlichen Erkenntnisse, dass Runenyoga irgendwas bewirkt. Wer das partout machen will, kann es tun - Glaube versetzt ja manchmal auch Berge. Ich würde es aber nicht machen."

Die städtische Frauenbeauftragte Monika Kuppitz kooperiert schon länger mit Druida. Jetzt folgten elf Frauen und zwei Männer der Einladung von Kuppitz ins Mehrgenerationenhaus, wo Druida ihren am 4. Februar startenden VHS-Kurs vorstellte. Auf die Frage, worauf die von ihr und der VHS behaupteten gesundheitsfördernden Wirkungen des Runenyogas beruhen, antwortet Kuppitz: "Das ist meine Erfahrung. Wir haben am Dienstagabend Wirkungen erlebt, das heißt es gibt Wirkungen. Man merkte die Energie im Körper, Schmerzempfinden an bestimmten Stellen, Temperaturveränderungen." Ist die Gesundheitsförderung auch wissenschaftlich belegt? "Schulmedizinisch wüsste ich nicht."

VHS-Chef Helmut Ertel kennt auch keine Belege für die von der VHS behaupteten gesundheitlichen Runenwirkungen. Ein Problem sieht er darin aber nicht: "Wir bieten auch andere Gesundheitskurse an, die bei der klassischen Medizin umstritten sind." Jeder müsse selbst entscheiden, was er für die Gesundheit tue. Auch Oberbürgermeister Helmut Reichling und Sigrid Hubert-Reichling (in ihrer Bibliotheca Bipontina referierte Stapper über Kräuter und weise Frauen) seien von Druida "sehr angetan".

CDU-Ratsfraktionschef Eckhart Schiller hat "starke Bedenken" dagegen, dass die VHS Runenyoga lehrt: "Alles, was einen spiritistischen Touch hat, ist für mich bedenklich, das hat einen leichten Touch von Sekte." Fritz Presl (SPD) und Walter Hitschler (FDP) wollen sich noch informieren. Presl fragt aber: "Was hat Runenyoga mit den Aufgaben einer Frauenbeauftragten zu tun?" Und Hitschler sagt: "Zweifelnde Fragen sind angebracht." FWG-Chef Kurt Dettweiler dagegen "will nicht zu allem Nein sagen - der VHS-Leiter wird sich dabei etwas gedacht haben. Falls die Kursgebühren die Kosten decken, kann ich damit leben."

Für Gertrud Schanne-Raab (Grüne Liste) ist es "einfach eine Frage des Marktes", ob die VHS Runenyoga anbieten soll oder nicht. Linke-Chef Matthias Nunold sagt: "Arisch begeistert bin ich nicht. Die VHS sollte sich aufs Wesentliche konzentrieren, Weiter- und Fortbildung." Bei genug Resonanz könne die VHS aber Runenyoga wieder anbieten

Meinung

Hokuspokus mit Nebenwirkungen

Von Merkur-RedakteurLutz Fröhlich

Deutschland ist ein freies Land. Wer Runenyoga machen will, kann dies tun. Doch der Staat sollte solch obskuren Hokuspokus nicht fördern. Schon gar nicht eine hoch verschuldete Stadt wie Zweibrücken. Gesundheitlich schädlich ist es zwar sicher nicht, mit dem Körper Runen nachzubilden. Doch die gesellschaftlichen Nebenwirkungen sind gefährlich. Zum einen leiden der Ruf der Gleichstellungsstelle und der VHS - bei der die Bürger darauf vertrauen, dass sie seriöse Angebote macht. Doch Runenenergie für gesundheitsfördernd erklären, die Übungen gerade auch älteren Menschen empfehlen - das ist verantwortungslos. Hinzu kommt die Instrumentalisierung von Runen durch die Nazis. VHS-Kursleiterin Druida ist zwar, wie man ihrer Internetseite schnell entnehmen kann, weit entfernt von Nazi-Ideologie. Doch die Grenzen sind fließend: Auf Druidas Youtube-Diashow ist man nur einen Klick von "HHimmler 33", "wodansmaiden" und "Bloodstorm" entfernt. Eine Stadt, die wegen der Zweibrücker Neonazi-Kameradschaft im Verfassungsschutzbericht unrühmlich viel Platz einnimmt, sollte sensibler sein.

Hintergrund

Runenmystik und vorchristliche Symbolik erleben gerade unter rechtsextremistisch eingestellten Jugendlichen eine unübersehbare Renaissance, sie seien auch beim Runenyoga zu beobachten, schreibt die Landeszentrale für politische Bildung Brandenburg. Um die germanische Identität zu stärken, wurde unter Hitler der Runenkult gefördert. Die von der Zweibrücker VHS-Kursleiterin Druida verwendeten Runen sind allerdings wesentlich älteren Ursprungs. VHS-Chef Helmut Ertel verweist darauf, dass die Volkshochschule auch Kurse zur Enttarnung von Nazi-Ideologie anbiete. "Uns ist bewusst, dass Nazis Runen missbrauchen. Aber für interessierte, aufgeklärte Bürger sind Runen nicht negativ besetzt." lf